Hilfsnetz First Responder Schneller retten

Im Notfall geht es um Sekunden, und ein Rettungswagen braucht im Schnitt mehr als acht Minuten. Das Netzwerk First Responder alarmiert zusätzlich Freiwillige in der Nähe des Unfallorts - die schneller helfen können.

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Wie wäre es, wenn in Deutschland Millionen Menschen miteinander vernetzt wären und einander im Notfall unmittelbar helfen würden? Eine Ahnung davon, welche Wirkung das im idealen Fall hätte, ließ sich kürzlich in einer kleinen Straße im bayerischen Rottach beobachten.

Als der Rettungswagen hier knapp elf Minuten nach einem abgesetzten Notruf eintraf, war der 80-jährige Patient bereits gerettet. Zumindest hatte er die Augen schon wieder aufgeschlagen und sein Zustand war stabil. Umringt von aufgelösten Angehörigen kniete die Helferin Elisabeth Halmbacher neben dem Mann und packte den Defibrillator wieder ein.

Ein paar Minuten zuvor hatte Elisabeth Halmbacher noch mit ihrer Kollegin in einem Raum am Tegernsee gesessen und über ihre Shetland-Ponys geplaudert. Als die Leitstelle des Rettungsdienstes sie anfunkte, hatten Halmbacher - selbst Rettungssanitäterin - und ihre Kollegin alles stehen und liegen gelassen und waren losgebraust. Nach nicht einmal drei Minuten waren sie vor Ort.

Der Mann war den panischen Angehörigen zufolge offenbar gerade bewusstlos geworden, Halmbacher erkannte schnell, dass er nicht mehr atmete und sein Herz nicht mehr schlug. Sie begann die Wiederbelebung. Noch während ihre Kollegin die Elektroden des Defibrillators aufklebte und Halmbacher den Patienten beatmete, hustete dieser plötzlich und schlug die Augen auf.

Der Rettungswagen brauchte knapp elf Minuten, weil das Fahrzeug der nächsten Rettungswache bereits anderweitig im Einsatz war.

First Responder können allererste Hilfe leisten

Elisabeth Halmbacher hatte der Rettungsleitstelle am Abend zuvor Bescheid gegeben, dass sie mit einer Kollegin bereitstehe, falls man sie als sogenannte First Responder in der Gegend brauche: Ehrenamtlich kommen diese Ersthelfer zum Einsatz, sie erhalten kein Honorar, haben aber auch keine Verpflichtungen. Und werden doch immer wichtiger - sowohl in Deutschland als auch weltweit.

So oft wie möglich stellen die Johanniter in Rottach eine solche Bereitschaft. Der Grund: Wenn der Rettungswagen hier bereits im Einsatz oder auf dem Weg zur Klinik ist, benötigen die Retter nach Rottach meist mehr als zehn Minuten. Bei einem Notfall jedoch kommt es mitunter auf Sekunden an: "In den ersten Minuten sinkt die Überlebenswahrscheinlichkeit alle 60 Sekunden um zehn Prozent", sagt Clemens Kill, Leiter des Zentrums für Notfallmedizin am Universitätsklinikum Marburg. Elisabeth Halmbacher hat dem Mann vermutlich das Leben gerettet.

Prüfen, rufen, drücken: So funktioniert die Erste Hilfe
    Für eine Wiederbelebung gibt es drei einfache Regeln: prüfen, rufen und drücken. Bricht eine Person bewusstlos zusammen, prüft man erstens durch Schütteln an den Schultern, ob sie noch reagiert, und beobachtet, wie sie atmet. Als Zweites ruft man den Rettungsdienst über die Telefonnummer 112. Bis zum Eintreffen des Notarztes muss drittens sofort mit der Wiederbelebung begonnen werden. Dazu wird auf den Brustkorb des Patienten idealerweise mit einer Geschwindigkeit von 100 Mal pro Minute etwa fünf Zentimeter tief gedrückt. Damit sollte man nicht aufhören, bis Hilfe eintrifft.

Achteinhalb Minuten dauert es in Deutschland durchschnittlich, bis ein Rettungswagen eintrifft. Das ist im internationalen Vergleich ein guter Wert. Noch schneller zu werden erscheint mit der Infrastruktur der Rettungswachen und Leitstellen unrealistisch. Schnellere - zumindest allererste - Hilfe verspricht da das Konzept der First Responder.

Die Idee dahinter ist so simpel wie einleuchtend: Freiwillige können das bestehende Rettungsnetz verfeinern und vor allem beschleunigen. Die Johanniter und andere Hilfsorganisationen haben mittlerweile vor allem in jenen Gegenden Stützpunkte für First Responder eingerichtet, in denen es eher länger dauert, bis ein Rettungswagen eintrifft.

