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25. Januar 2019, 14:24 Uhr

Positionspapier von Lungenärzten

Zwei Seiten Behauptungen, kein einziger Beleg

Ein Gastbeitrag von Kai-Michael Beeh

Mehr als hundert Fachärzte sind dem Aufruf von Kollegen gefolgt, die Schadstoffgrenzwerte für einen "Witz" halten. In ihrem Namen werden andere Forscher diskreditiert und fundierte Erkenntnisse bestritten - ohne jeden Beweis.

Bis vor Kurzem habe ich mich darüber geärgert, dass die medizinische Debatte über Grenzwerte ausschließlich von Epidemiologen, Toxikologen oder Umweltmedizinern geführt wurde. Wo war die Stimme der deutschen Lungenheilkunde zum Thema? Seit vergangenem Mittwoch wünschte ich mir, sie hätte sich nie erhoben.

Knapp 100 deutsche Lungenärzte haben eine Stellungnahme unterzeichnet, die die wissenschaftliche Grundlage der aktuell gültigen Grenzwerte für Feinstaub und NOx in Abrede stellt. Das ist an sich nicht problematisch. Kritik an den Grenzwerten und vor allem der Verhältnismäßigkeit der angedachten Fahrverbote ist durchaus angebracht.

Ich bin überzeugt davon, dass die meisten meiner Kollegen ihre Unterstützung in guter Absicht kundtaten. Leider liegt die Sache hier nicht so einfach. Denn die Stellungnahme löste einen medialen Orkan aus, legte die kommunikative Inkompetenz von Wissenschaft bloß und führte zur Kollision mit dem "postfaktischen" Zeitalter. Wie konnte es dazu kommen?

Die Kollegen folgten mit ihrer Unterzeichnung der Stellungnahme dem Aufruf des ehemaligen Präsidenten der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie, Professor Dieter Köhler, Initiator des Schreibens und seit Längerem in der Rolle des "Renegaten" präsent: ein Lungenarzt, der die gesundheitlichen Gefahren durch NOx oder Feinstaub für schlicht "erfunden" hält - gefundenes Fressen für die Medienwelt.

Unter den Unterzeichnern der Stellungnahme sind viele bekannte Kollegen von mir, gute, gewissenhafte Ärzte. Ob sie bei ihrer Unterzeichnung bedacht haben, dass sie sich so über Nacht zu Steigbügelhaltern einer "Alles Lüge"-Kampagne ("Bild") machen würden? Im Namen dieser Kollegen werden nun Hunderte qualifizierter Wissenschaftler, die sich zum Teil seit Jahrzehnten mit der Materie befassen und deren Arbeiten in hochrangigen medizinischen Zeitschriften mit Gutachterverfahren publiziert wurden, nicht etwa der Über- oder Fehlinterpretation von Daten, sondern schlicht der vorsätzlichen Lüge bezichtigt.

Ein Bärendienst für die Wissenschaft

Vielleicht war das für die meisten Unterzeichner nicht absehbar, naiv war es allemal. Denn sie hätten wissen müssen, dass sie mit ihrer Unterschrift einzelne Personen unterstützen, die den wissenschaftlichen Erkenntnisstand für einen "Witz" ("Hart aber fair"), andere Forscher abweichender Meinung für "ideologisiert" bzw. Angehörige einer "Sekte" ("Cicero") halten, und die ganze Grenzwertdebatte gern mal mit der Hexenverfolgung vergleichen. Die Sätze sagen wie "es existiert überhaupt keine Feinstauberkrankung der Lunge" (ARD "Das Diesel-Desaster") und in einem Rundbrief behaupten, Lungenärzte sähen im Alltag täglich Todesfälle an COPD und Lungenkrebs, "jedoch Tote durch Feinstaub und NOx keine". Kurz: Stickoxide und Feinstaub sind in Deutschland für keinen einzigen Todesfall verantwortlich.

