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G-BA-Beschluss: Nutzen von etablierten Medikamenten wird neu geprüft

Tabletten: Fünf Wirkstoffgruppen kommen neu auf den Prüfstand Zur Großansicht
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Tabletten: Fünf Wirkstoffgruppen kommen neu auf den Prüfstand

Seltene Krebsarten, Herzrhythmusstörungen, Vergrößerungen der Prostata: Das oberste Gesundheitsgremium hat beschlossen, den Nutzen mehrerer Medikamente neu zu prüfen. Dabei haben Union und SPD schon andere Pläne im Visier: Sie wollen die Bewertungen eindämmen.

Berlin - Es ist eine umstrittene Resolution, so kurz vor dem Ende von Schwarz-Gelb: Am Donnerstag hat der Gemeinsame Bundesausschuss von Krankenkassen, Ärzten und Kliniken (G-BA) in Berlin beschlossen, mehrere Medikamente gegen schwere Krankheiten neu auf den offiziellen Prüfstand zu nehmen. Bewertet werden soll der tatsächliche Nutzen von fünf Wirkstoffgruppen gegen schwere Krankheiten - seltene Krebsarten, bestimmte Herzrhythmusstörungen (Vorhofflimmern) und gutartige Prostata-Vergrößerungen.

Doch wegen der bisherigen Absprachen von Union und SPD anlässlich der Koalitionsgespräche gilt es als unwahrscheinlich, dass die Bewertung der Medikamente überhaupt abgeschlossen werden kann.

Es handelt sich dabei um Mittel des sogenannten Bestandsmarkts, die also schon lange auf dem Markt sind, aber noch unter Patentschutz stehen. Die Nutzenbewertung solcher Mittel soll Basis für Einsparungen sein: Nur was wirklich besser ist als frühere Mittel, soll auch teurer sein (siehe Grafik). Union und SPD wollen diese Bewertungen aber in einer großen Koalition stark eindämmen. Betroffen wären davon auch die nun neu startenden Überprüfungen.

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G-BA-Chef Josef Hecken sagte dazu: "Wenn der Gesetzgeber Klarheit schafft, dann werden die Verfahren eingestellt." Der Vorsitzende des einflussreichen Gremiums selbst hatte nach eigenen Angaben dafür geworben, von den Überprüfungen breit etablierter Mittel wieder Abstand zu nehmen. Sie waren ein Kernstück der schwarz-gelben Pharmareform Amnog. Doch gebe es praktische Probleme, sagte Hecken. Zudem hieß es in G-BA-Kreisen, dass massive Klagen der Pharmakonzerne drohten.

"Während der künftige Gesetzgeber - die Verhandlungsgruppen der Großen Koalition - erklärt, den Bestandsmarktaufruf abschaffen zu wollen, schafft die Selbstverwaltung Fakten", sagte Birgit Fischer, Vorsitzende des Verbands der forschenden Arzneimittelhersteller (vfa), in einer Mitteilung zum G-BA-Beschluss. "Die Industrie sitzt hier zwischen Baum und Borke: Sie hört die Worte des künftigen Gesetzgebers und sieht gleichzeitig das Verhalten der Selbstverwaltung. Wem darf man glauben, wer schafft die Fakten?"

Patientenvertreter fürchten um Sicherheit

Was Ärzte an gängigen Mitteln unter Patentschutz verschreiben, so Hecken, sei aber nicht alles gut. Deshalb sollten Nutzenprüfungen auf andere Art weitergehen, forderte Antje Haas, Arzneiexpertin des Verbands der gesetzlichen Krankenkassen. Auch die Patientenvertreterin Ines Verspohl sprach sich für eine Fortführung der Medikamentenbewertungen aus. Ihr gehe es dabei weniger um die Arzneikosten als um Patientensicherheit. Risiken und Nebenwirkungen, so warnen Patientenvertreter immer wieder, könnten andernfalls unentdeckt bleiben.

