Klinik-Atlas für extrem Frühgeborene Wohin mit den Kleinsten?

Jedes Jahr werden in Deutschland 9000 Kinder mit einem Gewicht von weniger als 1500 Gramm geboren. Erstmals können Eltern nun online prüfen, welche Kliniken extrem frühgeborene Babys gut versorgen.

Frühchen im Inkubator: Mit der Versorgung eines extrem leichten Frühgeborenen verdient eine Klinik mehr als 100.000 Euro
Corbis

Frühchen im Inkubator: Mit der Versorgung eines extrem leichten Frühgeborenen verdient eine Klinik mehr als 100.000 Euro


Hamburg - Sie finden in einer Handfläche Platz, einige wiegen nicht mal so viel wie ein Päckchen Mehl. Die Versorgung von besonders früh geborenen Kindern braucht deshalb viel Erfahrung.

Umso skandalöser erscheint die Ausgangslage: Ab 50 künstlichen Kniegelenken pro Jahr gilt ein Krankenhaus als spezialisiert auf diesem Gebiet. Dagegen reicht unter anderem eine jährliche Fallzahl von 14 Kindern mit einem Geburtsgewicht bis 1250 Gramm für die Bezeichnung "Level-1 Perinatalzentrum".

Bislang konnten Eltern deshalb kaum überblicken, welche Einrichtung tatsächlich routiniert in der Behandlung von sehr leichten Babys ist. Das soll sich nun ändern.

Am Freitag ist die Website perinatalzentren.org online gegangen. Ein Deutschland-Atlas von bislang 93 Kliniken, die freiwillig offenlegen, wie viele Kinder sie im Jahr behandeln, deren Geburtsgewicht weniger als 1500 Gramm beträgt.

Eltern können dort in einer Suchmaske die Postleitzahl ihres Wohnortes eingeben und auswählen, in welchem Umkreis sie ein Perinatalzentrum suchen. Die Kliniken lassen sich nach Kriterien wie Fallzahl, Behandlungsroutine und Überlebensraten vergleichen.

"Die Website soll eine verlässliche Entscheidungshilfe bieten", sagt Joachim Szecsenyi, Geschäftsführer des AQUA-Instituts, welches die Klinikangaben verifiziert und das Projekt im Auftrag des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) realisiert hat.

Eine extreme Frühgeburt kann durchaus ein vorhersehbares Ereignis sein. Ursächlich können zum Beispiel Fehlbildungen des Kindes sein, Störungen der Plazenta und der Gebärmutter, aber auch eine schädliche Lebensweise der Mutter wie Alkohol- und Nikotinkonsum.

Nur die Hälfte aller Kliniken legt ihre Daten offen

Nach Auskunft des AQUA-Instituts hat etwa die Hälfte aller Kliniken ihre Daten offengelegt, die andere hat nicht reagiert.

Szecsenyi: "Indem Krankenhäuser ihre Daten freiwillig im Internet veröffentlichen, zeigen sie ein hohes Maß an Transparenz und dass sie gewillt sind, fortlaufend ihre Behandlungsqualität zu optimieren."

Das Bundessozialgericht hatte im Dezember 2012 eine G-BA-Regelung kassiert, nach der nur noch große Spezialkliniken Frühchen mit einem Geburtsgewicht von bis zu 1250 Gramm behandeln dürfen. Der Ausschuss hatte die Mindestgrenze von 14 auf 30 Frühchen-Behandlungen pro Jahr erhöhen wollen. Das Gericht begründete die Entscheidung damit, es gebe keinen wissenschaftlichen Nachweis, dass die Sterblichkeit frühgeborener Kinder linear mit steigender Fallzahl sinke.

Mit der Versorgung eines extrem leichten Frühgeborenen erlöst eine Klinik rund 100.000 Euro.



insgesamt 14 Beiträge
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spon-4bk-a5qi 28.02.2014
1. Umsatz-Verdienst
Der Unterschied zwischen Umsatz und Verdienst ist anscheinend nicht nur in der Gastronomie unbekannt (und führt dort regelmäßig zur Pleite) sondern auch bei Spiegel-Redakteuren. Zur Erläuterung: Die Klinik nimmt vielleicht 100.000€ für die Versorgung ein, gerechterweise müssen aber die Ausgaben für die bis zu 1 Jahr dauernde Behandlung, 24 Stunden am Tag abgezogen werden bevor man von Verdienst sprechen kann. Oder soll der Falschgebrauch des Wortes Verdienst eine Tendenz ausdrücken ?
at@at 28.02.2014
2.
Also die PLZ-Suche funktioniert schon mal nicht...
p.o.t. 28.02.2014
3.
Zitat von spon-4bk-a5qiDer Unterschied zwischen Umsatz und Verdienst ist anscheinend nicht nur in der Gastronomie unbekannt (und führt dort regelmäßig zur Pleite) sondern auch bei Spiegel-Redakteuren. Zur Erläuterung: Die Klinik nimmt vielleicht 100.000€ für die Versorgung ein, gerechterweise müssen aber die Ausgaben für die bis zu 1 Jahr dauernde Behandlung, 24 Stunden am Tag abgezogen werden bevor man von Verdienst sprechen kann. Oder soll der Falschgebrauch des Wortes Verdienst eine Tendenz ausdrücken ?
Ja, schon auffallend, wenn es um den Bereich Medizin geht, werden in der Presse gerne, und bei SPON ganz bersonders, Umsatz und Verdienst gleichgesetzt...
hinzkunz@gmx-topmail.de 28.02.2014
4. Oh je...
Extreme Frühchen und deren Eltern machen derart viel durch. Ich halte es für keine sehr gute Idee, dieses Thema zur Diskussion zu stellen - vor allem nicht mit solch reißerischem Hintergrund wie Geld verdienen etc. Man kann darauf warten, dass sich hier Leute melden werden, die von Tuten und Blasen keinerlei Ahnung haben, aber genug verletzende Kommentare von sich geben. Schade!
dolledern 28.02.2014
5. ich wohne in uelzen
dort in der klinik wurde das ganze in wochen ausgedrückt....wäre hier auch mal ganz nett, zum gewicht eine etwaige woche mit anzugeben. hier wird kein kind unter der 32 woche aufgenommen. schwangere unter der 32ten woche werden gleich nach celle oder lüneburg verwiesen. in extrem fällen sogar hamburg oder hannover, bei bedarf sogar mit dem helikopter. ich finde das sehr vernünftig. und gott sei dank nicht betroffen
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