Ärzte ohne Grenzen zu G20-Gipfel "Sind wir wirklich so abgebrüht?"

Erstmals steht bei einem G20-Gipfel die globale Gesundheit auf dem Themenplan. Marco Alves von Ärzte ohne Grenzen wirft den Teilnehmern vor, sich nur für ihre eigenen Probleme zu interessieren.

Tuberkulose-Klinik in Ethiopien
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Tuberkulose-Klinik in Ethiopien

Ein Interview von


Zur Person
  • Barbara Sigge
    Marco Alves koordiniert in Berlin die Medikamentenkampagne von Ärzte ohne Grenzen.

SPIEGEL ONLINE: Herr Alves, beim G20-Gipfel in Hamburg geht es auch um globale Gesundheit - zum ersten Mal. Ist das für Ärzte ohne Grenzen Grund zum Jubeln?

Alves: Erst einmal ist es der deutschen Regierung hoch anzurechnen, dass globale Gesundheit endlich auf der Tagesordnung steht. Leider zeigt sich in den Details: Die Motivation dafür ist die eigene Betroffenheit.

SPIEGEL ONLINE: Woran machen Sie das fest?

Alves: Zum Beispiel geht es um die Reaktionsfähigkeit auf Epidemien. Beim Ebola-Ausbruch 2014/15 in Westafrika stand die Welt mit leeren Händen da. Bis heute ist kein fertiger Impfstoff auf dem Markt. Das ist auch für die reichen G20-Länder ein Bedrohungsszenario, deshalb sprechen sie jetzt darüber.

SPIEGEL ONLINE: Aber wenn es dadurch auf die Tagesordnung kommt, haben doch alle gewonnen.

Alves: So werden aber nicht die globalen Probleme angegangen, sondern nur jene, die von den reichen Staaten als für sie gefährlich eingestuft werden. Es gibt diverse Krankheiten, die im Gegensatz zu Ebola nicht das Schreckensszenario eines weltweiten Ausbruchs bedienen, aber in armen Ländern schreckliches Leid verursachen. Ich frage mich: Sind wir wirklich so abgebrüht, dass wir nicht über die Bedürfnisse von Menschen weltweit reden können, sondern nur über das, was uns selbst betrifft?

SPIEGEL ONLINE: Es wird auch um antimikrobielle Resistenzen gehen. Das ist doch ein echtes globales Problem.

Alves: Ja, aber mit unterschiedlichem Fokus. In reichen Staaten fürchten Ärzte, dass auch kleine Operationen wieder zu einem großen Risiko werden, wenn Infektionen nicht mehr zuverlässig mit Antibiotika bekämpft werden können. Schon jetzt stehen etwa in Deutschland im Krankenhaus erworbene Infektionen im Vordergrund. In vielen anderen Ländern dagegen muss man in Sachen Antibiotikaresistenz vor allem über Tuberkulose sprechen. Was zum Glück bei G20 auch der Fall ist.

SPIEGEL ONLINE: Warum ist Ihnen Tuberkulose so wichtig?

Alves: Schätzungsweise sterben jährlich 700.000 Menschen, die sich mit Erregern angesteckt haben, gegen die herkömmliche Medikamente nicht helfen. Mehr als ein Drittel davon, 250.000, sind Tuberkulose-Opfer.

Eine Gegenfrage: Wissen Sie, warum wir in Swasiland seit einer Weile Kurse in Gebärdensprache für Familien anbieten?

SPIEGEL ONLINE: Nein, warum?

Alves: Weil viele Menschen, die an Tuberkulose erkrankt sind, als Nebenwirkung der Behandlung ihr Gehör verlieren. Und zwar dauerhaft.

SPIEGEL ONLINE: Gehörverlust als Nebenwirkung - was bitte sind das für Medikamente?

Alves: Es sind veraltete und schlechte. In den vergangenen Jahrzehnten sind nur zwei neue Antibiotika gegen Tuberkulose auf den Markt gekommen. Tuberkulose wird von Bakterien verursacht, grundsätzlich können Antibiotika helfen. Aber die Erreger werden schnell gegen die Mittel resistent. Erkrankte müssen deshalb oft mindestens vier verschiedene Antibiotika parallel nehmen, und zwar meist zwischen neun und 24 Monate lang.

SPIEGEL ONLINE: Sie müssen also jahrelang Tabletten schlucken?

Alves: Nicht nur. Zum Teil benötigen Patienten mindestens acht Monate lang täglich eine Antibiotika-Spritze, die in den Muskel gesetzt wird. Das ist nicht nur extrem schmerzhaft, sondern die Menschen erbrechen sich. Jeden Tag. Unser medizinischer Leiter der Projekte in Zentralasien hat es mal so beschrieben: "Stellen Sie sich vor, sie müssten jeden Tag verdorbenen Fisch essen." Einige Patienten erblinden oder ihre Beine werden taub. Die Medikamente, die wir derzeit haben, sind ein Desaster. Bei einer resistenten Tuberkulose haben Patienten eine Heilungschance von rund 52 Prozent, bei der sogenannten extrem resistenten können nur 28 Prozent geheilt werden.

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Tuberkulose in Georgien: 20 Tabletten am Tag

SPIEGEL ONLINE: Wie kann die G20-Konferenz das richten?

Alves: Im Vorfeld der Konferenz haben die Gesundheitsminister der G20 eine Erklärung abgegeben; neben dem Krisenmanagement bei Epidemien werden dort auch Antibiotikaresistenzen und Tuberkulose explizit erwähnt. Wir hoffen, dass dies auch in der Abschlusserklärung erhalten bleibt. Denn es muss dringend in die Forschung investiert werden.

SPIEGEL ONLINE: Warum passiert bisher so wenig?

Alves: Pharmaunternehmen investieren in die Krankheiten, die am meisten Profit abwerfen. Neue Mittel gegen Tuberkulose gehören nicht dazu. Die Krankheit betrifft eben vor allem arme Menschen. Insgesamt ist die Investition in neue Antibiotika aus Sicht der Konzerne leider unattraktiv: Um neuen Resistenzen vorzubeugen, will man die Mittel möglichst selten und immer so kurz es nur geht einsetzen - das verspricht wenig Umsatz. Doch es gibt einen großen Bedarf. Deshalb muss die öffentliche Hand hier regulierend eingreifen. Und dafür sorgen, dass neue Medikamente auch für Menschen in armen Ländern verfügbar und bezahlbar sind.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie optimistisch, dass der G20-Gipfel etwas verändern wird?

Alves: Man muss optimistisch sein, finde ich - alles andere führt ja zu nichts. Ich hoffe sehr, dass Tuberkulose auch in der finalen Erklärung des Gipfels erwähnt wird. Das wäre ein wichtiges Zeichen. Wir werden so oder so anschließend an Regierungen herantreten und fragen, wie die konkreten Pläne sind, entsprechende Punkte in die Praxis umzusetzen.



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