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Früherkennung: Forscher erkennen diabetischen Fuß am Auge

Von Katrin Neubauer

Hornhaut im Auge: Gewebe mit dem dichtesten Nervengeflecht im Körper Zur Großansicht
AFP

Hornhaut im Auge: Gewebe mit dem dichtesten Nervengeflecht im Körper

Der diabetische Fuß führt zu rund 40.000 Amputationen im Jahr. Mit einer neuen Methode können Augenärzte den Nervenschwund schon im Frühstadium erkennen. Jetzt hoffen Forscher auf einen Durchbruch mit neuen Medikamenten.

Taubheit, Kribbeln, Schmerzen, Berührungsempfindlichkeit - die Symptome eines schleichenden Nervenabbaus, der Neuropathie, sind vielfältig. Sie beginnen in der Regel in den Zehen und setzen sich über die Unterschenkel fort nach oben. Rund 1,5 der sechs Millionen Diabetiker in Deutschland sind von dem Nervenschwund in den Beinen betroffen. Jeder 20. entwickelt ein Ulcus, eine nässende, schlecht heilende Wunde.

Umkehrbar sind die Schäden der sogenannten peripheren diabetischen Neuropathie nicht. Früh genug erkannt, kann ihr Fortschreiten aber durch eine bessere Blutzuckereinstellung gebremst werden. Die Augenheilkunde verspricht jetzt eine neue Methode der Früherkennung. Das Auge spiegelt Nervenschädigungen am gesamten Körper wider. An seiner Hornhaut (Cornea) können Forscher demnach feststellen, ob der schleichende Nervenabbau bereits eingesetzt hat.

"Die Hornhaut hat das dichteste Nervengeflecht des Körpers. Studien in Deutschland zeigten, dass bei Diabetikern im Anfangsstadium und ohne äußere Anzeichen einer Neuropathie die Nervenfaserdichte der Hornhaut bereits ausgedünnt ist", sagt Rudolf Guthoff, Direktor der Universitätsaugenklinik Rostock im Vorfeld der Jahrestagung der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft (DOG) vom 19. bis 22. September in Berlin.

Der Augenarzt und ein Team aus Wissenschaftlern entwickelten in den vergangenen zehn Jahren ein mikroskopisches Verfahren, das die Hornhaut um das 800fache vergrößert. Die Nerven und Veränderungen daran werden so frühzeitig sichtbar. Die Untersuchung sei im Vergleich zu bisherigen Diagnostikmethoden unaufwendig und für die Patienten schmerzfrei, sagt Guthoff. Diese bekämen lediglich Augentropfen, bevor das Mikroskop kurz auf die Oberfläche des Auges aufgesetzt wird, um das Nervenfasergeflecht der Hornhaut zu vermessen. Sind Fasern abgestorben, deutet das auf eine beginnende Neuropathie hin, fanden die Wissenschaftler heraus.

Wo beginnt die Nervenschädigung?

Dass sich die Hornhautdiagnostik zur Früherkennung eines diabetischen Fußes eignet, bestätigen auch Diabetologen. "In einer noch unveröffentlichten Studie konnten wir einen frühzeitigen Nervenuntergang in der Hornhaut von Diabetikern nachweisen", sagt Dan Ziegler, stellvertretender Direktor des Instituts für klinische Diabetologie am Deutschen Diabetes-Zentrum in Düsseldorf.

An der Studie nahmen 86 überwiegend Typ-II-Diabetiker mit einem Durchschnittsalter von 57 Jahren teil. Die Krankheit war bei ihnen zwei Jahre zuvor erkannt worden. Nur acht Prozent der Probanden hatten bereits Anzeichen von Nervenschädigungen. "Obwohl die Patienten mit einem Blutzucker-Langzeitwert von 6,8 Millimol je Liter gut eingestellt waren, fanden wir einen Faseruntergang von 20 Prozent", sagt Ziegler, "und zwar auch bei einigen, die bisher keinerlei Symptome zeigten."

