Stigmatisierung Germanwings-Absturz verstärkt Vorurteile gegen Depressive

Unberechenbar, unzuverlässig, gar gefährlich: Negative Eigenschaften werden psychisch Kranken nun häufiger zugeschrieben, haben zwei neue Studien ergeben. Der Grund dafür ist die Germanwings-Katastrophe.


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"Gefahr für die Mitmenschen?", "Der Verrückte im Cockpit", "Pilot Andreas Lubitz - Krankheit und Massenmord": Der Absturz des Germanwings-Flugzeuges in den französischen Alpen dominierte im März für Wochen die Schlagzeilen. 150 Menschen starben. Der Fokus lag schnell auf der psychischen Erkrankung des Co-Piloten, der die Maschine absichtlich abstürzen ließ. Er litt an einer schweren Depression. Dennoch ist seine Tat ein seltener Einzelfall. Aber manche Schlagzeilen und Berichte ließen den Eindruck entstehen, eine Depression führe generell zu gewalttätigen Handlungen dieser Art.

Fach- und Betroffenenverbände, Experten und einige Journalisten warnten schon damals vor einer Stigmatisierung von psychisch Erkrankten. "Der Fokus auf die psychische Störung des Piloten hat Diskussionen ausgelöst, die großen Schaden anrichten können. Der Ruf nach verpflichtenden Gesundheitsscreenings, Berufsverbot für depressive Piloten sowie Lockerung der ärztlichen Schweigepflicht sind in dieser Situation nachvollziehbare Forderungen, führen aber dazu, dass die Betroffenen sich noch seltener zu erkennen geben und es unwahrscheinlicher wird, dass sie sich überhaupt Hilfe holen", sagt der Sozialwissenschaftler Olaf von dem Knesebeck, Professor am Institut für Medizinische Soziologie des Universitätsklinikums Eppendorf in Hamburg.

Gefährlich und unberechenbar

Mehr als ein halbes Jahr nach der Katastrophe veröffentlichten er und Kollegen sowie ein weiteres Forscherteam Studienergebnisse, die bestätigen, was viele prophezeiten: Die Einstellung der Bevölkerung gegenüber psychisch Erkrankten hat sich nach dem Absturz im Vergleich zu vorher verschlechtert.

  • Das Team untersuchte im April 2015, also etwa einen Monat nach dem Absturz des Flugzeuges, die Haltung von rund 600 Münchnern gegenüber psychisch Erkrankten und verglich die Befunde mit einer identisch durchgeführten Befragung vom April 2014. In einem Telefoninterview wurde den Probanden eine Fallgeschichte einer depressiven Person vorgestellt und abgefragt, wie sie psychisch Kranke einschätzen. 98,7 Prozent der Teilnehmer hatten den Fall des Co-Piloten verfolgt.

  • Die Ergebnisse: Die Befragten beschrieben die depressive Person eher als gefährlich und unberechenbar und hielten sie seltener für hilfsbedürftig als noch ein Jahr zuvor. Die Probanden fühlten sich stärker geängstigt und unsicherer gegenüber dem Erkrankten, hatten weniger Verständnis für sein Leid. Zudem zogen es die Studienteilnehmer deutlich weniger häufig in Betracht, einen Mensch mit Depression bei sich wohnen zu lassen oder ihm die Pflege der eigenen Kinder zu übergeben.

Zu einem ähnlichen Ergebnis kam eine weiter Studie:

  • Die Forschergruppe um den Oberarzt Georg Schomerus von der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie der Universitätsmedizin Greifswald bestätigt die Hamburger Befunde. Sie untersuchten per Online-Fragebogen im Mai 2015, knapp zwei Monate nach dem Absturz, die Haltung von rund 800 Deutschen gegenüber psychisch Erkrankten. Den Studienteilnehmern wurde ebenfalls ein Fall beschrieben - entweder von einer Person mit Depression oder einer mit Schizophrenie. Die Diagnosen wurden nicht benannt. Auch diese Befunde verglichen die Forscher mit einer ähnlichen Studie von November 2014.

  • Die Ergebnisse: Tatsächlich hielten nach dem Absturz der Maschine auch hier deutlich mehr Teilnehmer die psychisch kranken Personen für weniger berechenbar als noch 2014. "Die Ergebnisse legen nahe, dass der Flugzeugabsturz einen messbaren Einfluss auf die Einstellung der Bevölkerung gegenüber Menschen mit psychischen Krankheiten hatte", schreiben die Autoren.

Da beide Studien dies trotz unterschiedlicher Vorgehensweise und mit verschiedenen Probanden zeigten, seien die Ergebnisse äußerst zuverlässig, betont Schomerus: "Die Stigmatisierung hat in einigen Bereichen zugenommen."

Die Hamburger Forschergruppe fragte am Ende ihrer Erhebung zusätzlich direkt in Bezug auf den Absturz nach: Immerhin ein Drittel aller Probanden stimmte der Aussage zu, der Flugzeugabsturz wäre abzusehen gewesen, da der Pilot schon früher an einer psychischen Erkrankung gelitten habe. Sieben von zehn Befragten waren der Meinung, dass Menschen mit Depressionen nicht als Pilot arbeiten dürfen.

