Mediziner an Bord Notfälle im Flugzeug könnten Ärzte überfordern

Immer häufiger müssen Ärzte und Pfleger Passagieren im Flugzeug zur Hilfe eilen. Viele sind darauf nicht vorbereitet, warnen kanadische Notfallmediziner.

Getty Images/ EyeEm


"Ist ein Arzt an Bord?" Wenn dieser Hilferuf in einem Flugzeug ertönt, hat nicht jeder so viel Glück wie die Britin Dorothy Fletcher. 2004 erlitt sie auf dem Weg zur Hochzeit ihrer Tochter in Florida einen Herzinfarkt - und prompt eilten ihr 15 Kardiologen zur Hilfe. Die Fachärzte waren auf dem Weg zu einer Herzkonferenz in Orlando. Sie retteten der damals 67-Jährigen das Leben.

Notrufe dieser Art fordern immer häufiger den spontanen Einsatz von Ärzten und anderem medizinischen Personal. Längst nicht alle Mediziner wissen dann genau, was zu tun ist, warnen Notfallmediziner jetzt im "Canadian Medical Association Journal".

"Zu wissen, was von einem erwartet wird, könnte die Ärzte besser vorbereiten, wenn dieser Aufruf in 11.000 Meter Höhe das nächste Mal kommt", erklärt Notfallmediziner Alun Ackery von der Universität Toronto. Die Autoren raten anwesenden Ärzten und Pflegern unter anderem dazu, in schwerwiegenden Notfällen ein Team mit klar verteilten Rollen zu bilden.

Notfallset mit Medikamenten an Bord

Außerdem sollten Ärzte das Notfallset kennen, das sich an Bord jedes Flugzeuges befindet und sich von Fluglinie zu Fluglinie unterscheiden kann. Es enthält unter anderem wichtige Medikamente und Messgeräte. Gut zu wissen sei auch, dass der Druck in der Kabine oft dem in einer Höhe von 2000 und 3000 Metern entspreche, erklären die Ärzte in einem Video. Dadurch seien niedrige Sauerstoffsättigungen von 88 bis 93 Prozent normal.

Video über den Notfallkoffer von Air Canada (englisch):

Laut einer nordamerikanischen Untersuchung kommt es an Bord am häufigsten zu Bewusstlosigkeit (37 Prozent), gefolgt von Atemproblemen (12 Prozent), Übelkeit (10 Prozent), Herzproblemen (8 Prozent) und Krampfanfällen (6 Prozent).

Aufruf in 11.000 Metern Höhe

Anders als in Kanada oder den USA sind in Deutschland mitreisende Ärzte gesetzlich dazu verpflichtet, bei Notfällen in der Luft zu helfen. Nach Auskunft der Lufthansa stehen dann über ein Satellitentelefon auch Ärzte am Boden bereit, um sie zu unterstützen. Außerdem gibt es ein Programm, bei dem Ärzte sich registrieren lassen können - sie werden auf Flügen im Notfall angesprochen.

Aktuelle Zahlen zu Notfalleinsätzen an Bord wollte Lufthansa nicht mitteilen. Für die Jahre von 2000 bis 2011 zeigt das Register der Fluglinie jedoch, dass es zu immer mehr Zwischenfällen kommt. 2011 registrierte die deutsche Fluggesellschaft einen Notfall pro 10.000 Reisende. 70 Prozent der Situationen traten bei Interkontinentalflügen auf.

Dass die Zahl der medizinische Notfälle bei Flügen steigt, hat gleich mehrere Gründe. Zum einen gibt es immer mehr Flugreisende. Hinzu kommt das höhere Alter vieler Passagiere und die größere Anzahl von Reisenden mit Gesundheitsproblemen. Zudem fliegen mehr Menschen Langstrecke, was sie länger dem niedrigen Luftdruck, extrem trockener Luft und eingeschränkter Bewegungsfreiheit aussetzt.

Wie oft Ärzte weltweit Passagieren an Bord von Flugzeugen zu Hilfe eilen müssen, ist aufgrund uneinheitlicher Zählungen unklar. Die Schätzungen schwanken von einem Fall pro 62.500 Passagieren bis hin zu einem Fall pro 7700 Passagieren. Immerhin: Extremsituationen wie Reanimationen und Todesfälle sind laut Lufthansa-Zahlen von 2012 selten, ebenso wie Geburten und psychiatrische Zwischenfälle an Bord.

Bahnreisende: Notarzt innerhalb von 20 Minuten

Bei Bahnreisen sind Notsituationen einfacher zu lösen, berichtet die Deutsche Bahn. "Medizinische Notfälle sind im Vergleich zur Zahl beförderter Menschen recht selten", sagt Christian Gravert, Leitender DB-Arzt. Anders als im Flugzeug könnten Reisende sich frei bewegen, Luftdruck und Luftfeuchtigkeit seien normal. "Sollte sich im Zug jemand ängstigen oder einfach nicht wohl fühlen, kann er die Reise ziemlich mühelos an jedem Bahnhof unterbrechen."