Allerdings lieferte die Studie keinen eindeutigen Beweis dafür, dass die Neuropathie zwangsläufig im Auge ihren Anfang nimmt. "Bei 17 Prozent stellten wir Nervenschäden an der Hornhaut fest und bei 18 Prozent an den Unterschenkeln", erläutert der Neurodiabetologe. Aber das waren nicht die gleichen Patienten. Ziegler zufolge kann die Neuropathie der kleinen Fasern an unterschiedlichen Stellen beginnen. "Bei einigen Probanden der Studie fing sie am Auge an, bei anderen am Bein und nur bei einer Minderheit an beiden Stellen gleichzeitig", fasst er das Ergebnis zusammen - und stellt damit den Nutzen der Hornhautmethode für alle Diabetes-Patienten in Frage.

Gegenüber anderen nicht-operativen Verfahren sei der Vorteil der frühen Erkennung allerdings unbestritten, so Ziegler. Herkömmliche Untersuchungen des Schmerz-, Berührungs-, Temperatur- und Vibrationsempfindens an den Beinen deuten erst auf Nervenschädigungen hin, wenn bereits deutliche Symptome da sind, also die Krankheit bereits fortgeschritten ist. Eine Diagnose im Frühstadium erlaubten nur schmerzhafte und aufwendige Gewebeentnahmen oder eine Messung der Nervenleitgeschwindigkeit. Diese zeige aber nur große Faserschädigungen an, erklärt der Neurodiabetologe.

Bleibt die Frage, was Patienten von der Früherkennung haben? Noch bieten in Deutschland das Verfahren nur wenige spezialisierte Universitätsaugenkliniken zu Forschungszwecken an, zum Beispiel in Düsseldorf, München und Homburg (Saarland). Die beginnenden Nervenschäden können eine Warnung für den Patienten bedeuten. Außerdem eröffnet die Hornhautuntersuchung die Möglichkeit, Neuropathie-Medikamente auf ihre Wirksamkeit hin zu überprüfen.

"Ein Präparat, das eine Neuropathie heilen könnte, wäre ein echter Durchbruch", so Ziegler. Nach seiner Einschätzung ist es jedoch noch ein "weiter Weg", bis mit Hilfe der neuen Diagnostik eine Regenerierung der Nerven nachgewiesen werden kann.

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insgesamt 15 Beiträge
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1. Hornhaut = Netzhaut
gandalf_69 13.09.2013
Netzhaut ist das gleiche wie Hornhaut. warum kann ich dann mit meinen Füßen nicht sehen ?
2. Nichts neues.....
k-lab 13.09.2013
...die ayurvedische Medizin beschreibt diese diagnosemoglichkeit seit Jahrtausenden!
3. Oh werch ein Iltum!
rot 13.09.2013
"Netzhaut ist das gleiche wie Hornhaut. warum kann ich dann mit meinen Füßen nicht sehen ?" Das trift wohl nur bei "Fach"-Journalisten zu! Die hören auch im Winter das Gras wachsen!
4. Mikrocephalie
cassandros 13.09.2013
Zitat von k-lab...die ayurvedische Medizin beschreibt diese diagnosemoglichkeit seit Jahrtausenden!
Echt? Die haben wirklich _seit Jahrtausenden_ *Mikroskope*?? Die betreiben seit Jahrtausenden histologische Begutachtungen? Haben Sie einmal eine Quelle für diese Aussage?
5. HFCS--moderne Diaet und Todesfolgen
dergulag 13.09.2013
Speziell in Amerika wird alle Nahrung, jeder Teig und jedes Gebaeck, jedes Getraenk, jede Salatsauce, mit diesem aus GMO Mais extrahiertem Giftzucker "High Fructose Syrup" versetzt. Sogar der Schinken wird mit Zucker eingespritzt? Ueber 70 Millionen Amerikaner leiden daher unter Syndrom X eine pre-metablolische Krankeit. Unser moderne industrielle Nahrung macht uns total kaputt. Sie zerstoert unsere Darmbiota und fuettert nur Krebserreger. Schon Kinder werden verfettet damit, die Hormone im Keller und Diabates bereits am Anruecken. Industrielle Nahrung fuer die Ahnungslosen Wahnsinnigen. Die Masse der Sozialklassen und Herdentiere werden vermehrt mit der schlimmsten Fuetterung versorgt, eine totale Masseerkrankungs-Zeitbombe.
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Zur Autorin
  • Katrin Neubauer
    Katrin Neubauer hat in Deutschland und den USA Lateinamerikanistik und Journalismus studiert. Sie arbeitet als freie Redakteurin in Berlin.

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