Organhandel "Es gibt auf beiden Seiten Extremisten"

Die Armut treibt syrische Flüchtlinge dazu, ihre Organe zu spenden. Nach SPIEGEL-Informationen sind es so viele, dass die Preise für Nieren sinken. Doch der Handel ist nicht nur verwerflich. Medizinethiker Nir Eyal spricht im Interview über das Für und Wider.

Von Ulrike Putz, Beirut

Skalpell: Mehrere Argumente sprechen für einen staatlich regulierten Organhandel
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Skalpell: Mehrere Argumente sprechen für einen staatlich regulierten Organhandel


SPIEGEL ONLINE: Im Oktober haben kanadische Nephrologen von der Universität Calgary erklärt, dass es sinnvoll sein könnte, Nierenspendern einen finanziellen Anreiz von 10.000 US-Dollar zu bieten. Herr Eyal, Sie sind Professor für Ethik in der Medizin an der Universität Harvard. Sind Deals "meine Niere gegen dein Geld" die Zukunft?

Eyal: Die Organverpflanzungen betreffenden ethischen Fragen sind hochkomplex. Einfache Antworten gibt es nicht, die Debatte wird auch unter Fachleuten sehr erbittert geführt. Da gibt es auf beiden Seiten Extremisten.

SPIEGEL ONLINE: Welches sind die Positionen Für und Wider den legalisierten Organhandel?

ZUR PERSON

Nir Eyal wurde 1970 in Tel Aviv geboren und studierte dort und in Jerusalem Philosophie. Seinen Doktor in Politikwissenschaften machte er an der Oxford University. Seit 2002 lebt er in den USA und forscht zu Fragen der Bioethik. Nach Stationen an der Princeton University und den US-National Institutes of Health lehrt er derzeit an der Harvard University und der Harvard Medical School Sozialmedizin und Ethik der Medizin.

Eyal: Hier in den USA gibt es Ultraliberale, die glauben, dass auch der Organhandel völlig frei sein sollte, weil die Gesetze des Marktes ihn von selbst regulieren würden. Wenn ein mündiger Bürger seine Organe verkaufen wolle, solle ihm das niemand verbieten, sagen sie. Offener Handel mit zum Beispiel Nieren würde den Schwarzmarkt schädigen und über kurz oder lang verschwinden lassen.

SPIEGEL ONLINE: Und das andere Extrem?

Eyal: Die Gegenposition wird zum Beispiel von der Weltgesundheitsorganisation WHO vertreten. Sie lehnt finanzielle Entschädigungen ab, egal, ob Leute schon zu Lebzeiten eine Niere spenden oder nach ihrem Tod mehrere Organe zur Verfügung stellen wollen. Eins ihrer Argumente: Organkäufer würden die Armut anderer ausnutzen. In der Leitlinie, in der sich die WHO gegen Organhandel stellt, heißt es: "Er vermittelt den Eindruck, dass einige Personen weniger Würde besitzen als andere, dass sie nur Objekte sind, die von anderen benutzt werden."

SPIEGEL ONLINE: Gibt es denn gar keine Möglichkeit zum Kompromiss?

Eyal: Doch, und es gibt immer mehr Interesse an den Argumenten der gemäßigten Mitte - obwohl auch diese nicht unproblematisch sind. Gemäßigte Befürworter sagen, dass die Einführung eines regulierten und limitierten Markts, dessen Preise sich nicht nach der Nachfrage richten, durchaus Sinn machen könnte. Da wird mit Gedanken gespielt, dass eine dem Staat unterstellte Hilfsorganisation den Spendern ihre Nieren abkauft, diese dann aber gratis, auf Basis medizinischer Erwägungen, an die Empfänger verteilt. Diese Hilfsorganisation würde dann auch die Qualität der Eingriffe überwachen und sicherstellen, dass der Spender über alle Risiken aufgeklärt ist.

SPIEGEL ONLINE: Doch wie könnte dabei vermieden werden, dass wieder die Ärmsten Teile ihres Körpers verkaufen, während Reiche körperlich unversehrt durchs Leben gehen?

Eyal: Auch dazu gibt es Überlegungen. Statt Geld auszuzahlen könnte Spendern die Rückzahlung von Studiengebühren erlassen werden. Oder sie bekämen einen Rabatt auf ihre Einkommensteuer. Das wären Anreize, die für die ärmsten und gefährdetsten Gesellschaftsschichten nicht attraktiv sind. Denn die Ärmsten zahlen keine Einkommensteuer und gehen selten zur Uni. Dabei ist allerdings wieder zu bedenken, dass es nicht logisch erscheint, ausgerechnet armen Menschen diese Möglichkeit, Geld zu machen, zu verwehren. Ein anderer Ansatz wäre, für diejenigen, die sich bereit erklären, nach ihrem Tod Organe zur Verfügung zu stellen, die Beerdigungskosten zu übernehmen.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es Länder, die den Verkauf der eigenen Innereien erlauben?

Eyal: Iran ist derzeit das einzige Land, in dem Organhandel legal ist und vom Staat reguliert wird. Eine Hilfsorganisation kauft die Organe und verteilt sie auf medizinischer Basis. Die Ergebnisse sind gemischt: Einerseits ist die Warteliste für Nierentransplantationen deutlich kürzer. Andererseits werden Verkäufer schrecklich stigmatisiert und als "Halbmenschen" verunglimpft. Sie haben Schwierigkeiten, eine Ehefrau oder einen Job zu finden. Auch hört man, dass reiche Iraner Verkäufer durch Geldzahlungen zusätzlich zum staatlichen Geld zu bestechen versuchen.

