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Faktencheck: So sinnvoll ist die Tabakrichtlinie der EU wirklich

Von , Cinthia Briseño und

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Tabak in Zigaretten: Neue EU-Richtlinie sorgt für heftige Diskussionen

Schokozigaretten sind verboten, Slim-Zigaretten bleiben erlaubt - auf den ersten Blick ergibt die neue Tabakrichtlinie der EU wenig Sinn. Was hält Kinder und Jugendliche vom Rauchen ab? Sind E-Zigaretten weniger schädlich? Was bringen Schockbilder? SPIEGEL ONLINE macht den Faktencheck.

Die Meinungen über die neue Tabakrichtlinie der EU gehen weit auseinander: "Der Lobby getrotzt" etwa kommentiert der "Tagesspiegel" das Gesetz, dem die Abgeordneten im Europäischen Parlament am Dienstag zugestimmt haben. "EU-Parlament blamiert sich mit Tabak-Imitate-Verbot", lautet die Zeile bei SPIEGEL ONLINE. Und auch innerhalb der Redaktion wird heftig darüber diskutiert, ob das neue Gesetz ein richtiger Schritt in die richtige Richtung ist, oder ob es zu sehr der mächtigen Tabaklobby entgegenkommt.

Die Entscheidungsfreiheit von Erwachsenen lässt die EU weitgehend unangetastet: Jeder, der rauchen will und das Risiko für die Gesundheit in Kauf nimmt, darf rauchen. Den EU-Abgeordneten geht es im Kern des Gesetztes vielmehr um etwas anderes: Wie macht man das Rauchen so unattraktiv, dass es möglichst vielen Menschen verleidet wird und vor allem, dass möglichst wenige damit anfangen? "Wir wissen, dass es Kinder sind, nicht Erwachsene, die mit dem Rauchen beginnen", sagte die britische Abgeordnete Linda McAvan.

Doch erfüllt das neue Gesetz auch, was es sich zum Ziel gesetzt hat? Kann es Kinder und Jugendliche davon abhalten, jemals zum Glimmstengel zu greifen? SPIEGEL ONLINE hat die Studienlage hinter den Beschlüssen geprüft:

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AP

Schockbilder

Das wurde beschlossen: Verpackungen von Tabakprodukten sollen künftig zu 65 Prozent mit Schockbildern und Warnhinweisen versehen sein. Entsprechende Fotos oder Schriftzüge sollen am oberen Rand der Schachteln angebracht sein.

Das belegen Studien: Schockbilder und Warnungen wirken. Laut dem Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg ist die Studienlage dazu ziemlich eindeutig. Eine Analyse von insgesamt 94 Studien belegt demnach, dass kombinierte Warnhinweise - also Bild und Text - gegenüber reinen Texthinweisen überlegen sind. Die Warnhinweise bringen Raucher dazu, die Botschaft zu registrieren. Insbesondere durch emotionalisierende Bilder werden die Betroffenen "zum Nachdenken über ihr Rauchverhalten und zu einer Verhaltensänderung motiviert".

Das gilt auch für Jugendliche: "Bildliche Warnhinweise schrecken Jugendliche davon ab, mit dem Rauchen anzufangen und motivieren rauchende Jugendliche zum Rauchstopp", schreibt das DKFZ. Das zeigen beispielsweise Untersuchungen aus Kanada, wo seit langem striktere Nichtraucherschutz-Gesetze gelten. 90 Prozent der Jugendlichen dort sagen: Ja, die Warnhinweise liefern wichtige Informationen für sie. Und ja, das Rauchen verliert dadurch seine Attraktivität. Jugendliche, die schon rauchen oder es probieren, denken zudem eher ans Aufhören oder rauchen wegen der Warnhinweise weniger.

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Mentholzigaretten und Produkte mit anderen Geschmacksstoffen

Das wurde beschlossen: Zusatzgeschmacksstoffe wie Menthol oder Vanille sowie die Zugabe von Vitaminen, Koffein, Taurin und Farbstoffen sollen künftig verboten werden. Allerdings dürfen sie den Zigaretten nach Inkrafttreten der Richtlinie noch acht Jahre lang beigemischt werden.

Das belegen Studien: "Durch seine vielfältigen physiologischen Wirkungen erhöht der Zusatzstoff Menthol die Attraktivität von Zigaretten und trägt dazu bei, dass Kindern und Jugendlichen der Einstieg ins Rauchen erleichtert und aufhörwilligen Rauchern der Rauchstopp erschwert wird", schreibt das DKFZ im Kapitel "Mentholkapseln in Zigarettenfiltern" der "Roten Reihe Tabakprävention und Tabakkontrolle".

