Eklat bei Mandela-Trauerfeier Kunst der lautlosen Sprache

Die sinnlosen Gesten des Gehörlosen-Dolmetschers bei der Mandela-Trauerfeier machen weltweit Schlagzeilen. Verbände sprechen von "Zirkus". Tatsächlich ist Gebärdensprache eine extrem anspruchsvolle Disziplin.


Auf der Trauerfeier Nelson Mandelas übersetzte Gebärdensprachdolmetscher Thamsanqa Jantjie die Ansprachen der geladenen Politiker. Was als nützliche Übersetzungshilfe gedacht war, entpuppte sich jedoch als Farce: Gehörlose und Gehörlosenverbände kritisierten, dass die Gebärden des 34-Jährigen "ein absoluter Zirkus" gewesen seien und dieser nur "wild herumgestikuliert" habe.

Zwei Tage nach dem verunglückten Auftritt meldete sich Jantjie selbst zu Wort und begründete seinen verunglückten Auftritt mit einer Schizophrenie-Erkrankung. Er habe während seines Auftritts Visionen von Engeln gehabt, die ins Stadion kamen, in dem die Feier stattfand. Dadurch habe er den Reden nicht mehr folgen können einfach versucht, sich nichts anmerken zu lassen.

Tatsächlich ist Gebärdensprache äußerst komplex und von Region zu Region verschieden. Antworten auf die wichtigsten Fragen zum Thema.

Wie funktioniert Gebärdensprache?

"Gebärdensprache funktioniert im Prinzip wie alle anderen gesprochenen Lautsprachen", sagt Renate Fischer vom Institut für Deutsche Gebärdensprache und Kommunikation Gehörloser der Universität Hamburg. Beide verwenden dieselben grammatikalischen Strukturen. Unterschiede ergeben sich vor allem aus den verschiedenen Ausdrucksform (Modalitäten) und Wahrnehmungsarten.

Während Gebärdensprache mit Händen, Gesicht, Kopf- und Körperhaltung produziert und visuell wahrgenommen wird, kombiniert das gesprochene Wort Laute mit begleitender Gestik. Gebärdensprachler setzen den Körper sichtbarer ein, die Sprache oder eine einzelne Äußerung wirkt dadurch lebhafter: "Diese Lebhaftigkeit wird häufig fälschlicherweise als ein direkter Ausdruck von Emotionen verstanden", so Fischer.

Die Orientierung von Gesicht, Oberkörper und Händen im Raum hat jedoch vor allem eine grammatikalische Funktion. Teile einer Äußerung können zum Beispiel gleichzeitig über die Hände und das Gesicht produziert werden.

Gibt es nur eine internationale Gebärdensprache?

Nein. Neben den verschiedenen Lautsprachen haben sich auch verschiedene nationale Gebärdensprachen entwickelt. Innerhalb einer Gebärdensprache kann es zudem verschiedene Dialekte geben, die eine enorme Rolle hinsichtlich der Verständigung spielen.

Das treffe auch auf Südafrika zu, sagt Fischer. So wie dort außer Englisch auch Afrikaans oder Sesotho gesprochen wird, existieren in dem Land unterschiedliche gebärdensprachliche Dialekte. "Mitunter gibt es in der Mimik und räumlichen Grammatik Ähnlichkeiten", erzählt Fischer weiter. Der "Wortschatz" ist im Allgemeinen jedoch sehr unterschiedlich. "Gebärdende Südafrikaner können sich deshalb unter Umständen nicht ohne weiteres untereinander verständigen."

Auch in der deutschen Gebärdensprache gibt es regionale Unterschiede: Beschreibt zum Beispiel ein Süddeutscher den Sonntag, legt er in der Regel seine Hände vor der Brust zusammen und symbolisiert den Kirchgang. In Norddeutschland nutzen Gehörlose eine komplett andere Geste und streichen ihren feinen Sonntagsanzug über Brust und Bauch glatt.

Kann man Gebärdensprache intuitiv verstehen?

Nein. "Gebärdensprachliche Äußerungen sind komplexe Konstruktionen aus mimischen, körperlichen und händisch-manuellen Anteilen, die sehr nuanciert sind", sagt Fischer. Intuitiv verstehe man die Sprache nicht, dafür seien die Ausdrucksmöglichkeiten zu vielseitig. "Gebärdensprachen bilden nicht einfach pantomimisch Vorgänge ab", erklärt Fischer. Schon kleine Unterschiede in der Ausdrucksform können die Strukturen der Sprachen verändern.

Wie wird man Gebärdensprachdolmetscher?

Die Gebärdensprache wurde in Deutschland jahrelang unterdrückt, Gehörlose wurden stattdessen in Lippenlesen und Sprechen unterrichtet. Erst vor etwas mehr als zehn Jahren - im Jahr 2002 - wurde die Gebärdensprache vom Bund auch rechtlich anerkannt und im Sozialgesetz und im Gleichstellungsgesetz verankert.

