Ich bin selbst schuld, ich habe nicht aufgepasst. Meine Mitbewohnerin hatte Husten - und ich habe ihn nicht ernst genommen. Ein bisschen hat sie mich auch gelinkt, erst meinte sie nämlich, sie habe ein Kratzen in der Lunge, nachdem sie ein Haar eingeatmet habe. So ein Quatsch, dachte ich. Ich hörte sie husten, aber sie hatte weder Schnupfen noch Halsschmerzen - das erschien mir kein ernsthaftes Krankheitsbild, kein ernsthaftes Infektionsrisiko.
Sonst hätte ich meine üblichen Vorsichtsmaßnahmen ergriffen: Tür-, Fenster- und Schrankgriffe nur mit Handschuhen oder einem Waschlappen anfassen (die beste Schutzvariante, wenn man selbst nach dem Händewaschen nasse Finger hat). Alles, was man oft berührt, regelmäßig mit Alkohol abreiben. Also etwa Lichtschalter, Brotmesser, Wasserhähne und Kühlschrankgriff. Außerdem soziale Abgrenzung; wenn nicht komplett durchführbar, dann Mundschutz tragen. Jahrelang bin ich mit dieser Taktik gut gefahren. Und was mache ich jetzt? Gucke mit meiner Mitbewohnerin Fernsehen, umarme sie, atme ungefiltert die Luft, die sie aushustet.
39,6 Grad Fieber
Zwei Tage später huste ich auch und fühle mich hundeelend, Fieber, 39,6 °C. Damit bin ich nicht alleine - So heftig wie dieses Jahr ist die Grippewelle in Deutschland schon lange nicht mehr ausgefallen. Ich dämmere vor mich hin, im Halbschlaf habe ich genügend Zeit, mir Gedanken darüber zu machen, wie ich mich infiziert habe. Meine Theorie: Ich muss die Keime von meiner Mitbewohnerin direkt durch den Mund in die Lunge eingeatmet haben - sonst hätten doch vor den Bronchien Hals und Nase betroffen sein müssen.
Bestimmt hat es mich weiter geschwächt, dass ich im Hallenbad war, nach dem Duschen vergingen wohl sieben Minuten, bis ich mir die Haare trockenföhnte. Und das Krafttraining Samstagmorgen hat mir den Rest gegeben. Oder habe ich mich nicht bei meiner Mitbewohnerin angesteckt, sondern doch im Hallenbad oder beim Training, weil ich etwas angefasst habe, was kontaminiert war? Es ist ärgerlich, dass man nie genau weiß, wo man sich angesteckt hat. Sonst könnte man zumindest eine Infektionsquelle für die Zukunft ausschalten.
Auf der Suche nach der Ursache meiner Krankheit, finde ich die Facebook-App "Help I Have The Flu" ("Hilfe, ich habe die Grippe"). Ich melde mich an und werde begrüßt mit den Worten: "Hallo, tut mir leid, dass du die Grippe hast - aber nichts wird dir ein besseres Gefühl verschaffen, als jemanden dafür beschuldigen zu können!" Die wissen, was ich brauche. Meine Mitbewohnerin zu überführen, mich angesteckt zu haben, würde mich wirklich froh machen (und vielleicht könnte ich damit durchkommen, ihr zwei Monate Putzdienst aufzubrummen, als Wiedergutmachung). Dass ich mich hier die ganze Zeit auch noch selbst fertigmache dafür, dass ich die Grippe habe, stärkt jedenfalls nicht gerade mein Wohlbefinden. Außerdem: Ich kann mich ja nicht selbst angesteckt haben, jemand anders MUSS schuld sein.
Die App-Anleitung fährt fort: "Benutze den Button unten, um herauszufinden, wer von deinen Freunden verantwortlich ist für dein Leiden. Danach wirst du möglicherweise aussuchen können, ob du denjenigen in Quarantäne schickst oder ob du ein gütiger Mensch bist und ihm hilfst." Ich weiß es jetzt schon: alle Virenschleudern in Quarantäne für sechs Wochen! Ich drücke den Button - und erhalte die Auskunft. "Alle deine Freunde sind anscheinend sehr gesund und es geht ihnen gut." Super, erst verbreiten sie Viren, jetzt geht es Ihnen auch noch prima und nur ich liege im Bett. Schweine!
Verräterische Posts
Als ich mich wieder beruhigt habe, fällt mir auf. Die App screent die Facebook-Kommentare meiner Freunde auf Wörter, die auf eine Grippe hindeuten - aber es ist eine englischsprachige App und meine Freunde klagen meistens auf Deutsch. Man kann natürlich auch fragen, wer - in welcher Sprache auch immer - überhaupt postet, dass er total vergrippt ist, schließlich ist es nicht besonders sexy.
So dachte ich auch, bis zu meiner Grippe: Aber nach zwei Tagen im Bett, habe ich in einem Post ziemlich ungeniert durchblicken lassen, dass ich krank bin. Bei einer Grippe liegt man so lange nichtsnutzig herum, dass man kaum umhin kommt, wenigstens ein bisschen Mitleid bei seinen Freunden einzusammeln. Diese "Hilfe, ich habe die Grippe"-App könnte mich nächste Grippesaison also tatsächlich vor Ansteckung schützen. Die Leute würden Krankheitssymptome posten - ich sie im real life meiden.
Sobald ich wieder gehen kann, werde ich dafür sorgen, dass eine deutsche Version auf den Markt kommt - dann kann ich ab nächsten Herbst alle außer mir in Quarantäne schicken.
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