Gentherapie Todkranker Junge erhält neue Haut

Ein Siebenjähriger leidet unter einer schweren Erbkrankheit, bei der sich die Haut ablöst. Die letzte Rettung ist eine experimentelle Gentherapie. Inzwischen spielt der Junge wieder Fußball.

Heute kann Hassan wieder Fußball spielen
DPA/ Ruhr-Universität Bochum

Heute kann Hassan wieder Fußball spielen


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Es war seine letzte Rettung: Als der damals siebenjährige Hassan 2015 ins Brandverletztenzentrum der Bochumer Kinderklinik kam, waren bereits 60 Prozent seiner Hautoberfläche zerstört. Der Junge litt unter einer lebensbedrohenden erblichen Krankheit, bei der sich die Haut ablöst.

Durch die schweren chronischen Wunden und die Infektionen war er völlig ausgezehrt. Die üblichen Behandlungen schlugen nicht an, so dass nur noch eine palliativmedizinische Behandlung infrage kam. Die Mediziner entschieden sich auf Wunsch der Eltern für eine experimentelle Gentherapie, die unter der Leitung von Bochumer Wissenschaftlern erfolgte, wie diese im Fachblatt "Nature" berichten.

Der Junge litt an einer Form der Erbkrankheit Epidermolysis bullosa, die Betroffenen werden auch Schmetterlingskinder genannt, weil ihre Haut so empfindlich ist wie die Flügel von Schmetterlingen. Die obere Hautschicht, die sogenannte Epidermis, ist nur unzureichend in der darunterliegenden Hautschicht, der Dermis, verankert. Schon kleinste mechanische Belastungen führen zu Blasenbildung und zur Ablösung der Haut. Massive chronische Wunden sind die Folge. Das schränkt nicht nur die Lebensqualität enorm ein, es führt auch häufig zu Hautkrebs und verkürzt oft auch das Leben der Betroffenen.

Heilung bisher nicht möglich

Für die Verankerung ist maßgeblich ein Protein namens Laminin-332 verantwortlich. Sind bestimmte Gene fehlerhaft, die für die Bildung dieses Proteins zuständig sind, tritt die Erkrankung in unterschiedlichen Varianten und Schweregraden auf. Eine Heilung ist bisher nicht möglich.

Bei dem Jungen war die Krankheit zunächst gut unter Kontrolle, nach einer Infektion verschlechterte sich sein Zustand allerdings dramatisch. Auf Wunsch der Eltern suchten die Ärzte nach experimentellen Therapiemöglichkeiten und stießen auf Arbeiten von Michele De Luca, der am Center for Regenerative Medicine der Universität Modena (Italien) eine Gentherapie für diese Erkrankung an zwei Patienten getestet hatte, allerdings nur an kleineren Hautbereichen.

Nach Klärung der rechtlichen und organisatorischen Fragen, die zur Durchführung einer Gentherapie nötig sind, schickten die deutschen Ärzte einige Hautzellen des Jungen an die italienischen Experten. Diese isolierten daraus epidermale Stammzellen. Dann schleusten sie ein gesundes Gen mit Hilfe von sogenannten retroviralen Vektoren ein. Dabei handelt es sich um gezielt für den Gentransport veränderte Viruspartikel.

Virus schleust gesundes Gen ein

Die genmodifizierten Stammzellen wurden anschließend in einem Reinraumlabor gezüchtet und dann zu Hauttransplantaten verarbeitet. In Deutschland transplantierten die Wissenschaftler dann das nachgezüchtete Gewebe in zunächst drei Operationen. Insgesamt ersetzten sie 80 Prozent seiner Haut.

Nachgezüchtete Haut
DPA/ CMR Unimore

Nachgezüchtete Haut

"Zu Beginn der Behandlung lag der Junge wie eine Mumie in seinem Bett, er war von Kopf bis Fuß in Verbände gewickelt", erzählt Tobias Rothoeft von der Kinderklinik in Bochum, der Hassan während seines etwa achtmonatigen Klinikaufenthaltes mitbetreut hat.

"Nach der zweiten Operation besserte sich sein Zustand enorm. Heute ist seine Haut stabil, er geht zur Schule, spielt Fußball und kann ein weitgehend normales Leben führen." Verletzungen an der neuen Haut heilten bei ihm wie bei jedem anderen Kind. Die Forscher zeigten, dass die neue Haut etwa so viel Anker-Protein Laminin-322 enthielt wie gesunde Haut.

