Fitnessarmbänder in der Medizin Du bist doch krank

Immer mehr Menschen schwören auf Smart Watches und Fitnessarmbänder. Der etwas verrückte Selbstversuch eines Forschers hat ergeben: Solche Wearables können Erkältungen und Krankheiten wie Borreliose vorhersehen.

Michael Snyder, Professor an der Stanford University School of Medicine
Steve Fisch/ Stanford School of Medicine

Michael Snyder, Professor an der Stanford University School of Medicine

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Michael Snyder wusste, dass etwas nicht stimmte, noch bevor er es fühlte. Während der Amerikaner im Flugzeug zum Familienurlaub nach Norwegen saß, beschleunigte sich sein Herzschlag. Die Sauerstoffsättigung in seinem Blut sank. Eigentlich nichts Ungewöhnliches, diese Effekte hatte Snyder während Flügen schon häufig auf den Displays seiner Geräte beobachtet. Das Komische: Anders als sonst normalisierten sich die Werte auch nach mehreren Stunden im Flugzeug nicht. Und auch nicht, als das Flugzeug landete.

Als Snyder kurz darauf leichtes Fieber bekam, wunderte er sich nicht mehr. Er hatte längst eine Ahnung. Zwei Wochen vor seinem Urlaub hatte der 58-Jährige seinen Bruder in einer ländlichen Gegend von Massachusetts beim Bau eines Zauns geholfen. Die Region ist bekannt für ihre vielen mit Borreliose infizierten Zecken. Und tatsächlich: Noch im Urlaub ging Snyder zum Arzt und ließ sich ein Antibiotikum verschreiben. Wenig später bestätigte ein Test den Verdacht, er hatte sich mit Borreliose infiziert.

Dass Snyder so früh von seiner Erkrankung wusste, hatte er einem etwas verrückten Selbstversuch zu verdanken. Zwei Jahre lang überwachte der Forscher der Stanford University seine Gesundheit mit sieben Wearables gleichzeitig. Unter die Bezeichnungen fallen Geräte wie Smart Watches und Fitnessarmbänder. Tag für Tag sammelten die Minicomputer mehr als 250.000 Werte über ihn, seine Herzfrequenz, seine Hauttemperatur und seine Bewegungen. Sein Ziel: Herauszufinden, wie viel die Geräte, mit denen viele ihre Fitness überwachen, auch über Krankheiten verraten.

Individualisierte Medizin

Dafür beschränkte sich Snyder nicht nur auf seinen Selbsttest. Nachdem sich gezeigt hatte, dass die meisten Wearables zuverlässige Ergebnisse liefern, gewann der Forscher weitere Teilnehmer für seine Versuche. Insgesamt versorgte er 42 Personen im Alter zwischen 35 und 70 mit einem Gerät, das Herzfrequenz, Hauttemperatur und Schritte dokumentierte. Zwar hielten die anderen Teilnehmer nicht wie Snyder zwei Jahre lang durch, im Schnitt ließen sie sich jedoch knapp fünf Monate lang Tag und Nacht überwachen.

Die Ergebnisse zeigen einen großen Vorteil der Fitnesstracker: ihre lückenlosen Messungen. Während der Arzt nur ein bis zwei mal pro Jahr bei einem sonst gesunden Menschen Werte wie den Blutdruck checken und mit einer Tabelle vergleichen kann, erfassen die Geräte kontinuierlich persönliche Werte und machen dadurch auch persönliche Ausreißer sichtbar. Schon bei den 43 Teilnehmern der Studie schwankten die Basiswerte stark. Während beispielsweise die Herzen der Männer in der Studie pro Minute rund 69 Mal schlugen, waren es bei den Frauen im Schnitt 73 Mal.

Um sich die Vorteile der Geräte zunutze zu machen, entwickelten die Forscher anschließend ein Programm, das persönliche Durchschnitts-Herzfrequenzen und Hauttemperaturen errechnet und nach Ausreißern sucht. Mit seiner Hilfe durchforstete das Team die Daten von Snyder und drei weiteren Teilnehmern, die während der Studienzeit nachweislich krank geworden waren. Tatsächlich deckten sich die Perioden mit einer erhöhten Herzfrequenz bei allen vieren mit Entzündungszeiten, in denen sie erkältet waren, unter Verstopfung litten oder eben an Borreliose.

Dabei veränderten sich die Herzfrequenzwerte in einer so frühen Krankheitsphase, dass sie wahrscheinlich wie beim Borreliose-Fall als Frühwarnsystem für die Erkrankungen hätten dienen können. Die Hauttemperatur hingegen stieg in den Krankheitszeiten nur bei zwei der vier Teilnehmer an. Das könnte darauf hindeuten, dass sich die Temperatur nur bedingt als Indikator für Entzündungsreaktionen im Körper eignet - oder aber, dass die beiden anderen Teilnehmer ihre Smart Watches nicht eng genug am Arm trugen, um Unterschiede der Hauttemperatur zu erfassen.