SPIEGEL ONLINE: Der Verkauf von Körperteilen ist also nicht unbedingt moralisch verwerflich. Gilt das auch für den Schwarzmarkt? Organ-Dealer behauptet gern, der Verkauf einer Niere sei ein Win-Win-Geschäft, bei dem Spender wie Empfänger profitieren.

Eyal: Illegaler Organhandel ist schrecklich. Oft erfüllen Händler ihre Verträge nicht, sie wenden Gewalt an oder vernachlässigen die Gesundheit des Spenders. Das macht eine relativ sichere Prozedur wie zum Beispiel eine Nierenspende zu einer gefährlichen Angelegenheit. Auf dem Schwarzmarkt werden Leute betrogen, ihre Gesundheit wird ruiniert, ihr Leben wird gefährdet.

SPIEGEL ONLINE: Was kann getan werden, um den Schwarzmarkt einzudämmen?

Eyal: Viel einfacher als die Einführung eines geregelten Marktes ist es, wenn wir alle einen Organspenderausweis ausfüllen. Das ist einfach, kann nach unserem Tod gleich mehreren Menschen das Leben retten und unserem Ableben so Bedeutung geben. Außerdem sollten wir wesentlich mehr tun, um Nierenkrankheiten zu verhindern. Die Menschen müssen ermuntert werden, sich gesund zu ernähren und sich viel zu bewegen.

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Obi-Wan-Kenobi 10.11.2013
1.
Zitat von sysopDPADie Armut treibt syrische Flüchtlinge dazu, ihre Organe zu spenden. Nach SPIEGEL-Informationen sind es so viele, dass die Preise für Nieren sinken. Doch der Handel ist nicht nur verwerflich. Medizinethiker Nir Eyal spricht im Interview über das Für und Wider. http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/ethiker-nir-eyal-im-interview-fuer-und-wider-des-organhandels-a-932767.html
Wer in der komfortablen Lage ist Einkommensteuerpflichtig zu sein wird wohl kaum so dämlich sein für einen Rabatt eine Niere zu opfern. Nieren sind nicht, wie Haare am Rücken - nice to have, aber weitestgehend nutzlos - sondern lebenswichtige Organe und wenn ich heute eine Niere spende kann mir das morgen schon leid tun. Egal welches Modell man versucht um den Organhandel zu kommerzialisieren, das ganze Fachgebiet ist stark korruptionsanfällig und letztendlich läuft es immer darauf hinaus, dass einer ohne Geld bereit ist eine Niere zu opfern und einer mit Geld bereit ist viel für eine zu bezahlen und sich auch nicht fragt woher die Niere kommt. Dann lieber staatlich reglementierter Preis. eine Niere kostet 1 Mio. Euro. Dann hat der Spender so viel, dass er sich davon eine Existenz aufbauen kann und der Empfänger bringt auch diesen Betrag auf, wenn sein Leben davon abhängt. Und wer die Mio. nicht hat muss eben warten bis ein reguläres Spenderorgan zur Verfügung steht.
paoloDeG 10.11.2013
2. Menschenteile auf den Mark!
Jeder Individuum hat seine Seele, sein Geist und sein Körper! Damit kann mann anderen Menschen helfen! Aber nicht mal ein Bruchteil davon darf verkauft oder verschenkt werden, sondern jeder selbst benutzen! In Italien verschwinden zehn tausend Menschen auf Nimmerwiedersehen, in Frankreich auch soviel, in Deutschland auch soviel und in allen Ländern verschwinden auch Menschen! Man kann denken das mindestens ein zehntel sind Opfer von Entführern- oder Terroristen-Netzwerken, die sie wie Sklaven behandeln und vieleicht auch Menschenhandel und Organhandel betreiben! Man soll alles tun um barbarische Praxis zu hindern! Arme Menschen dazu bringen ein Körperteil zu verkaufen um Hunger zu stillen das ist unmenschlichd, grausam und gegen die Würde des Menschen!
slider 10.11.2013
3. SPON hat es auf den Punkt gebracht
SPON: "Doch wie könnte dabei vermieden werden, dass wieder die Ärmsten Teile ihres Körpers verkaufen, während Reiche körperlich unversehrt durchs Leben gehen? " Das ist doch nichts Neues. Die Krüppel, die aus den Kriegen nach Hause kommen, dass sind nicht die Kinder der Reichen. Hier wird auch nicht nach "Gerechtigkeit" gerufen, dass auch Reiche ihre Kinder an die Front schicken müssen.
jojo1987 10.11.2013
4.
Die einzige Kosequenz aus dem florierenden Schwarzmarkt für Organe kann doch nur sein, denjenigen, der ein solches Organ annimmt aufs schärfste zu bestrafen, nicht aber einen solchen Handel noch zu legalisieren! Ich muss mich doch sehr wundern, wie man soetwas überhaupt in Erwägung ziehen kann, ein bitterarmer Mensch aus der dritten Welt mag vielleicht mündig sein, aber seinen Entscheidung, eine Niere zu verkaufen, damit seine Familie nicht verhungert, ist sicherlich nicht frei getroffen!
JaguarCat 10.11.2013
5. Organhandel ist fast so wie Sklavenhandel
... denn da verkauft jemand ein Teil von sich selbst. Im ungünstigsten Fall stirbt er später daran, nämlich, wenn die verbliebene Niere krank wird. Ultraliberale würden aber wahrscheinlich sogar die "Selbstversklavung" befürworten, wenn angeblich frei entscheidende Erwachsene diese durchführen. Meine Meinung zu dem Thema: Ganz bewusst MEHR Transparenz in Organtransplantationen. Der Empfänger SOLL wissen, wer der Spender ist (bzw. bei Spenden von Toten dessen Verwandten sind). Dann nur dann haben die Ärzte Ärger zu befürchten, wenn sie Spender auf unethische Weise akquirieren. Jag
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