Unheilbare Krankheit Forscher schleusen Genschere in Patienten ein

Brian Madeux ist der erste Mensch, dem kleine Genscheren in den Körper injiziert wurden, um einen Defekt in seinem Erbgut zu beheben. Ob der Versuch glückt, wird sich erst in mehreren Monaten zeigen.

Brian Madeux im UCSF Benioff Childrens Hospital in Oakland
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Brian Madeux im UCSF Benioff Childrens Hospital in Oakland


US-Forscher testen weltweit erstmals eine Gentherapie, bei der winzige Genscheren direkt im Körper des Patienten zum Einsatz kommen sollen. Ziel sei, ein Gen an genau die passende Stelle im Genom eines an Morbus Hunter erkrankten Mannes zu setzen, berichtete das UCSF Benioff Children's Hospital in Oakland.

Von einem "fantastischen Therapieversuch" spricht Toni Cathomen, Direktor des Instituts für Transfusionsmedizin und Gentherapie an der Uniklinik Freiburg. Er kennt die Vorarbeiten der US-Forscher, an der Studie selbst ist er nicht beteiligt.

Der 44-jährige Patient in den USA, Brian Madeux, leidet an der seltenen Stoffwechselerkrankung Morbus Hunter. Ein Gendefekt führt bei ihm dazu, dass ein Enzym zum Verarbeiten bestimmter Kohlenhydrate nicht hergestellt wird. Diese sammeln sich deshalb in den Zellen an und verursachen vielfache Schäden.

Inaktive Viren transportieren neues Gen in die Leber

Am Montag erhielt der schwerkranke Patient im Rahmen einer Studie als erster die Infusion, durch die die Krankheit geheilt werden soll. Darin befinden sich unschädlich gemachte Viren, die die Bauanleitungen für die Genschere und eine intakte Version des Gens in die Leber transportieren. Die dortigen Zellen sollen die Anleitungen umsetzen. Läuft alles nach Plan, wird das intakte Gen dann von den Scheren in das Erbgut eingebaut und das bislang fehlende Enzym gebildet.

Eine der Besonderheiten des Verfahrens liege darin, dass das Gen ganz gezielt in die Leberzellen gebracht werde, erläuterte Cathomen. "Die eingesetzten Virusvektoren sind so konstruiert, dass sie mit hoher Wahrscheinlichkeit in der Leber landen." Die Genscheren wiederum bauten das Gen neben einem Gen ein, das fast ausschließlich in der Leber abgelesen wird.

Auf diese Weise soll verhindert werden, dass das Korrektur-Gen an irgendeiner Stelle des Erbguts eingebaut wird. Dadurch könnten Regulationsprozesse in der Zelle gestört werden, Krebserkrankungen könnten die Folge sein.

Bislang haben Forscher Gentherapien vor allem genutzt, in dem sie Zellen außerhalb des Körpers verändert und sie dann wieder zurückgegeben haben. Große Hoffnung machen sich Forscher in diesem Zusammenhang mit der Genschere CRISPR/Cas9. Im aktuellen Fall nutzen sie allerdings sogenannte Zinkfingernukleasen. Diese bestehen ähnlich wie das CRISPR/Cas9-System aus einem Teil, der einen vergebenen DNA-Abschnitt erkennt und einem, der das Erbgut schneidet.

Gewissheit gibt es erst in drei Monaten

Das größte Risiko besteht laut Cathomen darin, dass die Virus-Vektoren - und damit die Genscheren - bei der getesteten Anwendung für längere Zeit in den Zellen bleiben. Dies berge die Gefahr, dass sie das Erbgut irgendwann doch an einer ungünstigen Stelle schneiden. Das Problem sei künftig jedoch vermutlich in den Griff zu bekommen.

"Derzeit arbeiten Forscher an der nächsten Generation von Genfähren, die so gebaut sind, dass die Genscheren schnell aus den Zellen verschwinden, nachdem sie ihre Arbeit getan haben", sagt Cathomen. Hat die Therapie Erfolg, würde es der Weiterentwicklung von Gentherapien zu neuem Aufschwung verhelfen. Klar sein muss aber auch, dass die Form der Therapie - falls sie sich bewährt - nur für wenige Patienten überhaupt in Frage kommt.

Patient Madeux ist hoffnungsvoll: "Ich habe jede Sekunde des Tages Schmerzen. Ich dachte, ich würde nicht länger als bis Anfang 20 leben." Die Behandlung wird Schäden, die bereits in seinem Körper entstanden sind, nicht beheben können. Sie kann aber verhindern, dass weitere hinzukommen. Etwa nach drei Monaten werden Tests zeigen, ob die Therapie angeschlagen hat.

jme/dpa/AP



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