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11. Dezember 2012, 16:14 Uhr

Riskantes Experiment

Veränderte Immunzellen heilen Kind von Leukämie

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US-Mediziner feiern einen Erfolg: Mit Hilfe von genetisch veränderten Immunzellen haben sie das Leben eines siebenjährigen Mädchens gerettet, das an Leukämie litt. Für Emily war es die letzte Hoffnung - ein Pharmakonzern wittert in der experimentellen Methode nun das große Geschäft.

Es ist eine Geschichte, von der viele Wissenschaftler träumen und die dann in Erfüllung geht, wenn sich die Mühen jahrelanger Forschung auszahlen - und wenn auch noch die ganze Welt davon erfährt. Für den Immunologen Carl June wurde dieser Moment jetzt wahr.

Auf der Jahrestagung der American Society of Hematology in Atlanta hat der Forscher von der University of Pennsylvania in Philadelphia am Montag dem Fachpublikum seinen neuesten medizinischen Fall vorgestellt, der nun als Sensation gefeiert wird: June und sein Team haben ein Mädchen geheilt, das an der Akuten Lymphatischen Leukämie (ALL), einer aggressiven Form von Blutkrebs litt, die heutzutage bei den meisten Betroffenen durch Chemotherapie gut heilbar ist. Bei dem siebenjährigen Mädchen aber schlug sie fehl - und es bestand kaum noch Hoffnung.

Seinen Auftritt in Atlanta hat June gewissenhaft geplant: Zeitgleich zu seinem Vortrag erschien in der "New York Times" die berührende Geschichte der Emily Whitehead und der Ärzte, die ihr das Leben retteten.

Emily wurde Teil eines experimentellen Heilversuchs, der nur bei jenen Patienten angewendet wird, die als austherapiert gelten. Die Ärzte verabreichten Emily körpereigene Immunzellen, die sie ihr zuvor entnommen und gentechnisch mit Hilfe von abgewandelten HI-Viren verändert hatten.

Es ist ein neues Verfahren. Niemand konnte vorher sagen, ob es funktionieren würde. Für Emily und ihre Eltern war es die letzte Chance.

"Irgendwann werde ich wollen, dass alles vorbei ist"

7. November 2011. Es ist der Tag, an dem Emily ihre Mutter fragt: "Was werde ich tun, wenn mein Krebs wieder zurückkehrt?" "Wir werden weiter dagegen kämpfen", antwortet ihre Mutter Kari Whitehead. So erzählt sie es im Facebook-Profil, das die Eltern für Emily angelegt haben, und das sich wie ein Tagebuch einer verzweifelten Familie liest, die gegen den Krebs ihrer einzigen Tochter kämpft. "Nun, irgendwann werde ich zu müde sein und wollen, dass alles vorbei ist", antwortet Emily. "Und ich werde sterben wollen, damit ich nichts mehr spüre."

17. April 2012. Emily hat zwei enorm kräftezehrende Chemotherapien hinter sich. Ohne Erfolg. Die Ärzte im Children's Hospital of Philadelphia legen ihr nun die Infusion, die Emily das Leben rettet. Sie enthält Hunderttausende T-Zellen, isoliert aus ihrem eigenen Blut. Sie sollen nun gegen die Krebszellen ankämpfen.

Die Methode von Carl Junes Team besteht darin, die T-Zellen genetisch so umzuprogrammieren, "dass sie zu Serienkillern" werden, wie June es beschreibt: Dazu macht er sich veränderte HI-Viren zunutze. Als Retroviren können diese ihr Erbgutmaterial in Emilys T-Zellen einschleusen. Es enthält die Information für ein Protein, das auf der Oberfläche der T-Zellen präsentiert wird. Dadurch entstehen die sogenannten CART-Zellen (chimäre Antigen-Rezeptor-T-Zellen). Diese sind in der Lage, die sogenannten B-Zellen in Emilys Blut zu attackieren - darunter auch die krankhaft wuchernden Lymphzellen.

Heftiger Zytokin-Sturm

Ende April 2012. Die Ärzte und die Eltern wissen, dass der beginnende Kampf zwischen CART- und B-Zellen im Emilys Körper nicht ohne Nebenwirkungen ablaufen wird. Doch was dann folgt, ist schlimmer als erwartet. Wenige Tage nach der Infusion machen sich grippeähnliche Symptome bemerkbar. Ein gutes Zeichen, schließlich sollen sich die veränderten T-Zellen vermehren, um möglichst viele Krebszellen auszuschalten. Dabei schüttet der Körper Substanzen aus, sogenannte Zytokine, die dem Körper einiges abverlangen. Doch Emily bekommt Schüttelfrost und Fieber, ihr Zustand verschlechtert sich dramatisch. Ein sogenannter Zytokinsturm überfällt ihren Körper, die Ärzte verlegen das Mädchen auf die Intensivstation.