All diese "kernigen" Ansichten und Behauptungen haben meine Kollegen am Mittwoch quasi mitunterzeichnet - und damit der wissenschaftlichen Auseinandersetzung einen Bärendienst erwiesen. Denn gute - wissenschaftliche - Argumente sucht man in der Stellungnahme vergeblich. Es werden lediglich Behauptungen aufgestellt, ohne dafür auch nur eine einzige Studie zu zitieren, die diese Thesen untermauert. Zum Beispiel wird behauptet, die "freiwillige Expositionsstudie" von Rauchern "falsifiziere" die Studien zum Zusammenhang von niedrig konzentriertem Feinstaub und NOx mit reduzierter Lebenserwartung: Da die Schadstoffwerte in Zigaretten um ein Vielfaches höher lägen als in der Außenluft, müssten Raucher hochgerechnet viel früher versterben, als sie es tatsächlich tun.

Mit diesem griffigen Vergleich zieht Köhler seit Monaten durch die deutsche TV-Landschaft. Ironischerweise könnte man hier genau gegenteilig argumentieren: Diese reine Annahme (Hypothese) wird durch die zahlreichen Kohortenstudien (Experimente) zum Thema vielfach falsifiziert.

Ein weiterer Beleg für die "Trumpisierung" der Gesellschaft

Wie eine ernsthafte wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema aussieht, zeigt das im November 2018 von der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie veröffentlichte Positionspapier, in dem der Stand der Wissenschaft dargestellt und die aktuellen Grenzwerte im Wesentlichen gestützt werden. Es hat einen Umfang von über 50 Seiten und 451 Quellenangaben. Zwar ist Masse nicht Klasse, aber man hätte sich gewünscht, die Stellungnahme würde ihrerseits die eine oder andere Studie nennen, die den aktuellen Stand der Forschung (dass NOx oder Feinstaub in den in Deutschland gemessenen Konzentrationen sehr wohl gesundschädlich sind) widerlegt.

Die mediale Reaktion auf die Stellungnahme war absehbar. Aus knapp hundert - zumeist in eigener Praxis niedergelassenen - unterzeichnenden Kollegen wurden "renommierte Wissenschaftler" ("Die Welt"), Verkehrsminister Scheuer begrüßte den "wissenschaftlichen Ansatz". 50 Seiten Positionspapier, 451 Zitate und unzählige Studien zum Thema: weggewischt von 2 Seiten einer Stellungnahme ohne einen einzigen Beleg oder wenigstens konkreten Vorschlag, wie genau denn die "fehlende wissenschaftliche Basis" der Grenzwerte zu verbessern ist.

Wie weit die "Trumpisierung" unserer Gesellschaft und einzelner Medien bereits fortgeschritten ist, konnte man in der öffentlichen Diskussion beobachten: Reproduzierbare Evidenz, die nicht passt, wird mit dem "Fake News"-Vokabular von "Lüge", "Erfindung", "Hysterie" und "Ideologie" diffamiert. Was man nicht widerlegen kann, glaubt man einfach nicht. Das Bild, das nach dieser Kontroverse von der medizinischen Wissenschaft bleiben wird, ist ein schwer beschädigtes.

Das Klischee vom akademischen Wirrkopf, der selbst nicht weiß, wovon er redet, wird trefflich bedient. Das freut all jene, die der Meinung sind, das Streben nach objektiver Erkenntnis sei ohnehin entbehrlicher Ballast. Auch die Fachgesellschaften geben in dieser Debatte kein gutes Bild ab. Nach dem Urteil von Leipzig verstrichen etliche Monate ungenutzt, um die Stimme der Lungenheilkunde hörbar zu machen. Die Gesellschaften hätten als Wortführer den Stand der Erkenntnis vermitteln, aber zugleich auch offene Fragen benennen und Verzerrungen wie die von den "13.000 Dieseltoten" (DUH) angemessen korrigieren müssen.

Als das Positionspapier im Dezember erschien, war die Debatte längst aus dem Ruder gelaufen. Sie wieder einzufangen, dürfte eine Herkulesaufgabe werden. Die Lungenheilkunde hat in meinen Augen eine große Chance verpasst, ihre überragende Bedeutung der Öffentlichkeit in Erinnerung zu rufen. Tatsächlich hat sie die Diskussion gegen die Wand gefahren.

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