Mythos oder Medizin Schadet es, mit den Fingern zu knacken?

Die einen entspannt das Fingerknacken, die anderen zucken allein beim Geräusch zusammen und warnen: Das kann nicht gesund sein! Aber was genau bringt die Gelenke überhaupt zum Knacken? Fragen die SPON-Leser Max Kaiser und Marina Rieder.

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Arthritis in den Fingern (eingefärbtes Röntgenbild): Viele denken, dass Knacken die Gelenke verschleißt
Corbis

Arthritis in den Fingern (eingefärbtes Röntgenbild): Viele denken, dass Knacken die Gelenke verschleißt


Erst kam die Mutter, dann kamen die Tanten, und dann setzte auch noch die Schwiegermutter mit ein: "Knack bloß nicht mit den Gelenken", mahnten sie Donald Unger im Chor. "Sonst bekommst du Arthritis." Doch Unger, ein Pionier der Knackstudien, erwies sich als resistent. Auch wenn die Damen "renommierte Autoritäten" waren, wie er in einem Brief an die Fachzeitschrift "Arthritis & Rheumatism" schreibt - so recht glauben wollte er ihnen nicht.

Und so startete er einen Selbstversuch, der an Geduld kaum zu überbieten ist: 50 Jahre lang knackte Unger jeden Tag mindestens zweimal mit seiner linken Hand. Seine rechte Hand ließ er ruhen, von einigen, im Gedanken versunkenen Ausrutschern abgesehen.

Die Knacker summierten sich von Tag zu Tag, von Jahr zu Jahr, bis das halbe Jahrhundert vergangen war. Zusammengerechnet überdehnte Unger, der selbst Allergologe ist, mindestens 18.520-mal die Knöchel seiner linken Hand - doch es tat sich nichts. Auch nach der langen Zeit des Knackens blieb seine linke Hand gesund, genauso wie die rechte. Kein außergewöhnlicher Verschleiß (Arthrose), keine Entzündung (Arthritis).

Fingerknacker trinken häufiger Alkohol

"Diese Ergebnisse stellen doch stark in Frage, ob nicht auch andere elterliche Ratschläge, zum Beispiel zum Spinatessen, falsch sind", schreibt Unger 1998 mit einem Augenzwinkern. Seine Hartnäckigkeit brachte ihm nicht nur gute Argumente für Familienstreitigkeiten, sondern im Jahr 2009 auch den Ig-Nobelpreis, die höchste Auszeichnung für abwegige Forschungsarbeiten. Neben seiner Selbststudie wurde unter anderem ein BH gewürdigt, der sich im Notfall fix in zwei Atemschutzmasken umbauen lässt und Leben retten kann.

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Mittlerweile bestätigt auch eine Reihe weiterer Untersuchungen Ungers Beobachtungen. In einer Studie mit 300 Teilnehmern zum Beispiel kamen Forscher zu dem Ergebnis, dass Händeknacker lediglich häufiger geschwollene Hände haben als Nichtknacker und ihr Griff nicht so stark ist. Bei der Entwicklung von Arthrose fanden sie jedoch keine Unterschiede, ein solcher Zusammenhang sei ein Ammenmärchen, schreiben die Wissenschaftler. Sonst merken sie nur an, dass Knacker häufiger körperlich arbeiten, an ihren Nägeln kauen, rauchen und Alkohol trinken. Wie das zu interpretieren ist, bleibt bisher ein Rätsel.

Fingerknacken: Die Gelenkflächen entfernen sich voneinander , die Gelenkhöhle vergrößert sich und es entsteht ein Unterdruck
SPIEGEL ONLINE

Fingerknacken: Die Gelenkflächen entfernen sich voneinander, die Gelenkhöhle vergrößert sich und es entsteht ein Unterdruck

"In der Regel dürfte das Knacken keine negativen Folgen haben", sagt auch Fritz Uwe Niethard, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Orthopädische Chirurgie (DGOOC). Selbst wenn es ganz ohne Ziehen und Drücken knacke, müsse man sich keine Gedanken machen. "Bei manchen Menschen sind die Gelenke genetisch bedingt lockerer als bei anderen", sagt Niethard. "Dann knacken sie auch einfacher." Je nach untersuchter Gruppe gehören zwischen 25 und 54 Prozent der Menschen zu den Fingerknackern aus Gewohnheit.