Risiko bei Gentherapien

"Es ist der erste Mensch, der so behandelt wurde. Wir müssen abwarten, ob auch weiterhin alles so gut verläuft. Das wird die Zeit zeigen", sagt Tobias Hirsch vom Berufsgenossenschaftlichen Universitätsklinikum Bergmannsheil, der den Jungen operiert hat. Für ihn als plastischen Chirurgen sei es "ein Wunder und ein Segen", dass es dem Jungen so gut gehe.

Die Forscher sehen ihren Erfolg als Beweis, dass eine solche Gentherapie grundsätzlich möglich ist. Sie hoffen, dass das Verfahren künftig auch zur Behandlung anderer Patienten eingesetzt werden kann. Derzeit gebe es aber zumindest in Bochum keine Pläne dafür. Nach Angaben von Hirsch sind in Europa etwa 35.000 Kinder von der Schmetterlingskrankheit betroffen. Die Schwere der Erkrankung sei sehr unterschiedlich, eine die Ursache angehende Therapie werde dringend benötigt.

Grundsätzlich besteht bei Gentherapien wie der vorgestellten das Risiko, dass sich das neue Gen an einer ungünstigen Stelle im Erbgut integriert. Dadurch können Regulationsprozesse in der Zelle gestört werden, Krebserkrankungen können die Folge sein.

"Wesentliche Fortschritte in der Grundlagenforschung"

Untersuchungen des Erbguts der neuen Haut zeigten, dass sich das Gen in den meisten Zellen offenbar in DNA-Bereiche integrierte, die nicht für die Bildung von Proteinen zuständig sind oder in solche Gene, die nicht mit einer Krebsentstehung in Verbindung stehen.

Bisher fanden die Forscher bei dem Jungen auch keinen Tumor oder andere schädliche Entwicklungen. Auch bei den zwei Patienten, die vor mittlerweile zwölf Jahren an kleineren Hautregionen behandelt worden waren, gebe es keine derartigen Probleme, schreiben die Forscher in ihrem Fachartikel.

Vorbereitung der Transplantation
DPA/ Ruhr-Universität Bochum

Vorbereitung der Transplantation

Die Freiburger Dermatologin Leena Bruckner-Tuderman, die nicht an der Studie beteiligt war, spricht von einer sehr guten Arbeit. Es sei nicht nur ein schwer kranker Junge erfolgreich behandelt worden, auch seien wesentliche Fortschritte in der stammzellbiologischen Grundlagenforschung erzielt worden. Die Medizinerin erwartet bei weiteren Verbesserungen der Methodik Hilfe auch für weitere Betroffene mit anderen Varianten der Erkrankung. "Aber das ist Zukunftsmusik, so weit sind wir noch nicht", sagt die Ärztliche Direktorin der Hautklinik am Uniklinikum Freiburg.

Bisher können die Patienten mit Epidermolysis bullosa nur symptomatisch behandelt werden. Unter anderem werden ihre Wunden versorgt und die Haut mit Cremes und Medikamenten zur Förderung der Wundheilung gepflegt. Um sich vor Verletzungen oder offenen Wunden zu schützen, tragen die Betroffenen an vielen Körperstellen Verbände. "Die Lebensqualität der Patienten ist auch in weniger schweren Fällen stark eingeschränkt", sagt Bruckner-Tuderman.

"Das in der Studie angewandte Konzept behebt den eigentlichen Defekt - also die Ursache der Erkrankung; zumindest geht man bisher davon aus, dass dieser Gendefekt die alleinige Ursache ist", sagt Heike Walles, die an der Uniklinik Würzburg den Lehrstuhl für Regenerative Medizin leitet. "Die Langzeitdaten des in der Arbeit beschriebenen Patienten werden sehr interessant sein."


Zusammengefasst: Der siebenjährige Hassan leidet unter einer erblichen Krankheit, bei der sich die Haut ablöst. Mediziner entnahmen dem todkranken Jungen für die Therapie einige Hautzellen, schleusten im Labor eine gesunde Variante des bei ihm fehlerhaften Gens hinein und vermehrten die Zellen dann. Schließlich transplantierten sie die nachgezüchtete gesunde Haut auf fast die gesamte Körperfläche des Jungen. Er ist heute, knapp zwei Jahre nach dem Eingriff, weitgehend frei von Beschwerden.

brt/dpa

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