Ernährung Glukose, Fruktose und der Streit um die Fettleber

Ein britisches Experiment rüttelt am Dogma, dass Fruchtzucker die Leber verfetten lässt - wodurch das Risiko für Diabetes und Leberkrebs steigt. Doch deutsche Mediziner bleiben skeptisch: Sie halten vor allem angereicherte Lebensmittel für bedenklich.

Cola-Dosen im Regal (Symbolbild): Zuckerhaltige Limonaden der meisten Hersteller enthalten hohe Mengen Fruchtzucker
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Cola-Dosen im Regal (Symbolbild): Zuckerhaltige Limonaden der meisten Hersteller enthalten hohe Mengen Fruchtzucker


Zucker ist ein falscher Freund. Er süßt Kaffee, Kuchen und Limonade, doch der Preis, den man dafür langfristig bezahlt, ist hoch. Wissenschaftler verdächtigen Zucker als Suchtmittel, das sich neben offensichtlichen Quellen in vielen industriell gefertigten Lebensmitteln verbirgt: Wurst, Brot, Frischkäse, geräucherter Lachs, panierte Schnitzel, Salatsaucen, Pizzen, Frühstücksflocken - die Liste lässt sich endlos fortsetzen.

Haushaltszucker, chemisch Saccharose, besteht aus zwei Zuckerarten, dem Traubenzucker (Glukose) und dem Fruchtzucker. Vor allem diese als Fruktose bezeichnete Verbindung steht im Verdacht, das Risiko für eine Leberverfettung zu erhöhen. Die ist unter Medizinern gefürchtet, denn mit der Fettleber steigt das Risiko für Diabetes und Leberzellkrebs.

Zählt vor allem die Kalorienmenge oder die Zuckerart?

Eine Vielzahl von Studien hat in den vergangenen Jahren unter Wissenschaftlern die Erkenntnis gestärkt, dass Fruchtzucker noch stärker als Traubenzucker den Fettgehalt der Leber erhöht. Daten aus Tierstudien belegen, wie die Fruktose Entzündungsprozesse in der Leber fördert. Diese Ergebnisse stellt ein Experiment britischer Wissenschaftler in Frage, über das Richard Johnston und seine Kollegen von der University of Nottingham jetzt im Fachmagazin "Gastroenterology" berichten. Demnach kommt es statt auf die Zusammensetzung der aufgenommenen Kalorien - und damit den Fruchtzucker - vor allem auf die reine Kalorienmenge an.

Die Forscher teilten 32 gesunde Männer mit zu viel Bauchfett und einem Body-Mass-Index (BMI) zwischen 25 und 32 in zwei Gruppen ein, das Experiment wurde zweigeteilt. Zunächst bekam die erste Gruppe 14 Tage lang eine mit Fruchtzuckerpulver angereicherte Nahrung mit mäßigem Kaloriengehalt, in der zweiten Gruppe kam Traubenzucker zum Einsatz. Insgesamt waren die Kalorien so berechnet, dass die Studienteilnehmer nicht zunahmen. Anschließend folgten sechs Wochen Pause.

Fruchtzucker und Traubenzucker im direkten Vergleich

Dann wurde in beiden Gruppen auf eine kalorienreiche Ernährung umgestellt, damit die Teilnehmer an Gewicht, Fett und Taillenumfang zulegten. In dieser Phase registrierten die Wissenschaftler im Unterschied zum ersten Teil der Studie Veränderungen der Leberenzyme, der Fettneubildung und des Fettgehalts der Leber.

Für den an der Studie beteiligten Physiologen Ian Macdonald folgt aus den Ergebnissen, dass man Patienten mit einer nicht durch Alkohol verursachten Fettleber nicht einfach empfehlen könne, wenig Fruktose oder Glukose zu sich zu nehmen, um die Krankheit zu bremsen. Stattdessen hält er einen allgemein gesunden Lebensstil für ratsam, zu dem eine gemäßigte Kalorienaufnahme und Bewegung gehöre.

Fruktose bleibt Bösewicht

Eine Schlussfolgerung, die Norbert Stefan nur bedingt teilt. Er beschäftigt sich am Institut für Diabetesforschung und Metabolische Erkrankungen (IDM) des Universitätsklinikums Tübingen unter anderem mit den Vorstufen der Zuckerkrankheit. "Die Studie ist interessant, aber auch hier ist genaugenommen die Fruktose der 'Bad Guy'", sagt Stefan. Bewegung und eine gemäßigte Kalorienaufnahme hält er zwar für richtig. Dennoch müsse man zudem berücksichtigen, dass der Fruchtzucker im Gegensatz zum Traubenzucker die Fähigkeit des Körpers störe, den Blutzucker zu verarbeiten. Diese sogenannte Insulinresistenz - bei der die Zellen nicht mehr normal auf den Botenstoff reagieren - gilt als Frühwarnsignal nicht nur für drohenden Diabetes, sondern auch für die Fettleber.

