Gesundheitsversorgung in Gaza Die Isolierstation

Das Gesundheitssystem in Gaza steht vor dem Kollaps. Obwohl es an Geräten und Therapien mangelt, dürfen immer weniger Patienten den Küstenstreifen verlassen. Für manche endet das Warten tödlich.

Thore Schröder

Aus Gaza berichtet Thore Schröder


"Abgewiesen" steht auf dem Display von Faida Abeeds Samsung-Handy. Nur ein Wort. Keine Erklärung für die Absage an die Patientin, die nun auf den Polstern ihres dunklen Wohnzimmers in Dair al-Balah im Gazastreifen sitzt und nicht mehr weiter weiß.

Faida Abeed war an Brustkrebs erkrankt. Vergangenes Jahr überstand sie eine schwere Operation, bei der ihr auch die Lymphknoten auf einer Seite entfernt wurden. Danach acht Runden Chemotherapie. "Aber ob ich wirklich geheilt bin, weiß ich erst, wenn sie den Scan machen können", sagt die Mutter von sieben Kindern. In Gaza ist das unmöglich.

Mangel überall

Die Grenzen des Gebiets sind seit der Machtübernahme der Hamas vor elf Jahren von Israel und Ägypten abgeriegelt. Wegen der Blockade müssen alle Güter vor dem Import gründlich gescannt werden. Für vieles fehlt wegen der lang andauernden Wirtschaftskrise das Geld. In keinem der Krankenhäuser und in keiner Arztpraxis in Gaza gibt es ein Kernspin-Gerät oder auch nur Röntgengeräte. Wer eine solche Untersuchung benötigt, etwa zur Krebsnachsorge, muss den Küstenstreifen verlassen. Faida Abeed wollte sich in einer palästinensischen Klinik in Ost-Jerusalem untersuchen lassen.

Der Antragsprozess ist kompliziert, am Ende entscheiden die Israelis. Das Urteil kommt per SMS, kurzfristig in der Nacht vor dem verabredeten Termin. Auch das ist eine Sicherheitsmaßnahme.

Der Mangel in Gaza beschränkt sich nicht auf radiologische Geräte, alle Bereiche des Gesundheitssystems sind betroffen. "Durch die Blockade haben wir seit Jahren eine Knappheit an Medikamenten und Zubehör", sagt Mahmud Daher, Leiter des Gaza-Büros der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Im vergangenen Jahr fehlten 45 Prozent der wichtigsten Arzneien, 20 Prozent des Zubehörs wie Verbandsmaterial, Kanülen oder Katheter.

Viele Kinder, wenig Arbeit

"Auch die schlechte soziale Lage beeinflusst den Krankenstand", erklärt Daher. Damit meint er die steigende Arbeitslosigkeit, die mittlerweile bei 50 Prozent liegt, außerdem Faktoren wie Armut, Stress, Frustration. Ein großes Problem ist zudem die hohe Geburtenrate in Gaza, seit Beginn der Blockade ist die Bevölkerung um 500.000 Menschen auf mittlerweile rund zwei Millionen gewachsen.

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Gefangen in Gaza: Warum Therapien nah und doch unerreichbar sind

"Was uns jetzt endgültig an den Rand des Zusammenbruchs führt, sind die vielen Verletzten bei den Protesten", sagt Daher. Beim sogenannten Marsch der Rückkehr am Grenzzaun zu Israel wurden bis zum Beginn dieser Woche nach Angaben des Gesundheitsministeriums in Gaza 9545 Menschen verletzt. Das Ministerium hat alle Routineoperationen bis auf Weiteres abgesagt, damit die Notfälle versorgt werden können.

Weil die Palästinenser in Gaza auch nach der gewaltsamen Machtübernahme der Hamas vor elf Jahren weiter über die Palästinensische Autonomiebehörde versichert sind, werden ihre Untersuchungen und Behandlungen prinzipiell weiter von dort gezahlt. Wird ein medizinischer Termin außerhalb von Gaza notwendig, können die Menschen einen Antrag stellen, den die palästinensischen Behörden in über 90 Prozent der Fälle bewilligen.

