Ein rätselhafter Patient: Reitunfall mit üblem Nachspiel

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Corbis

Reitunfall: Zwei Wochen nach einem Sturz beklagt sich eine Frau plötzlich über ein taubes Gefühl im Arm und Gesicht

Eine 54-jährige Frau stürzt vom Pferd, ihre Hüfte schmerzt auf der rechten Seite, doch sonst hat sie keine Probleme. Zwei Wochen später allerdings wird plötzlich ihr Gesicht taub, auch ihr linker Arm ist eigenartig schwach. Eine Spätfolge des Reitunfalls?

Als die 54-Jährige in der Unfall- und Notfallmedizin der Klinik ankommt, nehmen die Ärzte ihre Beschwerden nicht richtig ernst. Die Krankenakte der Frau ist makellos, sie ist fit. Ein eigenartig taubes Gefühl, das sie in der linken Gesichtshälfte und in ihrem linken Arm hat, hatte sie in die Ambulanz gebracht. Auch ihr linker Arm war für kurze Zeit schwächer als sonst, klagt die Patientin. Dennoch schicken die Mediziner die Frau wieder nach Hause - etwas Schlimmes, denken sie, steckt wahrscheinlich nicht hinter den Symptomen.

Doch die Beschwerden kommen am nächsten Tag wieder und mit ihnen das Gefühl der Frau, dass etwas nicht stimmt. Sie macht sich erneut auf den Weg in die Klinik, doch auch diesmal können die Mediziner nichts mit ihr anfangen. Statt sie einfach nur nach Hause zu schicken, geben sie der Patientin jedoch eine Überweisung in eine Klinik mit, die auf transitorisch ischämische Attacken (TIA) spezialisiert ist.

Dabei handelt es sich um Durchblutungsstörungen des Gehirns, die als Vorboten für einen Schlaganfall gelten. Bis zu 20 Prozent der TIA-Patienten erleiden in den ersten 14 Tagen nach dem Vorfall einen Schlaganfall, schreibt eine Ärztegruppe vom Southend University Hospital im Fachmagazin "BMJ Case Reports".

Zwei Wochen vor dem Taubheitsgefühl: Sturz vom Pferd

Eine Woche später erscheint die Patientin in der TIA-Klinik. Beim genauen Nachfragen erfahren die Ärzte dort im Detail, wie die Taubheits-Beschwerden der Patientin aussahen. Offensichtlich handelte es sich um zwei Schübe, der am ersten Tag dauerte etwa 20 bis 30 Minuten an. Dann verschwand das Taubheitsgefühl plötzlich wieder. Der am zweiten Tag war etwas heftiger, erst nach 30 bis 60 Minuten hatten die Beschwerden wieder nachgelassen.

Daneben berichtet die Patientin von einem Reitunfall, der allerdings schon etwas zurückliegt. Bei dem Vorfall war sie vom Pferd gefallen und hatte sich leicht an der rechten Hüfte verletzt. An Nacken- und Kopfschmerzen nach dem Sturz kann sich die Patientin jedoch nicht erinnern.

Dennoch werden die Mediziner stutzig: Könnten der Reitunfall und die später aufgetretenen neurologischen Beschwerden zusammenhängen? Ihnen kommt ein Verdacht.

Um ihre Vermutung zu bestätigen, machen die Mediziner eine Reihe von Untersuchungen, scannen das Gehirn der Patientin und untersuchen den Blutfluss durch ihre Adern. Zwar hatte die Patientin nach dem Reitunfall nur über Hüftschmerzen geklagt. Tatsächlich könnte ihr Körper jedoch weit mehr Schaden genommen haben. Die Mediziner vermuten, dass ihre Halsschlagader bei dem Sturz überdehnt oder auf andere Weise verletzt wurde - und infolgedessen Teile ihres Gehirns zeitweise nicht richtig mit Blut versorgt waren. Dies würde die neurologischen Probleme der Patientin erklären.

Und tatsächlich, die Untersuchungen geben ihnen recht. Ein Stück der Halsschlagader der Patientin ist verletzt und stark verengt. Im Gehirn der Patientin entdecken die Forscher in zwei Bereichen Hinweise für zwei Infarkte, die erst kürzlich aufgetreten sein müssen und die Taubheitsgefühle erklären. Die Mediziner verschreiben der Patientin Medikamente, die der Blutgerinnung entgegenwirken. Dadurch wollen sie verhindern, dass sich in der angeschlagenen Halsschlagader Blutgerinnsel bilden und Blutgefäße im Gehirn verstopfen.

