Fäkalientransplantation Mediziner streiten um heilsamen Stuhl

Im Kampf gegen Durchfall pflanzen Ärzte Patienten die Darmbakterien gesunder Spender ein. Jetzt fordern sie, dass die erfolgreiche Methode in Deutschland endlich zugelassen wird.

CT-Scan des Darms: Eine Fäkalienspende enthält etwa tausend Bakterienarten
Corbis

CT-Scan des Darms: Eine Fäkalienspende enthält etwa tausend Bakterienarten


Was des einen Schmutz ist, das kann des anderen Schatz sein, findet Andreas Sturm, Chefarzt der Inneren Medizin des Krankenhauses Waldfriede in Berlin-Zehlendorf - und überträgt den Stuhl gesunder Spender auf kranke Menschen. "Die Ergebnisse sind extrem gut", sagt Sturm. Bisher hat er acht Patienten behandelt, die mit dem gefährlichen Keim Clostridium difficile angesteckt waren und deshalb hartnäckigen Durchfall hatten - sie alle wurden geheilt.

Am Universitätsklinikum Ulm wartet der Arzt Alexander Kleger mit einer ebenso guten Bilanz auf. Hier bekamen vier Durchfallpatienten, denen sonst nichts mehr half, die Spende verabreicht - und "allen geht es gut". Weltweit mehr als 400 Fälle haben Ärzte inzwischen in der Literatur beschrieben - mit einer Erfolgsrate von 90 Prozent. Nicht nur in Berlin-Zehlendorf und Ulm stehen die Patienten Schlange.

Doch ausgerechnet der Erfolg der Fäkalienverpflanzung wird nun zu einem Problem: Transplanteure, Spender und Empfänger hantieren in einer Grauzone, denn die Behörden haben das Verfahren nicht zugelassen und rätseln noch, als was sie das Transplantat, das zu einem Drittel aus Darmbakterien besteht, einstufen sollen. Die Krankenkassen müssen die Kosten in Höhe von ungefähr 500 bis 1000 Euro pro Prozedur deshalb nicht erstatten. Da bieten etliche Ärzte sie ihren Patienten lieber erst gar nicht an.

Niemand weiß, was die Bakterien im Empfänger machen

"Eine Spende enthält tausend Arten von Bakterien, von denen 600 noch unbekannt sind. Wir haben keine Ahnung, was diese Lebewesen machen", räumt Andreas Sturm ein. Andererseits sei die Therapie dermaßen durchschlagend, dass man sie Patienten in Not gar nicht vorenthalten dürfe. Mehr als 400 Menschen in Deutschland sterben jedes Jahr am Clostridium-Durchfall.

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In Ulm spricht Alexander Kleger ebenfalls von einer schwierigen Lage und sagt: "Es wäre schön, wenn das Verfahren zugelassen würde." Als Spender kommt nur ein Mensch in Frage, der gesund ist und zur Sicherheit noch auf Hepatitis und HIV getestet wird. Die Ärzte untersuchen seinen Stuhl auf Parasiten, Bandwürmer und andere Krankheitserreger, ehe sie ihn freigeben. Sie verflüssigen das Material mit Wasser, sieben es und verabreichen es mittels eines biegsamen Schlauchs meistens durch den After, seltener durch die Nase. Die Lösung enthält Milliarden von Bakterien, die den Darm des Empfängers besiedeln sollen.

Der Durchfallkeim Clostridium wird dadurch anscheinend wirksam vertrieben. Aber auch Menschen mit Darmentzündungen (Colitis ulcerosa), Reizdarm, chronische Verstopfung, Fettsucht, Autismus, Parkinson, dem chronischen Müdigkeitssyndrom, Schlaflosigkeit, Depression haben Ärzte bereits Stuhl eingepflanzt. Der klinische Nutzen ist in diesen Fällen aber noch nicht bewiesen. Auch um das therapeutische Potential vollständig ausschöpfen zu können, möchten Experten den Einsatz der Fäkalientransplantation jetzt geregelt sehen.

In den USA wurde der Stuhl als ein "Arzneimittel" eingestuft, das allerdings nicht zugelassen ist. Für den Einsatz gegen Durchfall gibt es derzeit eine Ausnahme, aber im Prinzip muss der Arzt jede einzelne Verpflanzung deshalb aufwendig beantragen. In der aktuellen Ausgabe von "Nature" schlagen Mediziner und Mikrobiologen nun vor, den Stuhl als "Gewebe" zu klassifizieren und mit dem Aufbau von Banken zu beginnen, die geprüftes Material vorhalten.

Manche Patienten wollen nicht so lange warten. Sie machen sich schlau in "Do-it-yourself"-Anleitungen, wie sie das Magazin "Clinical Gastroenterology and Hepatology" veröffentlicht hatte, rüsten mit Latexhandschuhen, Kochsalzlösung, Rührgeräten und Einlaufbeuteln auf und zeigen ihre Versuche auf YouTube. Auf der Suche nach fremdem Stuhl seien die Bakterienfans findig, berichten die Autoren des "Nature"-Artikels: "Einige haben uns sogar um Rat gefragt, inwiefern sie ihre Haustiere als Spender benutzen können."

In Deutschland behelfen sich die Vorreiter Sturm und Kleger derweil damit, dass sie die Prozedur als "individuellen Heilversuch" durchführen. Das ist keine Basis für die Massentherapie und löst nicht die Kostenfrage. Die Patienten am Krankenhaus Waldfriede in Berlin-Zehlendorf haben die Behandlung selbst bezahlt. Die Spende gab es allerdings jeweils gratis von einem Verwandten. So blieb das Heilmittel in der Familie.

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insgesamt 21 Beiträge
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Seite 1
studibaas 20.02.2014
1. Wird in Deutschland schon praktiziert
Im Hamburger Bundeswehr Krankenhaus Wandsbek wird dies bereits gemacht. Ob bei Durchfall weiß ich nicht, wohl aber nach Darm OP's, die dermaßen steril durchgeführt werden müssen, das anschließend die Darmflora eh im Ars... ist. (Kalauer ;) ). OK, man kann vorher auch eine Eigenkotspende machen.
noalk 20.02.2014
2. Transplantation
Wieso wird das als "Transplantation" bezeichnet? Ist eine Blutspende (Transfusion) dann auch eine Transplantation?
Hoogo 20.02.2014
3.
...Stuhl als Medikament eingestuft... Das kann man dann wohl ein "Geschäft" nennen!
donnerfalke 20.02.2014
4. Meine Güte...
Zitat von noalkWieso wird das als "Transplantation" bezeichnet? Ist eine Blutspende (Transfusion) dann auch eine Transplantation?
Man kann es auch als Kamel bezeichnen, Hauptsache es funktioniert und macht gesund.
taglöhner 20.02.2014
5. Logorrhoe
Zitat von sysopCorbisIm Kampf gegen Durchfall pflanzen Ärzte Patienten die Darmbakterien gesunder Spender ein. Jetzt fordern sie, dass die erfolgreiche Methode in Deutschland endlich zugelassen wird. http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/faekalientransplantation-debatte-um-den-heilsamen-stuhl-a-954530.html
Wo kann man spenden :)? Tschuldigung, musste sein.
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