Flughafen München Die eingebildete Vergiftung

Neue Sprengstoffsuchgeräte sorgten für Gesundheitsprobleme beim Personal am Flughafen München. Gutachter fanden bedenkliche Formaldehyd-Werte, 200 Personen erkrankten. Doch nun nimmt der Fall eine überraschende Wendung.

Flughafen München: "Quantum Sniffer" im Einsatz
Flughafen München/ Werner Hennies

Flughafen München: "Quantum Sniffer" im Einsatz

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Zehntausende Fluggäste schoben sich an jenem Montag Ende August durch die Sicherheitskontrollen des Flughafen München. Ferienbetrieb, Messebeginn und ausgerechnet auch der erste Einsatztag des Quantum Sniffer QS-B220.

Das 15 Kilogramm schwere Hightech-Wunder aus Massachusetts sollte eigentlich nur bei der Umsetzung einer neuen EU-Sicherheitsrichtlinie helfen. Seit September müssen mehr Passagiere als bisher auf Sprengstoffspuren überprüft werden.

Weil der Hersteller mittels einer simplen Wischprobe mindestens 180 Messungen in der Stunde verspricht und der Apparat neben Sprengstoff auch Kokain, LSD oder Heroin identifizieren kann, kam er wie gerufen. Derzeit sorgt der Quantum Sniffer jedoch vor allem für jede Menge Ärger.

Um Wartezeiten zu reduzieren, platzierte der Flughafen die Geräte direkt an der Sicherheitskontrolle. Doch schon am ersten Tag, nach nur wenigen Stunden, wurde Mitarbeitern der Kontrollstelle speiübel. Hinzu kamen Hautrötungen, Konzentrationsstörungen, Augenbrennen, Schwindel, Orientierungslosigkeit. Am Ende des Tages waren acht von ihnen im Krankenhaus. Auch die herbeigerufenen Ersatzkräfte klagten über Beschwerden.

Gefährliche Ausdünstungen

Angst machte sich breit, die hauseigene Sicherheitsfirma des Flughafen München (SGM) ließ die Geräte von der Flughafenfeuerwehr überprüfen. Das Ergebnis war negativ. In einem Rundschreiben wurden die "lieben Kollegen" beruhigt, die Sniffer liefen weiter. Erst eine Woche später entfernte die SGM den Quantum Sniffer und ersetzte ihn durch ein ähnliches Gerät, den Itemiser 4DX.

Quantum Sniffer (Archivfoto eines älteren Modells): Häufung von Krankheitsfällen in München
Getty Images

Quantum Sniffer (Archivfoto eines älteren Modells): Häufung von Krankheitsfällen in München

Grund war ein zwölfseitiges Gutachten der Dekra, das unter Verschluss blieb. Die Prüfer maßen eine bedenkliche Konzentration der flüchtigen Verbindungen Cyclohexanon und Formaldehyd - beide stehen im Verdacht, Krebs auszulösen und zu akuten Gesundheitsproblemen zu führen. Von einem Betrieb des Geräts sei dringend abzuraten, schrieben sie. Das Stuttgarter Labor empfahl, die Geräte nur mit Atemschutz zu betreiben.

Mittlerweile hat die Staatsanwaltschaft Landshut die Quantum Sniffer konfisziert und ermittelt gegen unbekannt wegen fahrlässiger Körperverletzung in Dutzenden Fällen. Doch auch mit dem Ersatzgerät verbesserte sich die Lage an den Sicherheitsschleusen nicht. "Die Leute fielen reihenweise um", sagen SGM-Mitarbeiter. Am 29. September wurden auch die Ersatzgeräte entfernt, obwohl die Dekra bei diesem Modell keine gesundheitsschädlichen Ausgasungen feststellen konnte.

Selbst als die Itemiser längst abmontiert waren, erkrankten immer noch Mitarbeiter. Bis heute sind um die 200 Fälle bekannt. Die Kontrolleure wandten sich mit ihren Vergiftungserscheinungen an umliegende Kliniken und ihre Hausärzte, doch diese fanden keine klare Ursache für die Beschwerden.

Überraschende Wendung

Für den Flughafen München entwickelte sich das Thema zur heiklen Angelegenheit.

Hält der Airport die EU-Standards nicht ein, kann das drastische Folgen haben. Ergibt ein Audit, dass die Sicherheit gefährdet ist, würde das Drehkreuz schnell in den Status eines "Non-EU"-Flughafens abrutschen. Steigt ein Passagier dann an einem anderen Flughafen um, gilt er als nicht kontrolliert und muss sich erneut anstellen. In München werden deshalb bis zur Klärung der Vorwürfe Geräte eines anderen Typs verwendet. Dann kommt die überraschende Wendung.