Ein kleiner Riss kann zum Schlaganfall führen

Die Mediziner sprechen bei dem, was mit der Ader der Patientin passiert ist, von einer arteriellen Dissektion. Das Krankheitsbild beginnt mit einem kleinen Riss in der inneren Schicht der Gefäßwand. Anfangs hat der Riss keine großen Auswirkungen. Mit der Zeit kann es jedoch passieren, dass die Gefäßwand sich durch den Druck des Blutes zwischen der inneren und der mittleren Schicht aufspaltet. An der Stelle kann es zu Blutgerinnseln kommen, das Gefäß kann sich verengen. Doch nicht nur das: Von den Gerinnseln können sich Teile lösen, in das Gehirn der Patientin gelangen und dort kleinere Gefäße verstopfen, es kann zu einem Schlaganfall kommen.

Werden arterielle Dissektionen früh erkannt und mit Gerinnungshemmern behandelt, tragen die Betroffenen meistens keine Schäden davon. So geht es auch der Reitunfall-Patientin, die drei Monate später noch einmal zur Nachuntersuchung kommt. Schätzungsweise ein Prozent derjenigen, die sich bei einem Aufprall verletzen, entwickeln eine Dissektion an der Halsschlagader. Auch Verletzungen der Wirbelarterie kommen hin und wieder vor, etwa wenn jemand den Hals zu sehr überdehnt, wie es beim Yoga, heftigem Sex, beim Niesen oder auch der Decke streichen - allerdings nur sehr selten - passieren kann.

Häufig bliebe die Verletzung der Arterien, wie auch in dem diesem Fall, zuerst unbemerkt, schreiben die Mediziner. Sie fordern Notfallmediziner dazu auf, bei allen Unfallpatienten mit Kopfschmerzen und neurologischen Auffälligkeiten, die sich anders nicht erklären lassen, auch die Möglichkeit einer Verletzung der Arterien in der Nähe des Halses und Kopfes in Betracht zu ziehen.