Untersuchungen aus den USA und Japan zeigen demnach, dass Mentholzigaretten besonders bei jungen Menschen weit verbreitet sind. Zwar werden in Europa weniger Mentholzigaretten konsumiert (Anteil liegt in den meisten Ländern deutlich unter zehn Prozent), doch für Europa dürfte demnach dasselbe gelten wie für die untersuchten Länder: Der Anteil von Mentholmarken ist bei jenen jugendlichen Rauchanfängern, die noch nicht länger als ein Jahr rauchen, höher als bei jenen, die bereits länger als ein Jahr rauchen. Offenbar glauben viele Jugendliche, dass Mentholzigaretten weniger gesundheitsschädlich sind als normale Zigaretten. Deshalb bewerten Experten Mentholzigaretten als Einstiegsprodukt ins Rauchen.

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Slim-Zigaretten

Das wurde beschlossen: Die dünnen, länglichen Zigaretten bleiben erlaubt, dürfen künftig aber nicht mehr in den schmalen Schachteln angeboten werden.

Das belegen Studien: Wenn ihnen Slim-Zigaretten angeboten werden, greifen junge Frauen dreimal so häufig zu wie bei herkömmlichen Zigaretten. Zu diesem Ergebnis kam 2011 eine Studie der University of Waterloo in Kanada. Tatsächlich ist der Marktanteil von "Slims" in den letzten Jahren signifikant gestiegen, von 3,7 im Jahr 2006 auf 6 Prozent im Jahr 2012. Das Rauchen der dünnen Glimmstengel wird mit einer Menge positiven Attributen verbunden, darunter Attraktivität und eine schlanke Figur. Frauen wollen "slim" sein, also kaufen sie Slim oder sogar die Size Zero unter den Zigaretten: Super-Slim.

1968 kamen die ersten Slim-Zigaretten Virginia Slims auf den Markt. Die Werbung zielt seit jeher auf junge Frauen zwischen 18 und 24 ab, da diese am empfänglichsten für die Werbestrategie sind. Blumen werden auf die Packung gedruckt, die schlanken Zigaretten mit Namen wie Vogue oder Glamour sollen Eleganz vermitteln. Weil sie dünner sind als herkömmliche, nehmen Menschen zum Teil auch an, sie enthielten auch weniger Schadstoffe. Das ergab eine Studie, an der 8000 Menschen teilgenommen haben. Ein Fünftel davon dachte, dünne Zigaretten seien weniger schädlich. Das stimmt aber nicht.

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E-Zigaretten

Das wurde beschlossen: Ob mit Minze- oder Vanillearoma: Elektronische Zigaretten bleiben im Handel frei verkäuflich. Lediglich für die Werbung von E-Zigaretten gibt es künftig Einschränkungen.

Das belegen Studien: Vor allem die zahlreichen Aromen machen E-Zigaretten für junge Menschen attraktiv, schreibt das DKFZ in der "Roten Reihe". Viele Menschen sehen demnach in diesen Produkten eine gesündere Alternative zu Tabak. Tatsächlich allerdings sind E-Zigaretten zu kurz auf dem Markt, um vor allem Langzeitfolgen des Konsums auf die Gesundheit abschätzen zu können. So ist etwa unsicher, wie sich das Inhalieren des oft verwendeten Lösungsmittels Propylenglykol auf Dauer auf die Gesundheit auswirkt.

Ein weiteres Problem der Zigaretten entsteht durch das häufig enthaltene Nikotin. Zwar nutzen momentan vor allem Raucher die elektrischen Zigaretten, wie viele Umfragen zeigen. Doch der Markt wächst. Erste Untersuchungen ließen befürchten, dass die elektrischen Versionen junge Menschen an eine Nikotinabhängigkeit heranführen könnten, schreibt das DKFZ in einer Auswertung vieler Studien. Demnach scheinen sich vor allem Jugendliche für E-Zigaretten zu interessieren, die dem Rauchen grundsätzlich offen gegenüberstehen. "Gerade diesen jungen Menschen sollte der Einstieg in den Nikotinkonsum nicht erleichtert, sondern erschwert werden", warnt das DKFZ.

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Schokozigaretten und andere Tabakimitate

Das wurde beschlossen: "Imitierte Tabakerzeugnisse, die für Minderjährige attraktiv sein können und einen potentiellen Einstieg in den Konsum von Tabakerzeugnissen bieten können, werden verboten." So heißt es in der neuen EU-Richtlinie. Darunter fallen demnach auch Schoko- oder Kaugummizigaretten.