Der Mensch als Auto

In einer weiteren Analyse widmete sich das Wissenschaftlerteam noch einem ganz anderen Krankheitsbild: der Insulinresistenz, einem Vorboten des Diabetes Typ 2. Auch dabei zeigte sich ein Muster. Je weniger Schritte die Teilnehmer gelaufen waren und je schneller ihr Herz tagsüber schlug, desto schlechter reagierte ihr Körper auf Insulin. "Menschen mit verschiedenen Graden an Insulinresistenz weisen wichtige körperliche Unterschiede auf, die sich mit einem Wearable messen lassen", schreiben die Forscher hoffnungsvoll. Die Ergebnisse der Tests lassen erahnen, wie die Geräte die Medizin der Zukunft revolutionieren könnten. Bis dahin ist allerdings Geduld gefragt.

Bislang handelt es sich bei den Untersuchungen nur um erste kleine Studien, die viele Fragen offenlassen. Wie etwa könnten die beobachteten Effekte konkret Behandlungen verbessern? Wie oft kommt es zu einem Fehlalarm, der unnötige Untersuchungen nach sich zieht? Und wie verhält es sich mit dem Datenschutz? "Es wird noch eine Herausforderung, zu klären, wie sich die gesammelten Daten in die klinische Praxis integrieren lassen", sagt Snyder. "Dennoch bin ich sehr optimistisch, dass personalisierte Biosensoren eines Tages helfen werden, ein gesundes Leben zu führen."

Noch, so Snyder, überwachten die Menschen ihr Auto mit mehr Sensoren als ihren Körper. "Das wird sich irgendwann umdrehen."

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insgesamt 30 Beiträge
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malcom1 19.01.2017
1. Volle Kontrolle
Warum lässt sich Wissenschaftler nicht gleich einen Chip einpflanzen und die Daten an seine Krankenkasse und Hausarzt und Rentenversicherung, usw, usw. übertragen. Die können errechnen wie alt er wird und seine Rente oder andere Bezüge erhöhen bzw. herabsetzen. Wann hört dieser Wahnsinn der Überwachung ob freiwillig oder nicht, auf. Warum braucht der Mensch eigentlich noch ein Hirn, wenn die Apple Watch ihm sagt wann er auf die Toilette gehen muss. Weiter will ich dies nicht ausführen. Kommt ein Gast in die Kneipe und bestellt ein Bier, sagt der Wirt "Sorry Sie bekommen keines mehr. Sie haben 3 Bier getrunken. Sonst bekommen Sie Ärger zu Hause oder mit Ihrer Krankenkasse."
krautrockfreak 19.01.2017
2. Die Pharmaindustrie und die Ärzte können jubeln
denn weiterhin werden immer mehr Menschen krankgeredet. Man muss es ihnen nur einreden und solch Spielzeug eignet sich hervorragend. Mir ist das ein Rätsel, warum man dieses Zeug überhahupt benötigt. Wenn ich laufen will, dann geh ich raus und zwar ohne dieses Spielzeug, ich laufe einfach und höre auf meinen Körper. Aber scheinbar lassen sich doch viele von der Industrie zum Narren halten und müssen jeden Trend mitmachen...
Poco Loco 19.01.2017
3. Schöne neue Welt
Mir wird es trotzdem nicht im Traum einfallen, täglich 5 Wearables zu tragen und auszuwerten, um dann darüber zu grübeln, ob ich vielleicht krank werden könnte oder nicht. Aber es passt zu den Leuten, die nur sich selbst wichtig sind, denken alles kontrollieren zu können und sonst nichts zu tun haben. Wenn ich krank werde merke ich das auch so, da brauch ich keine Smartwatch und auch kein Überwachungs-Armband, das mich daran erinnert, das ein Leben endlich ist.
JaguarCat 19.01.2017
4. Wer will es überhaupt wissen?
Das Ergebnis wird am Ende sein: Die Menschen, die die Daten eigentlich gar nicht bräuchten, weil sie super auf sich selber achten, diese Menschen werden die Wearables nutzen. Alle anderen eher nicht. Die Sprechstunden der Ärzte werden also weiterhin voll sein mit Leuten, die sagen: "Doktor, hilf mir!"
WillyWichtig 19.01.2017
5. Borreliose vorher sehen? Zeckensuchgerät?
Ich kenn da so ein Startup.. die entwickeln eine App. Die verpetzt sie beim Arbeitgeber wenn sie krank geschrieben sind aber das Armband der Meinung ist das sie kerngesund sinid. Willkommen in der schönen neuen Welt (Neuland)
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