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insgesamt 66 Beiträge
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1. Ignoranz
Allegorius 22.09.2012
Als Logopäde habe ich schon einige Patienten (sieben) kennen gelernt, deren Beschwerden ebenfalls zunächst nicht ernst genommen wurden. Alle wandten sich mit leichten Taubheitsgefühlen in einer Extremität und Lähmungserscheinungen an einen Arzt. Alle wurden lapidar abgespeist, denn sie hatten im Durchschnitt, anders als die Patientin von der im Text berichtet wird, das 65. Lebensjahr erreicht oder überschritten. Leider waren alle ausnahmslos sehr schwer betroffen. Die Hälfte verstarb innerhalb der ersten vier Wochen nach dem Schlaganfall, die andere Hälfte innerhalb der darauf folgenden zwei Jahre. Die Tragik, die bei allen Angehörigen und Patienten selbst, zu Wut und Fassungslosigkeit führte, liegt in der Ignoranz der Mediziner gegenüber einem untrüglichen Symptom. Taubheitsgefühle und Lähmungserscheinungen sind "...in diesem Alter..." nicht "...völlig normal." Da müssen nach heutigem medzinischen Wissensstand schlichtweg die inneren Alarmglocken läuten. Das gilt auch für andere Alarmzeichen, die fast immer eindeutig auf einen akuten Zwischenfall hinweisen.
2. Typischer Fall von Retrospektivfachärtzen
rigulator 22.09.2012
Lieber Allegorius! Schuster bleib bei Deinen Sohlen! Was ich als Arzt inzwischen nicht mehr ertragen kann, ist das Klugscheißen von diversen pseudomedizinischen Laienberufen und das pausenlose Dauerärztebashing. Ist Ihnen eigentlich klar, dass Sie als Logopäde natürlich nur solche Leute zugewiesen bekommen die tatsächlich ein ernstes Problem haben? Daher haben die meisten Ihrer Patienten eine ähnliche Symptombeschreibung zu bieten. Doch daraus zu schließen, dass alle Leute mit ähnlichen Symptomen ein organisches Problem haben ist sowas von naiv! Bevor Sie über einen Beruf urteilen, von dessen Materie Sie weniger als 1% jemals zu sehen bekommen, möchte ich Sie mal in einer Krankenhausambulanz sehen, wie Sie zuverlässig alle wirklich Kranken aus der Masse an Pseudokranken herausfiltern. Haben Sie eine Vorstellung davon, wie viele Leute einem jeden Tag von Kribbelbeschwerden, Taubheit und allen möglichen anderen obskuren Beschwerden erzählen??? Bei der ganz überwiegenden Mehrheit entsteht das Problem wirklich im Kopf, und zwar nicht organisch. DAS ist die Realität. Aber ich bin mir sicher, dass Sie mit Ihrem unfehlbaren Bauchgefühl zuverlässig alle Leute erkennen, die wirklich ein Problem haben. Die Welt wäre eine Bessere, wenn zukünftig Logopäden die Notfallversorgung im Krankenhaus machen. Ist mir sowieso lieber, dann habe ich nachts und am Wochenende frei...
3.
herkurius 22.09.2012
Ich kann nur aus eigenem Erleben raten, zu einem sog. Unfallchirurgen (das ist nicht ein Krankenhaus, sondern ein Facharzt, der auch nicht auf Operationen festgelegt ist, aber die richtigen Schlüsse aus einem Unfall mit Verletzungserscheinungen zu ziehen versteht) zu gehen.
4. .
Rubeanus 22.09.2012
Zitat von rigulatorLieber Allegorius! Schuster bleib bei Deinen Sohlen! Was ich als Arzt inzwischen nicht mehr ertragen kann, ist das Klugscheißen von diversen pseudomedizinischen Laienberufen und das pausenlose Dauerärztebashing. Ist Ihnen eigentlich klar, dass Sie als Logopäde natürlich nur solche Leute zugewiesen bekommen die tatsächlich ein ernstes Problem haben? Daher haben die meisten Ihrer Patienten eine ähnliche Symptombeschreibung zu bieten. Doch daraus zu schließen, dass alle Leute mit ähnlichen Symptomen ein organisches Problem haben ist sowas von naiv! Bevor Sie über einen Beruf urteilen, von dessen Materie Sie weniger als 1% jemals zu sehen bekommen, möchte ich Sie mal in einer Krankenhausambulanz sehen, wie Sie zuverlässig alle wirklich Kranken aus der Masse an Pseudokranken herausfiltern. Haben Sie eine Vorstellung davon, wie viele Leute einem jeden Tag von Kribbelbeschwerden, Taubheit und allen möglichen anderen obskuren Beschwerden erzählen??? Bei der ganz überwiegenden Mehrheit entsteht das Problem wirklich im Kopf, und zwar nicht organisch. DAS ist die Realität. Aber ich bin mir sicher, dass Sie mit Ihrem unfehlbaren Bauchgefühl zuverlässig alle Leute erkennen, die wirklich ein Problem haben. Die Welt wäre eine Bessere, wenn zukünftig Logopäden die Notfallversorgung im Krankenhaus machen. Ist mir sowieso lieber, dann habe ich nachts und am Wochenende frei...
Wissen Sie was, da haben Sie vermutlich sogar recht. Arrogante Mediziner haben wir genug.
5. Danke Herr Logopäde
pesche75 22.09.2012
Besten Dank für Ihren Post, damit wird mir alles klar. Jetzt leben wir mal in Ihrer Welt: Ich muss dann bei jedem Patient mit diesen unspezifischen Symptomen eine Gefäss-Dissektion ausschliessen. Das wäre gemäss meinem Arbeitsumfeld ca 30 Patienten pro Tag, nach Auffahrunfall, Sturz, Kopfanprall, bei Rückenschmerzen mit Ausstrahlung, Bagatellverletzungen usw. Ihnen ist schon klar, dass diese Patienten eine strahlenreiche Computer-Tomographie mit nierenschädlichem Kontrastmittel bedürfen?! Ob Säugling oder Rentner, alle wollen Sie massiv bestrahlen und die Niere schädigen?! Kommt vielleicht auch mal einer der Ärztehasser hier auf die Idee, dass man vielleicht auch mal zu Wohle des Patienten eine Untersuchung nicht macht oder aufschiebt? Dass ich mich, wenn ich bei einem 3-Jährigen eine potentiell schädliche Untersuchung nicht durchführe, dass ich das juristisch auf meine Verantwortung nehme und hafte. Warum eigentlich?! Wenn ich allerdings bei jedem ein CT mache, dann heisst es wieder man will Geld verdienen, macht unnötige und schädliche Untersuchungen. Ich komme mir langsam echt verarscht vor und habe auf Notdienste keine Lust mehr! Macht euern Scheixx allein! Ich arbeite 80 Std pro Woche tag und Nacht in 12Std-Schichten FÜR meine Patienten und habe von diesen infarmen Unterstellungen langsam genug! Ich bin nicht mehr bereit mich derart beleidigen zu lassen! Herr Logopäde, übernehmen Sie! Dank Ihres Sachverstandes und meiner kriminellen Ignoranz wird die Welt gesünder! Ich hab keine Lust mehr!
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Zur Autorin
  • Jeannette Corbeau
    Irene Berres, studierte Wissenschaftsjournalistin, hat sich auf Themen rund um den Körper spezialisiert. Sie ist Redakteurin im Ressort Gesundheit bei SPIEGEL ONLINE.