"Beim Erlernen der Gebärdensprache müssen die Schüler zunächst ein Bewusstsein für ihre Körpersprache entwickeln und Lockerheit üben, wie man mit dem Körper kommunizieren kann und alles über die Augen wahrnimmt", sagt Fischer. Das sei für Hörende häufig sehr schwer. In einem zweiten Schritt werden dann erste Vokabeln erworben. Abgesehen davon besitzt die Gebärdensprache eine räumliche Grammatik, die sich Lernende möglichst früh aneignen sollten.

Da die Berufsbezeichnung in Deutschland nicht geschützt ist, kann sich hierzulande theoretisch jeder als Gebärdensprachdolmetscher bezeichnen. Seit Anfang der neunziger Jahre existieren jedoch verschiedene fundierte Aus- und Weiterbildungsangebote. Auch wer keine Vorkenntnisse hat, kann sich zum Beispiel in einem siebensemestrigen Bachelor-Studiengang an der Universität Hamburg zum Gebärdensprachdolmetscher ausbilden lassen.

maj

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cassandros 12.12.2013
1. Satiregipfel
Zitat von sysopAPDie sinnlosen Gesten des Gehörlosen-Dolmetschers auf der Mandela-Trauerfeier machen weltweit Schlagzeilen. Verbände sprechen von "Zirkus". Tatsächlich ist Gebärdensprache eine extrem anspruchsvolle Disziplin. http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/gebaerdensprache-so-funktioniert-dolmetschen-fuer-gehoerlose-a-938521.html
Klasse! Die tollsten Satiren finden sich im wirklichen Leben. Das Beste: Keiner der Taubstummen konnte beim Sender anrufen und sich beschweren!
eizboks 12.12.2013
2. Vermutlich ein Verwandter....
....irgendeines ANC-Funktionärs. Das hier ist kein Einzelfall. Schlüsselpositionen in der SA-Regierung werden mit Vorliebe an nahe Angehörige und Freunde vergeben, deren Qualifikation eine eher nachgeordnete Rolle spielt. Blöd nur, dass es nun vor den Augen der Öffentlichkeit geschah.
derandersdenkende, 12.12.2013
3. Das sieht uns ähnlich
Zitat von sysopAPDie sinnlosen Gesten des Gehörlosen-Dolmetschers auf der Mandela-Trauerfeier machen weltweit Schlagzeilen. Verbände sprechen von "Zirkus". Tatsächlich ist Gebärdensprache eine extrem anspruchsvolle Disziplin. http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/gebaerdensprache-so-funktioniert-dolmetschen-fuer-gehoerlose-a-938521.html
Nebenkriegsschauplätze aufmachen! Der eigentliche Skandal war, daß die Freunde der Apartheid Mandelas Beisetzung zu ihrer Bühne machen konnten.
widower+2 12.12.2013
4. Schutz von Berufsbezeichnungen
Nicht nur die Berufsbezeichnung "Gebärdendolmetscher" ist in Deutschland nicht geschützt. Das gilt auch für die Berufsbezeichnungen "Dolmetscher" und "Übersetzer". Jede Hausfrau mit oder ohne Volkshochschulkurs in zum Beispiel Englisch oder Spanisch darf sich "Übersetzerin" nennen, obwohl es universitäre Studiengänge für diese Berufe gibt. Wenn ich leidlich mit Holz basteln kann, darf ich mich in Deutschland doch auch nicht "Zimmermann" oder "Tischler" nennen. Eigentlich ist das ein Skandal.
el-gato-lopez 12.12.2013
5. Fragwürdige Show
Zitat von sysopAPDie sinnlosen Gesten des Gehörlosen-Dolmetschers auf der Mandela-Trauerfeier machen weltweit Schlagzeilen. Verbände sprechen von "Zirkus". Tatsächlich ist Gebärdensprache eine extrem anspruchsvolle Disziplin. http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/gebaerdensprache-so-funktioniert-dolmetschen-fuer-gehoerlose-a-938521.html
Herr Jantjie scheint schlicht und einfach einer der zahllosen Günstlinge der ANC-Funktionärsmaschinerie zu sein. Er trat ja schon bei früheren ANC-Veranstaltungen auf und die dort jeweils geäusserte Kritik an ihm wurde einfach "weggewischt". Es ist schon peinlich wie gerade deutsche Medien sich verbiegen und mit "Erklärerritis" abmühen, nur um diese für das Gedenken an Nelson Mandela höchst peinliche Farce schön zu reden. Man scheint von riesiger Panik getrieben zu sein, allzu kritische Äusserungen könnten als "pööse weisse Besserwisserei" ausgelegt werden...
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