"Persönliche Einstellungen sind tief verwurzelt"

Trotz der Befunde erkennen beide Forschergruppen auch Positives: Die Veränderungen sind bei Weitem nicht so dramatisch, wie erwartet. "Je mehr man die Fragen auf das Unglück zuschneidet, also etwa nach einer Pilotenlizenz fragt, umso emotionaler und ablehnender reagieren die Menschen natürlich. Das bedeutet aber nicht, dass sich ihre Haltung gegenüber allen psychische Erkrankten verschlechtert hat, sondern nur in diesem speziellen Kontext", kommentiert Schomerus. In seiner Studie antworteten die Teilnehmer zum Beispiel auf die Frage, ob jemand mit psychischer Erkrankung einen Führerschein machen dürfe, genauso wie ein halbes Jahr zuvor.

"Persönliche Einstellungen sind tief verwurzelt und verändern sich nicht rasant oder drastisch durch ein einzelnes Ereignis", betont Olaf von dem Knesebeck. Das sei die gute Nachricht. Zugleich stecke darin auch eine schlechte: Anti-Stigma-Kampagnen liefen oftmals gegen Wände. Die Bevölkerung wisse heute durch diese viel mehr über psychische Erkrankungen. Ein Erfolg. Doch: "Die Haltung der Bürger zum Positiven verändert haben sie leider noch nicht."


Zusammengefasst : Nach dem absichtlich herbeigeführten Absturz des Germanwings-Fluges durch den psychisch kranken Piloten werden depressive Menschen schneller mit Vorurteilen konfrontiert, wie zwei neue Studien ergeben haben. Aber die Forscher konnten auch zeigen: Die Ablehnung gegenüber psychisch Kranken tritt in erster Linie im Zusammenhang mit der Katastrophe auf - das bedeutet nicht, dass sich die Haltung gegenüber allen psychisch Erkrankten verschlechtert hat.

Zur Autorin
  • privat
    Jana Hauschild ist Psychologin und arbeitet als freie Journalistin in Berlin.

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insgesamt 132 Beiträge
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Seite 1
ponyrage 28.10.2015
1. Die Depression ist ungefährlich
Eine Depression selbst macht niemanden gefährlich. Gefährlich werden kann sowas nur, wenn als Folge der Depression der Betroffene gesellschaftlich isoliert wird und daher überhaupt keinen Grund mehr hat, sich gemeinschaftskonform zu verhalten. Sowas passiert unter anderem dann, wenn man jemanden stigmatisiert. Das ist aber auch ohne Depression so - wenn Leute im Abseits stehen, haben sie nichts zu verlieren, dann können auch Handlungen plausibel erscheinen, die andere für völlig verrückt halten. Vorbeugen könnte man da, indem man möglichst alle Menschen in die Gemeinschaft integriert - aber da müsste man vielleicht manchmal über seinen eigenen Vorurteilsschatten springen, was unbequem sein mag.
dike.thallo 28.10.2015
2. Was soll man dazu sagen?
Ich habe eher den Eindruck, dass Menschen mit Vorurteilen und eingeschränktem Bewusstsein wesentlich gefährlicher für das Leben sind als ein an einer Depression erkrankter Mensch.
bonngoldbaer 28.10.2015
3. Doppeldenk
In "normalen" Zeiten bezweifeln viele Mitbürger immer noch, dass Depressive überhaupt krank sind. Passiert dann so etwas wie die Germanwings-Katastrophe, werden sie sofort zu gemeingefährlichen Irren befördert. Beides ist ein großer Irrtum.
maxmaxweber 28.10.2015
4. Natürlich ungefährlich - solange ich nicht betroffen bin
Natürlich ist es politisch korrekt zu erklären, dass von depressiven Menschen keine größere Gefahr ausgeht, als von nicht depressiven Menschen. Interessant würde es, wenn es nicht um Theorie und gutes Benehmen gehen würde, sondern ganz konkret: Wenn zwei Babysitter zur Auswahl stehen und einer davon hat eine Depression, welchem der Babysitter würden sie eine ganze Nacht allein mit dem eigenen Baby lassen? Das ändert nichts daran, dass depressive Menschen integriert werden müssen, und alle Mitbürger die dies nicht verstehen eine Phobie haben - aber das eigene Kind möchte man dann doch lieber keinem vermeidbaren Risiko aussetzen.
Spiegelleserin57 28.10.2015
5. was hinzukommt...
Zitat von ponyrageEine Depression selbst macht niemanden gefährlich. Gefährlich werden kann sowas nur, wenn als Folge der Depression der Betroffene gesellschaftlich isoliert wird und daher überhaupt keinen Grund mehr hat, sich gemeinschaftskonform zu verhalten. Sowas passiert unter anderem dann, wenn man jemanden stigmatisiert. Das ist aber auch ohne Depression so - wenn Leute im Abseits stehen, haben sie nichts zu verlieren, dann können auch Handlungen plausibel erscheinen, die andere für völlig verrückt halten. Vorbeugen könnte man da, indem man möglichst alle Menschen in die Gemeinschaft integriert - aber da müsste man vielleicht manchmal über seinen eigenen Vorurteilsschatten springen, was unbequem sein mag.
unsere Gesellschaft beschäftigt sich nicht mit diesen Erkrankungen und urteilen sehr schnell obwohl sie keine Ahnung hat. Es ist sehr bedauerlich dass das Leben der Gesellschaft sich so an der Oberfläche abspielt und niemand sich wagt sich auch mal mit den Schattenseiten unseres Lebens auseinander zusetzen denn eine Depression kann jeden Menschen zu jeder Zeit befallen. Diese Oberflächlichkeit wird auch durch den weitverbreiteten Egoismus und auch durch den Verfall unserer Werte noch gefördert. Da diese Erkrankung nicht sichtbar ist soll sie scheinbar auch nicht existent sein und wird entsprechned ignoriert.
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