Ein rätselhafter Patient Gefährlicher Glaube

Seit ihrer Jugend erlebt eine Frau immer wieder Phasen tiefer Spiritualität. Mit 48 Jahren verletzt sie sich selbst, weil sie ein religiöses Opfer bringen will. Was ist passiert?

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Die 48-Jährige hat sich mehrmals in die Brust gestochen. Bis zu sieben Zentimeter tief klaffen die Wunden, mit denen sie die Notaufnahme der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie im schweizerischen Bern aufsucht. Sie erzählt den Ärzten, dass sie himmlische Stimmen hört und sich die Verletzungen als religiöses Opfer zugefügt habe.

Die Ärzte stellen schnell fest: Die Frau hat eine Psychose mit starken Wahnvorstellungen. Gleichzeitig empfindet sie eine tiefe Glückseligkeit. Ihre Bewegungen und Gedankengänge sind verlangsamt.

Die Frau berichtet, dass zwei verschiedene, angenehme Stimmen oft stundenlang zu oder mit ihr über Religion sprechen.

Ein- und Austritte bei den Zeugen Jehovas

Sie erzählt auch, dass sie seit ihrer Jugend immer wieder Phasen tiefer Religiosität erlebt hat. Das erste Mal passiert dies mit 13 Jahren, dann wieder mit 23, 32 und 41. In diesen Phasen schloss sie sich den Zeugen Jehovas an. Dort blieb sie etwa ein bis zwei Jahre und trat dann immer wieder aus, weil ihre Religiosität wieder abebbte, heißt es im Fallbericht im Fachblatt "Frontiers in Psychiatry".

Die Ärzte führen als Routine-Diagnostik eine Magnetresonanztomografie (MRT) des Gehirns durch. Dort entdecken sie eine Läsion - eine Gewebeschädigung -, die vom sogenannten Putamen im Großhirn über die Capsula interna bis zum Thalamus im Zwischenhirn reicht.

Nach Einschätzung des Ärzteteams um Sebastian Walther handelt es sich bei der Läsion um einen gutartigen Hirntumor, und zwar einen sogenannte dysembryoplastischen neuroektodermalen Tumor. Diese Gebilde sind zwar gutartig, aber nicht unbedingt harmlos - sie können zum Beispiel auch epileptische Anfälle auslösen.

Sie vermuten, dass der langsam wachsende Tumor nicht nur die Wahnvorstellungen verursacht, sondern auch die wiederkehrenden Phasen tiefer Religiosität ausgelöst hat. Diese setzten ihrer Annahme zufolge immer dann ein, wenn der Tumor wuchs. Die Mediziner verweisen auf frühere Fallberichte, denen zufolge Läsionen in den bei der Patientin betroffenen Hirnregionen spirituelle Gefühle und transzendente Erfahrungen auslösen können.

Allerdings können die Mediziner nicht ausschließen, dass die Psychose der Patientin unabhängig vom Tumor entstanden ist.

Schwindende Religiosität

Um die Wahnvorstellungen zu bekämpfen, erhält die Frau Medikamente, darunter den Wirkstoff Haloperidol. Sie hört die Stimmen nun seltener, auch ihre Religiosität nimmt deutlich ab. Weil die 48-Jährige durch das Mittel sehr schläfrig wird, wechseln die Ärzte auf einen anderen Wirkstoff, Paliperidon. In den kommenden vier bis sechs Wochen hört sie die Stimmen nicht mehr so oft wie früher, doch ganz verschwinden sie nicht.

Weil weitere körperliche und neurologische Test nur unauffällige Ergebnisse liefern und der Tumor nicht zu wachsen scheint, wird die Frau nicht operiert oder einer Bestrahlung unterzogen. Nach drei Monaten bestätigt ein MRT, dass der Tumor sich aktuell nicht vergrößert.

Nach dem Senken der Paliperidon-Dosis beschreibt die Frau, dass sie eine erneute tiefe Bindung zu Gott verspürt und sich gleichzeitig Gedanken darüber macht, wie die Medikation ihre religiöse Einstellung beeinflusst.

Die Mediziner können sich vorstellen, dass ihre Beobachtung zu neurobiologischen Studien führt, die genauer klären, wie die betroffenen Hirnregionen und religiöse Empfindungen zusammenhängen.

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insgesamt 44 Beiträge
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MtSchiara 17.06.2018
1. das menschliche Gehirn ist eine Schnittstelle in die Quantenwelt
Das menschliche Gehirn ist eine Schnittstelle in die Quantenwelt und ein Verstärker der Freiheitsgrade der Quantenwelt in die Makrowelt. Es ist interessant, zu beobachten, wie Veränderungen des Gehirns die Art beeinflussen, wie Menschen diese Welt deuten und aus welcher Perspektive sie sie betrachten. Alledings erlaubt dies nicht automatisch eine Aussage über den Wahrheitsgehalt dieser Deutungen. Dazu wäre es nötig, einen Abgleich mit der Realität vorzunehmen.
Sibylle1969 17.06.2018
2.
Eine Studie zu dem Thema wäre in der Tat interessant. Sie könnte starke Hinweise dafür liefern, dass Religion letztendlich auf „Einbildung“ beruht, dh. unser Gehirn spielt uns bei spirituellen Erlebnisse schlicht und ergreifend einen Streich. Ich bin Agnostikerin und habe in meinem Leben noch nie Spiritualität erlebt. Wahrscheinlich bin ich dazu zu rational veranlagt.
geo_48 17.06.2018
3. Quatenquatsch
Bei den Temperturen und Dichte im Gehirn wird’s keine makroskopischen Quanteneffekte geben.
berndpaulwilli 17.06.2018
4. Unsinn
@ MtSchiara Wer sich wirklich ernsthaft mit der Quantentheorie beschäftigt, wird diese niemals mit der von Ihnen postulierten Esoterik in Verbindung bringen.
kpkuenkele 18.06.2018
5. Fall mit großer Brisanz
Bisher hielt ich Esoterik und tiefe Religiosität eher für ein Resultat verminderter Intelligenz. Dass pathologische Prozesse in besonders ausgeprägten Fällen nun möglicherweise die Ursache sind, ist neu und spannend. Man darf gespannt sein, was die Hirnforschung uns hier noch eröffnet. Im Gegensatz zu geringer Intelligenz lassen sich manche der pathologischen Befunde ja vielleicht heilen.
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