Aneurysma in Bauch oder Kopf: Die stumme Zeitbombe

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Erweiterte Blutgefäße in Kopf oder Bauch sind Zeitbomben. Ein Niesen kann reichen, und sie platzen - mit tödlichen Folgen für die Betroffenen. Dabei könnte ein Screening Aneurysmen an der Bauchschlagader frühzeitig erkennen helfen.

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Corbis

Dreidimensionale CT-Aufnahme: Erweiterte Hauptschlagader unterhalb der Nieren

Eben noch jung, erfolgreich und gesund - im nächsten Moment eine schwerstkranke Patientin. Diese schmerzvolle Erfahrung musste die frühere ARD-Sportmoderatorin Monica Lierhaus machen. Sie wollte 2009 ein erweitertes Blutgefäß in ihrem Kopf operieren lassen, ein Aneurysma. Während des Eingriffs kam es zu zerstörerischen Hirnblutungen. Fast vier Monate lag Lierhaus anschließend im Koma. Die junge Frau erwachte und fand sich in einem völlig anderen Leben wieder: Sie lernte das Sprechen neu und das Gehen, heute moderiert sie bei der ARD-Fernsehlotterie.

Monica Lierhaus wusste von der Gefäßfehlbildung in ihrem Kopf. Viele andere junge Menschen sind ahnungslos. Bis zu 12.000 lebensbedrohliche Hirnblutungen infolge eines Aneurysmas im Kopf gibt es jährlich, deutlich mehr Frauen als Männer sind betroffen. Die Gefäßaussackungen sind zwar mit Hilfe von Computertomografie (CT) oder Kernspinuntersuchung sichtbar (MRT), doch die sind teuer und bei der CT mit einer Strahlenbelastung verbunden.

Aneurysmen treten nicht nur im Kopf auf, sondern zum Beispiel auch an der Hauptschlagader, der Aorta. Etwa eine Million Menschen leben in Deutschland mit einer derartigen Zeitbombe, ohne es zu ahnen. Die Strömungskräfte des Blutes und hoher Blutdruck vergrößern eine Gefäßausbuchtung immer mehr. Ist sie groß genug, kann das Aneurysma platzen, urplötzlich und mit gravierenden Folgen. Das haben die Gebilde in Kopf, Bauch und Brust gemeinsam. "Ansonsten handelt es sich um zwei Krankheitsbilder, die klar zu trennen sind", so der Gefäßspezialist Hans-Henning Eckstein von der Technischen Universität München.

Platzt ein Aneurysma im Gehirn oder Bauch, kann das für den Patienten fatal sein: Er droht, innerliche zu verbluten. Patienten, die überleben, haben häufig einen langen Weg vor sich, um zurück ins normale Leben zu finden. Wenn es ihnen überhaupt gelingt.

Aneurysmen im Bauch wären frühzeitig erkennbar

Männer sind an der Aorta fünfmal so oft von Aneurysmen betroffen wie Frauen. Die Ausbuchtungen treten vor allem im Bauch auf, bei jedem Zehnten platzt das Aneurysma. "Ganze fünf Minuten für einen simplen und günstigen Check der Bauchaorta mittels Ultraschall könnten diesen Menschen das Leben retten", sagt Eckstein, der die gefäßchirurgische Klinik der TU München leitet. "Jeder Arzt mit Ultraschallgerät kann eine derartige Untersuchung durchführen. Sieht die Bauchschlagader auffällig aus, muss er den Patienten einfach an einen Gefäßspezialisten überweisen. Das war es." Doch bislang wird das Aneurysma im Bauch zumeist zufällig entdeckt.

Eckstein kämpft seit Jahren vehement für ein Screening. Internationale Studien stützen sein Anliegen: Britische Forscher haben erst kürzlich die Daten der großen "UK Multicentre Aneurysm Screening Study" (MASS) im Fachmagazin "British Journal of Surgery" veröffentlicht. Ihr Fazit: Auch 13 Jahre nach dem Screening profitierten Studienteilnehmer immer noch davon.

"Nur 300 Patienten müssten sich untersuchen lassen, um einen Todesfall infolge eines platzenden Aneurysmas innerhalb von fünf Jahren zu verhindern", so Eckstein. Das sei eine bessere Quote als beim Brustkrebs-Screening. "Mehrere große und gut gemachte Studien zeigen ganz klar, dass dort, wo diese Vorsorgeuntersuchung durchgeführt wird, weniger Aneurysmen platzen."

Risikofaktoren Rauchen, Bluthochdruck, Blutfette

Inzwischen gebe es erste positive Signale vom Gemeinsamen Bundesausschuss (GBA). "Bis zum Herbst kommenden Jahres liegt vielleicht eine politische Entscheidung zu diesem Thema vor", hofft Eckstein.

In den USA und in Großbritannien gibt es bereits Früherkennungsprogramme. Wichtig sind sie insbesondere für Männer ab 65 Jahren, wenn sie rauchen oder geraucht haben, in der Familie bereits ein Aneurysma an der Bauchschlagader aufgetreten ist oder sie an Arteriosklerose leiden.

Ist das Aneurysma einmal entstanden, kann es von selbst nicht mehr kleiner werden. Doch betroffene Patienten können versuchen, das weitere Anwachsen zu verhindern: Die Blutfettwerte und den Blutdruck mit Hilfe von Medikamenten normalisieren und aufhören zu rauchen. Das Rauchen begünstigt nicht nur das Aneurysmenwachstum, sondern auch das Platzen.

"Beim Befund Aortenaneurysma muss man aber nicht gleich in Panik verfallen", so Eckstein. Nicht jedes Aneurysma der Schlagader sei kritisch. Liegt der Durchmesser unter drei Zentimetern, kann man erst einmal abwarten und dann zwischendurch kontrollieren. Größere Aussackungen erfordern regelmäßige Kontrollen. Ab einem kritischen Durchmesser muss operiert werden: Beim Mann liegt diese Grenze zwischen fünf und fünfeinhalb Zentimetern. Bei Frauen wird es schon ab viereinhalb Zentimetern bedenklich. "Wir können ein Aneurysma an der Bauchaorta inzwischen wirklich gut behandeln. Die Patienten haben hinterher eine fast normale Lebenserwartung. Auch das spricht ganz klar für ein Screening", betont Eckstein.

Behandlungsmethoden von Aneurysmen
Für Mobilnutzer: Lesen Sie hier über die verschiedenen Arten von Aneurysmen und den Behandlungsmethoden.

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Zur Autorin
  • Gerlinde Gukelberger-Felix hatte bereits während ihres Physikstudiums in Karlsruhe und den USA mit Biologie und Medizin zu tun. Sie arbeitet als freie Wissenschafts- und Medizinjournalistin.

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