Knacken entspannt

Was genau beim Knacken vor sich geht, ist noch immer umstritten. Klar ist, dass sich vor jedem Knack - egal ob im Knie, im Rücken oder im Finger - die beiden Gelenkflächen voneinander lösen. Dabei kann sich der flüssigkeitsgefüllte Spalt zwischen den Gelenkflächen um das bis zu Dreifache vergrößern, und es entsteht ein Unterdruck. Doch was passiert dann? Eine Theorie, die Niethard befürwortet, geht davon aus, dass durch den Druck die Kapsel um das Gelenk einschnappt und knackt. "Das ist mittlerweile gut belegt", sagt der Spezialist.

Daneben existiert ein weiteres, viel zitiertes Erklärmodell aus den siebziger Jahren: Demnach saugt der Unterdruck Kohlendioxid und Sauerstoff aus der Membran um die Gelenkhöhle in die Flüssigkeit des Hohlraums. Diese Gase vereinen sich dort zu großen Blasen, die zu kleineren zerplatzen. Niethard bezweifelt allerdings, dass dabei ein so lautes Geräusch entstehen kann.

Nur wer beim Knacken Schmerzen spürt, sollte die Körpergeräusche von einem Arzt abklären lassen. Dann kann es zum Beispiel sein, dass die Muskulatur nicht ausreichend stabilisiert ist. Der Rest kann das Knacken wohldosiert weiterhin genießen. "Das Überdehnen des Gelenks kann dafür sorgen, dass die umliegende Muskulatur vorübergehend entspannt", sagt Niethard. Wer seinem Gelenk darüber hinaus Gutes tun möchte, sollte regelmäßig Sport treiben. "Gelenke sind für Bewegung gedacht", so der Orthopäde. "Dann gilt der alte Leitsatz: Gebrauch erhält, Anstrengung fördert, Überanstrengung schadet."

Fazit: Die Wissenschaft unterstützt, was viele Fingerknacker ihren Müttern seit Jahrzehnten versichern: Das Fingerknacken entspannt die Muskulatur, ganz ohne dass die Finger verschleißen. Nur was genau passiert, ist bis heute nicht bis ins letzte Detail geklärt.

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insgesamt 47 Beiträge
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Seite 1
blitzunddonner 27.01.2014
1. doch, es schadet.
doch, es schadet. und zwar den nerven der mitmenschen und somit der sozialfähigkeit des beknackten.
benutzer8472 27.01.2014
2.
---Zitat--- Sonst merken sie nur an, dass Knacker häufiger körperlich arbeiten, an ihren Nägeln kauen, rauchen und Alkohol trinken. Wie das zu interpretieren ist, bleibt bisher ein Rätsel. ---Zitatende--- Also ich mache alle drei der genannten Dinge und bei mir erklaere ich es einfach mit Nervositaet/Stress/Anspannung. Es braucht irgendein Ventil, eine Beschaeftigung. Also Naegelkauen, Fingerknacken, an den Haaren rumspielen, rauchen. Ob der Alkoholkonsum am Besorgtsein liegt? Vielleicht..
testthewest 27.01.2014
3.
Zitat von blitzunddonnerdoch, es schadet. und zwar den nerven der mitmenschen und somit der sozialfähigkeit des beknackten.
Ich frag mich echt wo genau das Problem sein soll. So laut ist der Knack nicht und wenn also zwischen 1/4 bis 1/2 aller Personen das tun, sollten sie sich mal fragen ob sie nicht etwas überempfindlich sind. Prinzessin auf der Erbse-Syndrom?
divStar 27.01.2014
4. @blitzunddonner
wenn die Mitmenschen um mich herum so egoistisch sind mich in ihre Normen zwingen zu wollen (ergo, dass ich einen muskelentspannenden Prozess nicht nutzen kann - vor allem, da ich täglich meine Finger für die Arbeit nutze), gilt der Satz auch umgekehrt. Und ob ich mich mit den Menschen sozialisieren will, die sich selbst ausschließlich in den Vordergrund stellen, ist dabei auch noch eine zu klärende Frage. Es heißt außerdem nicht "beknackten", sondern - wenn überhaupt - Knackenden.
benmartin70 27.01.2014
5.
Zitat von blitzunddonnerdoch, es schadet. und zwar den nerven der mitmenschen und somit der sozialfähigkeit des beknackten.
Da gibt es sicherlich so einiges andere was nervt...... Das bischen knacken sollte jeder aushalten können.
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