Danach wird der Arztbesuch vereinbart, etwa im Westjordanland, in Ost-Jerusalem oder auch in Israel, falls es die notwendige Behandlung nur dort gibt. Wenn alles organisiert ist, müssen die Betroffenen einen Antrag stellen bei Cogat: Das steht für Coordinator of Government Activities in the Territories und ist Israels militärische Verwaltung für die besetzten - oder im Fall von Gaza mit Blockade belegten - Gebiete. "Von 2006 bis 2012 war die Zustimmungsrate von 60 auf 92 Prozent gestiegen", sagt Dahers WHO-Kollege Mohamed Lafi. Doch in den vergangenen Jahren hat sich der Trend umgekehrt. 2017 waren es nur noch 54 Prozent.

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Kinderarzt: "Wir können ihm hier nicht helfen"

Mitunter leiden unter dieser restriktiven Praxis auch Kinder. Eines von ihnen ist der sechsjährige Mohammed Abu-Khater, der im Rantisi-Kinderkrankenhaus von Gaza-Stadt behandelt wird. Er leidet unter der sogenannten Hämangiomatose. Bei der seltenen Erkrankung verteilen sich zahlreiche Blutschwämmchen in seinen Organen und verursachen innere Blutungen.

Mohammed ist dadurch ständig müde und geschwächt, oft treten spontan Schwellungen an seinem Körper auf. Zur Schule gehen kann er nicht. Das Rantisi-Krankenhaus ist schon die dritte Klinik, in der seine Eltern ihn vorgestellt haben. Doch für eine effektive Behandlung fehlen überall in Gaza die Mittel.

Mohammeds Eltern haben deshalb schon drei Mal einen Antrag auf Behandlung in Nablus im Westjordanland gestellt. Vergeblich. Derzeit laufe die Überprüfung, ob sie als Begleiterin infrage komme, sagt Mutter Shifa, die Gesichtsverschleierung trägt. Ihr Mann sei als Jugendlicher wegen Steinewerfens verhaftet worden, das Betreten Israels für ihn lebenslänglich verboten. Shifa Abu-Khaters Vater ist fast blind, die anderen Großeltern von Mohammed sind tot. Es bleiben keine andere Begleitpersonen als seine Eltern. Mahmud Schabair, Mohammeds behandelnder Arzt, sagt: "Wir können ihm hier Transfusionen geben, seinen Zustand stabil halten, aber richtig helfen können wir ihm nicht."

Geht es um Sicherheit oder um eine "kollektive Bestrafung"?

Eine Untersuchung außerhalb Gazas ist für ihn daher unausweichlich. Das gilt auch für Faida Abeed. "Ich brauche diese Untersuchung doch", klagt sie, denn der Check entscheidet darüber, ob sie die Therapie fortsetzen muss oder nicht. Ihr Ehemann Shaif beteuert: "Keiner von uns ist Mitglied bei der Hamas oder bei einer anderen politischen Partei." Familie Abeed überlegt nun, ob die Mutter über Rafah nach Ägypten ausreisen kann. Doch der Grenzübergang ist nur selten und unregelmäßig geöffnet. Niemand kann garantieren, ob und wann Faida Abeed wieder nach Gaza hineinkommt.

54 Palästinenser sind 2017 gestorben, weil ihr Antrag abgelehnt oder die Antwort verschleppt wurde, berichtet die WHO. 46 von ihnen waren krebskrank. Palästinensische Patienten haben im vergangenen Jahr mindestens 11.000 Termine verpasst. Auf welcher Grundlage entscheiden die Israelis? Wie verlaufen die Sicherheitschecks? Warum bekommen prozentual immer weniger Patienten eine Erlaubnis? Soll sich das ändern? Auf diese und weitere Fragen wünschen sich die Menschen Antworten.

Die Cogat-Erklärung dazu bleibt unkonkret: Die Kooperation des Staates Israel sei "nicht selbstverständlich", neben der Bearbeitung der Behandlungsanträge gehöre dazu auch die Bereitstellung von Notarztwagen. Hamas "versucht jeden Tag, die zivilen Maßnahmen Israels auszunutzen". Im April des vergangenen Jahres etwa wurde bei einer krebskranken Frau beim Sicherheitscheck im Grenzübergang Erez Sprengstoff gefunden.

Helfer bedauern diese Geschichte, stellen aber gleichzeitig klar, dass es ein Einzelfall war, der nicht die Grundlage für die immer restriktivere Linie der israelischen Behörde sein kann. Für die Vereinten Nationen, das Rote Kreuz und viele andere Hilfsorganisationen ist die Erklärung eine andere: Das sei Teil einer "kollektiven Bestrafung".

Anmerkung der Redaktion: Die Zahl der beim Marsch der Rückkehr verletzten Menschen wurde aktualisiert.

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