Darmkrankheiten Forscher transplantieren gefrorenen Stuhl

In Zukunft könnte es neben Blut- auch spezielle Fäkalienbanken geben: Forscher haben ein Verfahren erprobt, bei dem Darmpatienten gefrorenen Stuhl gesunder Menschen verpflanzt bekommen. Bisher waren frische Spenden notwendig.

Bakterien im Darm: Gerät die Flora aus dem Gleichgewicht, kann es zu schweren Verdauungsproblemen kommen
Corbis

Bakterien im Darm: Gerät die Flora aus dem Gleichgewicht, kann es zu schweren Verdauungsproblemen kommen


Kleine Proben aus der Tiefkühltruhe könnten die Behandlung wiederkehrender Darminfektionen in Zukunft erleichtern: Wie eine Pilotstudie zeigt, können Ärzte bei einer Fäkalientransplantation statt frischen auch gefrorenen Stuhl nutzen. Dieser wird per Nasensonde in den Dünndarm der Patienten geleitet. Das Vorgehen sei so erfolgreich wie die konventionelle Therapie, schreiben die US-Mediziner um Ilan Youngster vom Massachusetts General Hospital in Boston im Fachblatt "Clinical Infectious Diseases".

Bei einer Fäkalientransplantation wird Menschen, deren Darmflora aus dem Gleichgewicht geraten ist, Stuhl gesunder Spender verpflanzt. Ziel der Therapie ist, die Darmflora durch die gesunden Bakterien wieder zu beruhigen. Das Verfahren wird unter anderem - wie auch in der aktuellen Untersuchung - bei Patienten angewandt, denen der gefährliche Durchfallerreger Clostridium difficile immer wieder Probleme bereitet.

Infektionen mit dem Bakterium führen jährlich allein in den USA zu etwa 250.000 Krankenhausaufenthalten und 14.000 Todesfällen. In Deutschland sterben jährlich mehr als 400 Menschen am Clostridium-Durchfall. Antibiotika helfen den Betroffenen oft nicht - im Gegenteil: Durch das Abtöten nützlicher Bakterien können sie das Problem sogar verschlimmern.

Spezielle Fäkalienbanken schaffen

In der Studie behandelten die Mediziner 20 Patienten, die an wiederkehrenden Infektionen mit dem Darmkeim litten, darunter drei Kinder. Dabei verwendeten sie tiefgefrorenen Stuhl gesunder Spender. 14 der 20 Teilnehmer (70 Prozent) waren schon nach der ersten Behandlung geheilt, das heißt sie litten nach acht Wochen nicht mehr unter Durchfall. Vier der fünf übrigen Patienten kurierte eine zweite Transplantation. Die Heilungsrate betrug wie bei der konventionellen Anwendung 90 Prozent, berichten die Forscher, die auch keine unerwarteten oder schweren Nebenwirkungen dokumentierten.

Die Nutzung tiefgefrorenen Materials, das man in speziellen "Banken" lagern könne, dürfte das Verfahren der Fäkaltransplantation deutlich vereinfachen, so die Autoren weiter. "Das Anlegen von Depots mit untersuchtem gefrorenem Spenderstuhl könnte diese Behandlung einer größeren Population zugänglich machen", schreiben sie. Fäkalienspender werden zuerst auf HIV und Hepatitis getestet. Anschließend muss ihr Stuhl auf Parasiten, Bandwürmer und andere Krankheitserreger untersucht werden.

Abgesehen davon verglichen die Forscher auch zwei verschiedene Methoden miteinander, den Stuhl in den Darm zu verpflanzen: Ein Teil der Patienten erhielt den Stuhl rektal durch eine Koloskopie, also Darmspiegelung, ein anderer durch eine Nasensonde. Letztere scheine genauso erfolgreich zu sein wie die Koloskopie, sei aber wesentlich einfacher und günstiger, so die Forscher. In früheren Studien hatten Mediziner bereits Nasensonden zur Übertragung von Stuhl eingesetzt, dieser war allerdings mit Salzlösung verflüssigt worden.

Kapseln mit Stuhl, die sich im Darm auflösen?

"Es gibt nicht viele Ansätze in der Medizin mit einer Erfolgsrate von mehr als 90 Prozent", sagt Autorin Elizabeth Hohmann. "Versicherer wollen das vielleicht nicht bezahlen, aber es ist sehr wirksam, hilft Patienten sehr schnell und spart insgesamt Geld." Die Forscher prüfen nun, ob sich das gefrorene Material auch in Form einer Kapsel einnehmen lässt, die Patienten dann nur schlucken müssen und die sich im Dünndarm auflöst. Dies sei "der nächste logische Schritt, um Fäkalientransplantationen für mehr Patienten zugänglich zu machen", schreiben sie.

Auch in Deutschland wird die Fäkaltransplantation bei Patienten mit Problemen durch den Durchfallerreger Clostridium difficile erprobt. Noch ist das Verfahren allerdings nicht offiziell zugelassen. Die Behörden rätseln, wie sie das Transplant einstufen sollen. Zudem weiß niemand genau, was die Bakterien im Empfänger anstellen. Aufgrund des großen Erfolgs bei bisherigen Anwendungen werben Mediziner jedoch dafür, die Methode zu erlauben. Bisher müssen Krankenkassen die Kosten von etwa 500 bis 1000 Euro nicht übernehmen.

irb/dpa



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