Der Hersteller des Sniffers, die amerikanische Firma Implant Sciences, will nicht glauben, dass seine Geräte krank machen. Man setze sie seit mehr als zehn Jahren weltweit ein, noch nie sei jemand deswegen krank geworden, erklärt das Unternehmen.

Implant Sciences wendet sich an das Bundesamt für Materialforschung, das wiederum schaltet das Dresdener Prüfinstitut Fresenius ein. Das Ergebnis ist verblüffend: keine schädlichen Ausgasungen. Vielmehr kommen die Prüfer zum Schluss, dass die Dekra unter falschen Bedingung gemessen habe und sich ein um das 150-fache zu hoher Formaldehyd-Wert ergeben habe.

Wie aber lassen sich die Krankheitsfälle erklären?

Das Klinikum der LMU nimmt sich beide Gutachten vor. Die Fachärzte für Arbeitsmedizin erklären die vermeintlichen Vergiftungen mit dem sogenannten Sick Building Syndrom. Es führt dazu, dass sich Menschen, die in ein neues Haus einziehen, durch die starken Gerüche von neuem Material automatisch krank fühlen. Auch die angelieferten Sprengstoffsuchgeräte am Flughafen München sollen, nachdem man sie aus der Verpackung nahm, stark nach Silikon und Kleber gerochen haben. Aber eben, so die LMU, nur vorübergehend.

Nachdem einigen Mitarbeitern schlecht geworden war und die Arbeitgeber ihnen nicht glaubten, nachdem die Presse über die Vorfälle berichtet hatte und sogar ein Gutachten die Schädlichkeit bestätigte, könnten, so die LMU, "gesundheitliche Folgen auch auf psychosomatischer Ebene induziert werden". Ernst zu nehmen seien sie gleichwohl. Die LMU-Mediziner sprechen am Ende von einer Verkettung mehrerer unglücklicher Umstände. Es könne "kein einziger Schuldiger benannt werden."

Korrektur: In der ursprünglichen Version dieses Textes hieß es, ein Kunststoffteil im Sniffer sei der permanenten Belastung nicht gewachsen gewesen. Ein Plastikring habe sich während des Betriebs erhitzt, so sollten die giftigen Stoffe in die Luft gelangt sein. Diese Aussage bezieht sich allerdings nicht auf das Modell Sniffer, sondern auf das Gerät eines anderen Herstellers. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen!



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insgesamt 75 Beiträge
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Seite 1
laverdad 30.11.2015
1. Wie bei Handystrahlen
Erinnert an die Versuche mit Handymasten, in deren Umgebung die Krankheitsfälle drastisch anstiegen, obwohl es sich nur um Attrappen handelte, die überhaupt nicht funktionierten. Wurden sie wieder abgebaut, ging es den Anwohnern wieder besser. Die Psyche ist für die Gesundheit eben sehr wichtig.
ex2012 30.11.2015
2. Krasse Wendung, krasser Fall oder doch nicht?
Ein Fall in dem die StA ermittelt hat und in dem es keine Schuldigen gibt. Eigentlich ein schöner Fall- aus rechtlicher Sicht: Es trat zwar ein Schaden ein, Schuldige gibt es nicht! Alle haben sich korrekt verhalten. Schwer zu aktzeptieren für manche, zeigt aber, dass die Grundsätze der Unschuldsvermutung und Zurechnung sehr gut funktionieren. Und sollte unsere Akzeptanz in Unglück stärken, aber auch in Placebo-Effekte: Beides gibt es, wie der Fall beweist! Schade und traurig für die Mitarbeiter, die erkrankten. Ihnen gute Besserung. Zur Vorbeugung weiterer ähnlicher Fälle: Demnächst einfach den Geruch mit angenehmen Gerüchen überspielen. Man darf wohl davon ausgehen, dass gewisse Prüfungen durchgeführt werden vor Versand. Und eines sollte man auch bedenken: Doppelt genäht hält besser ;-)
Msc 30.11.2015
3.
Zähne zusammenbeißen und durch. Früher normal, heute Zeichen für exzellente Arbeitskräfte. Leute sind einfach erbärmlich schwach geworden.
in_peius 30.11.2015
4. Ganz klarer Fall!
Das ist eine Promo-Aktion für die neuen 'Akte X'-Folgen, die ab Januar ausgestrahlt werden sollen.
irmdaen 30.11.2015
5. Typischer Fall für einen Nocebo-Effekt!
Nocebo-Effekt = die Kehrseite der Medaille vom Placebo-Effekt: https://de.wikipedia.org/wiki/Nocebo-Effekt
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