Die Ehrenamtlichen arbeiten dabei nicht zwangsweise in der Gesundheitsbranche. "Wir haben unter den Freiwilligen auch einen Hoteldirektor", sagt Elisabeth Halmbacher. Die Helfer sollen allerdings gezielt Erstversorgungs-Kompetenzen erwerben. Darum bemüht sich etwa das Trainingszentrum für Erste Hilfe und Notfallmedizin in Hamburg. Dort werden zum Beispiel Menschen ausgebildet, die häufig als First Responder infrage kommen, so etwa Mitarbeiter der Hochbahn Hamburg.

App knüpft ein Sicherheitsnetz

Neuerdings gibt es zudem auch eine kostenfreie App namens Mobile Lebensretter, die der Idee der First Responder noch eine weitere Ebene gibt. Das Prinzip: Wer in Not ist, kann den Notfall-Button drücken. Die App wählt die Nummer des Rettungsdienstes und benachrichtigt gleichzeitig bis zu fünf Menschen in der Nähe, die ebenfalls die App installiert haben. Diese werden zum Ort des Geschehens gelotst.

Die Vision, die Erfinder Norbert Gründjens und Koordinator Rüdiger Götz mit der gemeinnützigen App verfolgen, ist groß: "Wir wollen in Deutschland ein engmaschiges Netz schaffen, das jeden auffängt, der dringend Hilfe braucht", sagt Götz. Dass es sich dabei zumindest nicht um einen völlig unrealistischen Traum handelt, zeigen die bisherigen Benutzerzahlen: Nur wenige Monate nach dem Start nutzen bereits mehr als 10.000 Menschen die App. Gerade ist die zweite Version erschienen, es gibt nun neben dem roten Button - "Lebensgefahr" - auch einen blauen Button für "Angst/Gefahr": Hier werden vier Helfer gerufen und ein Polizeibeamter, der gerade nicht im Dienst ist. Außerdem wird eine vordefinierte Notfallnummer gewählt, etwa die der Polizei oder einer vertrauten Person.

Je mehr Menschen die App herunterladen, umso engmaschiger könnte das Netzwerk werden, über das benachrichtigte App-Nutzer künftig früher vor Ort sein könnten als Einsatzfahrzeuge. Und gerade in den ersten, entscheidenden Minuten kann selbst eine mittelmäßig durchgeführte Reanimation oder auch nur ein behelfsmäßiges Stoppen einer Blutung Leben retten.

Der Nachteil: Weil jeder mitmachen kann, gibt es unter den Ersthelfern bei Mobile Lebensretter vermutlich mehrere Teilnehmer, die nur wenig Fachwissen haben. Genau das sieht der Notfallmediziner Clemens Kill kritisch: "Um in Notsituationen effizient helfen zu können, bedarf es einer Grundlage an Wissen und Fertigkeiten. Oberste Priorität sollte deshalb haben, dass geschulte Ersthelfer und professionelle Rettungskräfte zum Notfallort kommen." Er hält es außerdem für möglich, dass Schaulustige an den Notfallort kommen und professionelle Retter dann noch mit unkundigen Laien umgehen müssen.

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Dennoch könnte die Idee dabei helfen, ein Bewusstsein für Notfälle zu schaffen und einen Mentalitätswechsel in Deutschland herbeizuführen. Der wäre dringend nötig: Wenn in Deutschland der Rettungsdienst kommt, haben nicht einmal in einem von fünf Fällen Laien mit dem Reanimieren begonnen. Sie haben meist Angst, etwas falsch zu machen. Dabei ist der weitaus größere Fehler, gar nichts zu tun. Wenn ein Kreislaufstillstand am Arbeitsplatz beobachtet wird, hilft hierzulande immerhin in 34 Prozent der Fälle jemand. Zu Hause wird nur in 18 Prozent der Fälle eingegriffen, dabei ereignet sich der größte Teil der Herzstillstände dort.

In Skandinavien dagegen leisten in fast 70 Prozent der Fälle Angehörige oder Passanten diese wichtige Hilfe. Im Ausland setzt man vielerorts auf qualifizierte First Responder. Besonders erfolgreich ist das Konzept in Israel: Dort braucht das Freiwilligen-Netzwerk "United Hatzallah", bestehend aus 3500 Freiwilligen, durchschnittlich drei Minuten, bis es nach einem Hilferuf vor Ort ist. Das ist nicht einmal halb so lang, wie die Rettungswagen brauchen.