Zwar hatte auch eine Studie der Tübinger Mediziner ergeben, dass es bei Männern und Frauen mit einem Body-Mass-Index von 25 keine unterschiedlichen Effekte von Fruktose und Glukose im Hinblick auf die Fettleber gäbe. Doch bei der Fruktose hätten sie sehr wohl eine erhöhte Insulinresistenz festgestellt, so Stefan.

An der britischen Studie missfällt ihm zudem, dass sie nur an Männern durchgeführt wurde und die speziellen Ernährungsphasen mit zwei Wochen sehr kurz waren. "Eigentlich sieht man normalerweise erst nach vier bis sechs Wochen einen veränderten Leberfettgehalt infolge einer vermehrten Fettneubildung in der Leber", erklärt der Stoffwechselexperte. Zudem sei die Studiensituation kaum mit der Realität vergleichbar: Die Teilnehmer nahmen Fruchtzucker und Traubenzucker als Pulver in Mengen zu sich, die rund ein Viertel der Energiezufuhr entsprachen.

Der Freispruch der britischen Wissenschaftler für den Fruchtzucker in Sachen Fettleber ist deshalb höchstens ein Freispruch zweiter Klasse, aus Mangel an Beweisen. Für Norbert Stefan bleiben Fruktose und eine erhöhte Kalorienaufnahme verantwortlich für die Leberverfettung, sie begünstigten krankhafte Stoffwechselveränderungen.

Für Verbraucher bedeutet das, auch weiter möglichst wenig Fruchtzucker zu sich zu nehmen. Während die Fruktose - dem Namen entsprechend - tatsächlich in Früchten enthalten ist, spielen andere Quellen im Zeitalter industriell hergestellter Lebensmittel eine größere Rolle.

insgesamt 62 Beiträge
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zila 04.11.2013
1. Studie blendet mindestens ein wichtiges Fakt aus
Naemlich dass Fructose im Gegensatz zu Zucker das Saettigungsgefuehl hemmt, d.h. unter unkontrollierten Bedingungen (etwa im realen Leben) waere die Kalorienaufnahme der Fructosegruppe groesser geworden. Ausserdem fuehrt Fructose zu Stoerungen der Magen-Darm-Flora (Stichwort Lungenwasserstofftest) und Gicht ist auch ein moegliches Langfristrisiko. Die Hauptkritik ist aber wohl bei der kurzen Dauer von 14 Tagen zu suchen. Ausserdem haette man m.E. wohl besser sowas wie HFCS-55 zugefuettert statt kristallinen Fruchtzucker, von solchen Lebensmittelzusaetzen kommen die Zusatzkalorien in der Realitaet doch her.
Dieter62 04.11.2013
2. In Mexiko
werden die äusserst beliebten Süssgetränke mit einheimischem Rohrzucker gesüsst, gilt aber laut UNO als sas Land mit den meisten Uebergewichtigen, zudem grassiert dort Diabetes wie kaum in einem zweiten Land. Mexiko hat auch den höchsten Pro Kopf Verbrauch an Cola, auch dieses mit wenig raffiniertem Rohrzucker gesüsst.
Demokrator2007 04.11.2013
3. Vermutlich noch weitere Übeltäter
Für mich klar ist der Negativeffekt von Streß auf Zuckerwerte. Aber auch die Manipulation von Lebensmitteln sehe ich als ein großes Problem des Diabetes. Darüber wird aber vermutlich nicht sehr geforscht, weil es einen Milliardenmarkt zerstören könnte und sind wir mal ehrlich, besser als an Diabetis kann der Markt kaum verdienen, denn der Diabetiker bleibt ein lebenslanger Kunde, den man hegen und pflegen muß, damit er möglichst lange lebt. Ciao DerDemokrator P.S. Man würde ein Medikament das Diabetes beseitigt wohl nie auf den Markt bringen, weil es diesen Markt zerstören würde.
desireless 04.11.2013
4. Ist doch egal
Bevor über die richtige oder falsche Zuckerart debattiert wird, sollte die Nahrungsmittelindustrie erstmal stichhaltige Gründe liefern, Wurst, Brot, Frischkäse, geräucherter Lachs, panierte Schnitzel, Salatsaucen, Pizzen, Naturjoghurt usw überhaupt mit Zucker zu versetzen. Das ist überflüssig und gesundheitsschädlich.
Kauzboi 04.11.2013
5.
Ich bescheinige Deutschland massive überzuckerung von Nahrungsmitteln. Viele Nachbarländer finden etliche deutsche Produkte schwer bis kaum genießbar weil sie völlig verzuckert sind - mein Lieblingsbeispiel ist Kartoffelsalat. Deutscher Kartoffelsalat aus dem Laden und auch aus manchen Restaurants ist völlig ungenießbar weil er gezuckert wird. Das sind die länderspezifischen, geschmacklichen Unterschiede. Nur das der allgemeine Geschmack in Deutschland an unmengen Zucker gewöhnt ist. Und es wird wahrscheinlich jedes Jahr etwas mehr. Würde mir aus dem Grund echt stinken in Deutschland als Zuckersklave zu leben.
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