Es ist das erste Mal, dass die Ärzte eine so verheerende Reaktion beobachten. Vor Emily haben zehn weitere Patienten mit ALL oder chronischer lymphatischer Leukämie (CLL) bereits die experimentelle Immuntherapie erhalten. Immer gab es die typischen grippeähnlichen Symptome, aber auch Atemnot, Schwindel oder Durchfall. Doch bei keinem waren sie so ausgeprägt wie bei der Siebenjährigen.

Im August 2011 hatte das Team um Carl June den ersten Erfolg an die Öffentlichkeit gebracht: Bei zwei von drei Patienten mit chronischer Leukämie verdrängten die CART-Zellen den Krebs komplett, im dritten Fall zumindest teilweise. Die Ergebnisse der anderen sieben Patienten sind dagegen durchwachsen. Wie Carl June auf dem Hämatologie-Kongress jetzt in Atlanta berichtete, schlug die Therapie in zwei Fällen gar nicht an, einem weiteren Kind ging es zunächst besser, doch der Krebs kehrte zurück. Bei vier weiteren Patienten hat sich der Zustand zwar verbessert, offenbar waren die veränderten T-Zellen aber nicht in der Lage, genügend Krebszellen zu eliminieren.

T-Zellen statt Knochenmarkstransplantation

Die Wissenschaftler um June aber halten an ihrer Pionierleistung fest. Ihr Ziel ist es, Patienten mit ALL oder CLL, bei denen die Chemotherapie versagt, eine Lebenschance zu geben und ihnen eine aufwendige Transplantation des Knochenmarks zu ersparen. Diese ist für einige Patienten die letzte Heilungschance. Doch das Prozedere ist teuer, eine immense Belastung für den Patienten, und mit einer Reihe von Komplikationen verbunden. Einige davon plagen die Betroffenen jahrelang.

Dass eine Immuntherapie ebenfalls ein riskantes Unterfangen sein kann, müssen Emilys Eltern hilflos miterleben. Auf der Intensivstation verschlechtert sich der Zustand ihrer Tochter aufgrund der hohen Interleukin-Werte immer weiter. Schließlich hat einer der Onkologen die rettende Idee. Er verabreicht der kleinen Patientin ein Medikament, das bei rheumatoider Arthritis, einer entzündlichen Erkrankung der Gelenke, zum Einsatz kommt und den Interleukin-Spiegel senkt. Binnen kürzester Zeit geht es Emily besser.

Novartis setzt auf die Immuntherapie

Nun wittert der Pharmakonzern Novartis das große Potential der CART-Immuntherapie: Im August verkündete die Firma die Gründung einer neuen Forschungsallianz mit der Pennsylvania University und eines Center for Advanced Cellular Therapies in Philadelphia. Seither hält Novartis die Rechte an der Kommerzialisierung der CART-Zellen, die für jeden Patienten einzeln hergestellt werden müssten. Ein Umstand, der nicht jedem gefällt: Angesichts dieser Allianz sehen manche Kritiker die Unabhängigkeit der Forschung bereits auf verlorenem Posten.

Bis es die Therapie in die Praxis schafft, liegt vor den Wissenschaftlern jedoch noch ein weiter Weg. Noch wissen sie bisher etwa nicht, warum die Therapie bei manchen anschlägt, bei anderen wiederum nicht. Bereits im August hatte Anthony Ho, Leukämie-Experte am Universitätsklinikum Heidelberg, der nicht an Junes Experimenten beteiligt war, vor einer allzu großen Begeisterung gewarnt: "Es gab in den vergangenen Jahrzehnten oft genug Therapieideen, die bei den ersten Patienten großartig gewirkt haben. Aber in größeren Studien waren die Ergebnisse dann weit weniger überzeugend."

Die Forscher wissen auch nicht, wie lange die modifizierten T-Zellen im Blut der Patienten verweilen und die entarteten B-Zellen in Schach halten. Bei einigen waren sie noch ein Jahr nach der Infusion im Körper der Patienten. Der Knackpunkt: Die Zellen greifen nicht nur die wuchernden B-Zellen im Blut an, sie richten sich auch gegen normale B-Zellen. Doch was passiert auf lange Sicht, wenn auch gesunde Lymphzellen angegriffen und zerstört werden? Möglicherweise wird Emily ihr Leben lang anfällig für Infektionen sein. Endgültig können das die Forscher nicht sagen.

Für Emily spielt das vorerst keine Rolle. Auf den Bildern von Facebook sieht man sie lachen und strahlen. Ihr braunes Haar ist wieder zu einer hübschen Kurzhaarfrisur gewachsen. Emily geht zur Schule. Und sie spielt Streiche: Als TV-Reporter in ihrem Haus sind, um die Familie zu filmen, mogelt sie eine nackte Barbie-Puppe ins Bild - gut sichtbar im Weihnachtsbaum hängend.

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