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Laemat 02.01.2018
1. Frechheit
wieder eine staatliche Aufgabe die an Ehrenamtliche abgewälzt wird. Anstatt das Ehrenamt immer weiter auszunutzen sollten die entsprechenden verantwortlichen Stellen mehr Personal einstellen.
somon 02.01.2018
2. Im Landkreis Ravensburg ist das ein erfolgreiches Konzept!
Ich habe im Landkreis Ravensburg jahrelang in einer Helfer vor Ort (HvO) / First Respondergruppe mitgearbeitet. Die Zahlen waren beeindruckend. Das Konzept wurde gegen anfängliche Widerstände der professionellen Retter aber wegen der schwierigen topografischen Bedingungen und weiter Anfahrtswege etabliert. Teilnehmen dürfen dort nur speziell ausgebildete ehrenamtliche Erdthelfer, die Mitglied einer DRK- Bereitschaft sind, regelmässig geschult werden und eine genormte und dem Ausbildungsstand entsprechende Ausrüstung dabei haben. Inziwschen sind die HvO- Gruppen dort eine feste Größe - allerdings mit Nachwuchssorgen, auch wegen der hohen Anforderungen und Einsattzbelastungen (zwischen 3 und 10 Einsätze pro Woche). Seit drei Jahren wohne ich in einer extrem ländlichen Region Norddeutschlands, Hier hält der Rettungsdienst kaum seine Hilfsfristen ein und trotzdem wehrt man sich mit Händen und Füßen gegen Neuerungen. Das HvO / First Responder System wird hier als Konkurenz gesehen und auf allen Ebenen unterdrückt. Auch gegen eindeutig belegbare Zahlen und Fakten aus anderen Landkreisen. Schade drum.
seyffensteyn 02.01.2018
3. Es eigentlich ganz einfach:
Schauen sie sich die website www.einlebenretten.de an und sie wissen ,wie es geht! Nicht jeder hat einen Defi dabei,um ihn einsetzen zu können.Aber zwei gesunde Hände,um den Patienten wieder zu beleben.Ich bin froh,daß sich demnächst in den Schulplänen der Schulen diese Wiederbelebnungsmaßnahmen gelehrt werden.In Deutschland sind wir noch weit hinter anderen Ländern mit der Ausbildung.Und keine Angst haben dabei,besser eine gebrochene Rippe,als ein Toter!
somon 02.01.2018
4. ... und Sie bezahlen das?
Zitat von Laematwieder eine staatliche Aufgabe die an Ehrenamtliche abgewälzt wird. Anstatt das Ehrenamt immer weiter auszunutzen sollten die entsprechenden verantwortlichen Stellen mehr Personal einstellen.
Ihr empörter Ton ist absolut unangebracht. Die HvO / First Respondergruppen operieren am effektivsten in Gebieten mit schlechter Erreichbarkeit oder extrem dünner Besiedlung. In urbanen Gebieten ist die Dichte der Rettungswachen so eng, das der HvO / FR i.d.R. nicht schneller am Einsatzort sein kann. Ihr Argument mehr Leute einzustellen zieht nicht: man findet momentan schon nicht genug Leute um die Wachen aufzufüllen. Wenn wie von Ihnen vorgeschlagen das Wachennetz verdichtet wird, müssen Sie die Stellen verdoppeln. Um das notwendige Personal zu rekrutieren können Sie dann das Gehalt verdoppeln. Werden Sie den Anstieg der Krankenkassenbeiträge klaglos hinnehmen? Und was machen Sie, wenn zufällig alle Rettungswägen im Einsatz sind? Klaglos 60min warten, bis der RTW aus dem Nachbarkreis da ist? Oder sich über den ausgebildeten Rettungsassistenten freuen, der in Seiner Freizeit für Lau als First Responder bei Ihnen vor der Tür steht?
tester_1_2_3_4 02.01.2018
5. Der Staat kassiert immer mehr und kürz immer mehr...
Hallo zusammen, @Laemat und @ somon --> habt beide Recht. 1. Ja die HvO / First Respondergruppen machen Sinn und reduzieren die (*neudeutsch) Responsetime. 2. Und ja, der Staat nutzt das Ehrenamt aus, schon lange. Und er wird damit weitermachen (man erinnere sich an Merkels vollmundiges 'Wir' aus 'Wir schaffen ...') Aber auch in Groß-Gerau (mitten!) im Rein-Main-Gebiet zwischen Frankfurt, Mainz und Darmstadt werden Notdienstzentralen geschlossen... Siehe: http://www.echo-online.de/lokales/kreis-gross-gerau/gross-gerau/notdienstzentrale-schliesst-telefonisten-und-aerzte-vor-ungewisser-zukunft_15648387.htm Der Staat kürzt und kassiert wo es keinen Widerstand gibt ... Schöne Grüße
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