Das belegen Studien: Diese Regelung sorgte bei vielen für Kopfschütteln. Warum verbietet man harmlose Schokozigaretten und erlaubt gleichzeitig tabakhaltige Slims? "Vielleicht ist das ein Kompromiss zwischen den großen Fraktionen", mutmaßte ein Parlamentarier nach dem Beschluss. Gleichwohl steht fest: Zigarettenähnliche Produkte führen Kinder an den Konsum von Zigaretten heran. "Dadurch tragen sie dazu bei, dass Kinder Rauchen als normales Verhalten ansehen", schreibt das DKFZ.

Ein Zusammenhang zwischen Schokoladenzigaretten und dem späteren Rauchbeginn gilt Studien zufolge als erwiesen: Die Wahrscheinlichkeit, dass ein zwölfjähriger Schokozigaretten-"Raucher" später auch zum Raucher wird, ist laut DKFZ doppelt so hoch - unabhängig davon, ob die Eltern selbst rauchen oder nicht. Allerdings spielt das Rauchverhalten der Eltern eine größere Rolle. Jugendliche, die in einem Haushalt mit Rauchern leben, sind mit höherer Wahrscheinlichkeit auch selbst Raucher als Jugendliche aus Nichtraucherhaushalten.

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Jugend findet Rauchen immer uncooler

Die wirklich gute Nachricht aber ist: Unabhängig von der neuen EU-Tabakrichtlinie war die Quote jugendlicher Raucher in Deutschland 2012 so niedrig wie nie zuvor. Laut der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung greift heute nur noch jeder zehnte Teenager zur Zigarette. Offenbar zeigen die deutschen Kampagnen gegen das Rauchen ihre Wirkung. Rauchen ist eben nicht mehr so cool, wie es einst war.

Mitarbeit: Helmut Bott und Mara Küpper

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insgesamt 81 Beiträge
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1.
xxbigj 10.10.2013
Ja Raucher sind schon uncool. So wie Frank Sinatra man war der uncool. Hey und die fetten die sich Burger king und Mac Doof reinziehen sind voll die coolen. Lieber ordentlich Bier saufen und rum pöbeln. Das sind die wahren coolen. Nicht die entspannten Raucher die niemanden mehr schaden können weil überall rauchen verboten ist !! Wer A sagt muss auch B sagen. Also Fett Leber auf Schokopackungen. Auf Bierflaschen Tumore. Auf Burgen Tote Tiere. Dann macht es auch Sinn und nicht nur dumm rumschnacken. Wer raucht und nicht weis das dies schädlich ist den kann man auch nicht mehr helfen. Aber den meisten Rauchern ist das klar bewusst!! Die Kosten werden immer angeführt= SO EIN UNSINN. Es wird alleine doppelt so viel Geld für Alkohl bedingte Krankheiten ausgegeben etc. Aber wem erzähl ich das ihr seit halt zu cool für die Welt!
2. Dumme Loser
plagiatejäger 10.10.2013
dürfen ruhig rauchen. Man sollte generell jedes Gift und Abfall in Zigaretten erlauben oder gar Mindestgrenzwerte für krebserzeugende Stoffen festlegen und endlich Filter verbieten, weil dann die Nichtraucher mit sichereren Renten rechnen können.
3. Albern
whitemouse 10.10.2013
Schockbilder sollen Jugendliche vom Rauchen abhalten? Das ist absolut lächerlich. Diese uns als Jugendlichen im Unterricht vorgeführten Bilder waren eher ein zusätzlicher Anreiz für das Rauchen. Als Jugendlichen betrifft einen das doch nicht. Auch so ziemlich alle anderen Maßnahmen (mit Ausnahme solcher zum Schutz von Nichtrauchern) sind in meinen Augen total dummes Zeug. Ich bin übrigens seit Jahren Nichtraucher. Und das bin ich ganz gewiß nicht wegen der schwachsinnigen Aktionen von Bürokraten geworden.
4. Hör auf oder stirb!
michaelkaloff 10.10.2013
Das ist die simple Logik der DKFZ bezüglich der E-Zigarette. Im Ergebnis zynisch, aber das kümmert anscheinend niemanden.
5.
amuyok 10.10.2013
@Man sollte generell jedes Gift und Abfall in Zigaretten erlauben ------------------------------------------------------------ Looooool ja, meine ich auch !! Aber wenn aufgrund der neuen EU Verordnungen wirklich weniger geraucht wird, kann ich mir nicht vorstellen, dass der Fiskus so einfach auf die verlorengegangene Tabaksteuer verzichtet, dann kommt bestimmt so etwas wie eine "Nichtraucherabgabe"
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Zigaretten: Schockbilder und Werbeverbot gegen Raucher

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