Aber auch bei der Bahn gibt es einen Handlungsleitfaden für Zugbegleiter, einen Notfallkoffer in jedem IC/ICE und den Anspruch, binnen 20 Minuten einen Notarzt beim Patienten zu haben. Zudem werde auch im Zug nach Ärzten ausgerufen, sagt Gravert. Oft würden sich dann mehrere melden.

irb/dpa

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insgesamt 21 Beiträge
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Seite 1
murksdoc 27.02.2018
1. Eigene Erfahrungen
Medizinische Notfälle ereignen sich auf 75% aller meiner Kontinentalflüge. Der Rekord waren 4 (vier) Patienten einschliesslich des Piloten. Es spielt eine grosse Rolle, ob man auf amerikanischen Fluglinien einen Koffer mit einer Blutdruckmanschette, einem Stethoskop und einer Adrenalin-Fertigspritze vorfindet, oder voll ausgerüstete Notfallkoffer in europäischen Fluglinien. Die meisten Notfälle ereignen sich etwa eine Stunde nach dem Start. Wie eine amerikanische Stewardess mal ganz richtig vermutete, sind die Passagiere bis dahin "randvoll gepumpt mit Adrenalin und wenn sie dann erst mal sitzen, und der Stress weg ist, fallen sie in ein Loch". Die Airlines könnten auch mal darüber nachdenken, ob, wenn man der Airline 100000 Euro einspart und den Flieger nicht zwischenlanden lässt, dafür aber über 8 Stunden lang, in denen man natürlich keinen Alkohol bekommt, neben dem Patienten sitzt und das Notarztprotokoll führt, "eine Flache Rotwein", die höchste Gage die ich je für solch eine Aktion erhalten habe, irgendwie angemessen sind (in weit über 50 Notfällen, die ich in den Jahren erlebt habe).
murksdoc 27.02.2018
2. Eigene Erfahrungen 2
"Interkontinentalflüge" meinte ich.
keine-#-ahnung 27.02.2018
3. Mal rein interessehalber ...
... ich habe dank meiner Aviophobie und der damit verbunden recht geringen Anzahl absolvierter Langstreckenflüge in meinem Leben noch keinen einzigen wirklichen Notfall an Bord eines dieser Dinger, die eigentlich gar nicht fliegen können, dieses aber nur nicht wissen, erlebt. Aber wie ist man den eigentlich haftungsrechtlich gestellt, wenn man beispielsweise mit einer US-Airline über arabisches Territorium fliegt und dabei qualifiziert rettungsmedizinisch an einem Amerikaner tätig ist? Ich habe eine deutsche und eine schwedische Berufserlaubnis ... und damit eigentlich gar kein Recht, exterritorial ärztlich tätig zu werden??
ffmfrankfurt 27.02.2018
4.
Notfälle in 75% aller Langstrecken? Das halte ich doch für deutlich übertrieben. Ich fliege selber mehrmals im Jahr in die Ferne Und glücklicherweise kommt es in den seltensten Fällen zu medizinischen Notfällen. Außerdem wurde ich im Nachhinein - also auf dem Rückflug - von der Fluggesellschaft eigentlich immer generös mit einem Upgrade bedacht. Vielleicht muss man einfach nur mal den Mund aufmachen und das selber vorschlagen wenn es nicht automatisch kommt? Zu Haftung Antwort: die Fluggesellschaften haben wohl mittlerweile alle Formulare, die eine Haftung ausschließen.
Malshandir 27.02.2018
5. Umdenken
Wie wäre es denn, wenn pro Interkontinentalflug ein Arzt an Bord sein muss und denn die Airline bezahlt. Das sollte doch machbar sein. Ich selber habe selber schon Notfälle erlebt, allerdings nur auf der Mittelstrecke. 3 Mal als Passagier gesehen, zwei waren mit renomierten europäischen Airlines, die dieses sehr gut im Griff hatten und einmal auf einer Billigairline, wo die Crew überfordert war und zweimal selber, einmal mit unklarem Unwohlseins, allerdings mehrere Passagiere, auch hier wurde gut agiert. Ein anderes Mal wurde ich von einer betrunkenen Passagierin angegriffen und mit heissem Wasser grossflächig überbrüht. Totalversagen der Crew (man offerierte mir Servietten zum abtupfen), ein anwesender Arzt empfahl eine sofortige Landung, was man nicht tat und den Flug noch 2 Stunden fortsetzte, was dann zu Schock führte und ich mit dem RTW am Zielflughafen mitgenommen wurde. Eine Festnahme erfolgte nicht, da die Dame am Zielort weiterfliegen musste und Ihre Beziehungen in Korruptistan spielen liess. Typisch Osteuropa.
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