Angesichts steigender Kosten setzen Union und SPD auf direkte gesetzliche Preisdämpfer, statt die gängigen Mittel zu überprüfen. Sie wollen die Weiterführung eines Preismoratoriums sowie einen zunächst dauerhaften Sieben-Prozent-Rabatt, den die Hersteller den Kassen gewähren müssen. Das will die Pharmaindustrie aber noch verhindern, wie vfa-Chefin Birgit Fischer ankündigte. "Es ist ein massiver Grundrechtseingriff", sagte sie. Klagen seitens der Industrie schloss sie nicht aus. Denn die Pläne bedeuteten, dass künftig für Kostensteigerungen etwa bei Ärzten oder Kliniken die Pharmabranche einseitig in Haft genommen würden.

cib/dpa

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insgesamt 8 Beiträge
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1. Mitleid
Rickie 14.11.2013
"Denn die Pläne bedeuteten, dass künftig für Kostensteigerungen etwa bei Ärzten oder Kliniken die Pharmabranche einseitig in Haft genommen würden." Ja. Genau. Denn es ist dringend an der Zeit, dass das geschieht.
2. Gemeinsamer Bundesausschuss entdeckt Patientennutzen neu
gesundheitsethiker 14.11.2013
Fast hätte man angesichts der jüngsten wenig patientenfreundlichen Äußerungen seines Vorsitzenden Josef Hecken den Glauben an den Gemeinsamen Bundesausschuss und seinen Nutzen verlieren müssen. Nun zeigt sich jedoch, dass die Bänke im G-BA mehr Einfluss haben und mehr den Patientennutzen betonen wollen, als den Politikern und dem Ex-Politiker Hecken lieb sein kann. Nur wirklich nützen wird es wenig, wenn die Koalition bei ihrer Entscheidung bleibt, die Nutzenbewertung für den Bestandsmarkt abzuschaffen. Dazu besteht nämlich kein Grund, denn der Nutzen der am Markt befindlichen Medikamente ist keineswegs gesichert. Patienten haben ein Recht, die jeweils beste Medizin zu bekommen. Eine bessere Qualitätssicherung als die Nutzenbewertung gibt es für Medikamente nicht. Herrn hecken sei ins Stammbuch geschrieben, dass rechtliche Probleme mit der Nutzenbewertung kein Grund sind, diese abzuschaffen. Dass die Nutzenbewertung besser werden muss, ist kein Geheimnis. Aber dazu haben wir schließlich das lernende System, das nicht nur pekuniär auf Geld ausgerichtet sein darf.
3.
thelma&louise 14.11.2013
Ist leider vor ein paar Jahren der auslaufenden Zulassung zum Opfer gefallen. Es kommt nur noch in Kombinationspräparaten vor. Man konnte damit die in den Wechseljahren häufig auftretenden extrem starken Blutungen binnen eines Tages stillen. Leider war es so billig, das kein Mensch eine teure Neuzulassung beantragen wollte, weil die Kosten sich durch den Verkauf nicht amortisieren. Nun verschreiben wir schlechter wirkende Mittel, öfter als früher müssen kleine Operationen vorgenommen werden, um Blutungen zu stillen. In jedem Fall ist die Behandlung teurer als früher. Wann können wir endlich diese unsäglichen Neuzulassungsverfahren bei patentfreien bewährten Mitteln wieder abschaffen?
4. ....hier zeigt sich mal...
tennislehrer 15.11.2013
...wieder mehr als deutlich, wie sehr doch unsere Politiker in der Regierung von Lobbyisten unterwandert sind. Ich kann da nur noch den Kopf schütteln.
5. Eigenverantwortung
bützow 15.11.2013
Das Problem der Arzneikosten im Gesundheitswesen könnte zu einem wesentlichen Anteil gelöst werden,wenn die extreme Übergewichtigkeit von Kindern und Erwachsenen für die Betrofenen Folgen hätte. Wer über 100 Kilo wiegt, wovon die wenigsten daran nicht Schukd sind, muß sich an den Kosten beteiligen. Bluthochdruck,Diabetis,Hyperlipidämie sind die natürlichen Reaktionen auf ein ungebremstes, falsches Essverhalten. An diesen Medikamenten verdient die Pharmaindustrie Milliarden. Alleine durch Abnehmen und körperliche Bewegung reguliert sich z.B. der
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