Buch "Geschichten vom Sterben": Zwischen Unglück und Lebenswillen

Der Tod erscheint selten gerecht. Viele Menschen wünschen sich, zu Hause zu sterben, doch den wenigsten wird das ermöglicht. In dem Buch "Geschichten vom Sterben" erzählen eine Ärztin und ein Schriftsteller von zwölf Kranken, die nie wieder gesund werden - und bis zuletzt am Leben hängen.

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Beistand am Ende des Lebens: "Schwer vorstellbar, wie ein Kranker all das ertragen kann"

Berlin - Manchmal geht es am Schluss ganz schnell, manchmal dauert es quälend lang. Oft begleiten Schmerzen die letzten Wochen und Tage, mitunter reißt ein unermesslicher Lebenswille die Todkranken noch einmal aus dem Bett. Sterben ist individuell. Sterben bedeutet Hilflosigkeit. "Es bedeutet, sich ausliefern zu müssen, verletzlich und wehrlos zu sein", schreibt die Palliativmedizinerin Petra Anwar. Gemeinsam mit dem Schriftsteller John von Düffel hat sie ein berührendes Buch mit "Geschichten vom Sterben" verfasst. Darin erzählen die Autoren von zwölf Menschen, für die es keine Hoffnung auf Genesung mehr gibt - und die zu Hause sterben wollen.

Die Palliativmedizinerin Anwar gewährt in dem Buch Einblick in ihre Arbeit. Sie gibt viel von sich preis, erzählt von Fällen, die ihr nahe gehen. Zum Beispiel die gleichaltrige Mutter und Krankenschwester, deren Tumor unaufhaltsam wächst. "Für Außenstehende müssen wir uns anhören wie zwei Freundinnen beim Kaffeeklatsch." Doch die Rolle der Ärztin bleibt. "Mich macht es regelrecht fertig, zusehen zu müssen, wie sie sich manchmal quält. Aber ich muss den Weg, den sie wählt, mitgehen."

Die 47-jährige Ärztin versorgt die Todkranken im häuslichen Umfeld. In dem preisgekrönten Krebsdrama von 2011 "Halt auf freier Strecke" von Andreas Dresen betreut sie einen Familienvater, der an einem Hirntumor erkrankt und von seinen Angehörigen im Sterben begleitet wird. Im Zuge des Films wurde der Piper Verlag, bei dem das Buch kürzlich erschienen ist, auf Petra Anwar und ihre Arbeit aufmerksam.

"Wir hängen an unserem Leben - bis zuletzt"

Anwar will aufklären über das Sterben, über das so oft geschwiegen wird, nichts verschweigen oder verharmlosen. Möglicherweise geht es deshalb in dem Buch oft schonungslos zu. "Der Tumor wuchs immer schneller, bereitete immer größere Probleme, er hatte sich bis zur Mundhöhle durchgefressen und dort ein weiteres Loch gerissen." Der Tod ist oft hässlich.

Dem Unglück aber steht oft der Lebenswille der Patienten gegenüber. Viele bäumen sich vor dem Sterben geradezu auf, wollen jeden Tag auskosten. Anwar beobachtet Kleinigkeiten, erzählt, dass ihre Patienten trotz Appetitlosigkeit am liebsten Kochsendungen sehen. Am wichtigsten ist für die Ärztin der Halt, den der Kranke in seinem Umfeld erhält. Die Rollenverteilung kehre sich um: "Aus dem Beschützer wird der zu Beschützende, aus dem stärksten Glied der Familie das schwächste, und was immer sicher und selbstverständlich war, wird auf einmal zur Hauptsorge."

Kritik äußert die 47-Jährige am Unvermögen mancher Ärzte, Krebspatienten richtig zu beraten und an den Schwierigkeiten für die Angehörigen bei der Versorgung. "Für eine solche Pflegesituation hat unsere Gesellschaft nur kurze Zeit Verständnis. Eine monatelange Abwesenheit von Beruf oder Ausbildung wird nicht toleriert."

Die Angst vor Krankheit und Tod kann das Buch wohl nicht nehmen. Aber es kann das Thema Palliativmedizin weiter in das Bewusstsein rücken. "Für uns Gesunde ist es manchmal schwer vorstellbar, wie jemand all das ertragen kann", schreibt Anwar. Aber: "Wir hängen an unserem Leben, auch wenn es noch so schwer ist. Bis zuletzt."

hei/dpa

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1. So habe ich es selbst erfahren.
spon-facebook-10000009156 16.04.2013
Leben geht immer weiter, doch was haben Leben und Tod mit Licht zu tun, da wo weder Zeit noch Raum existieren. 11. Gesang Schau der göttlichen Gestalt: Arjuna wünscht von Krishna, mit eigenen Augen den Ewigen zu sehen. Der Erhabene „verleiht“ ihm daraufhin ein „himmlisches“ Auge, damit er die Gestalt des höchsten Gottes erkennen kann. Und Arjuna schaut die göttliche Gestalt mit dem Antlitz allerwärts gewand, wie wenn das Licht von Tausend Sonnen am Himmel plötzlich hervorbräche. Und er sieht weder Ende, Mitte noch Anfang. Und er sieht die Götter und die Schar der Wesen in ihm enthalten. Er sieht den Herrn der Götter und des Alls auch als den Herrn der Zeit, der seine Geschöpfe in seinem „Rachen“ verschlingt.
2. Na aber hallo
sigii 16.04.2013
Was geht den hier ab ? So leid es mir tut es sagen zu müssen nach dem Tod ist es vorbei Und man wird dem irdischen Kreislauf wieder zugefügt.
3. Nicht der Tod ist schlimm,
schlau-meier 16.04.2013
sondern das Sterben. Unsere Gesellschaft will von Krankheit und Tod nichts wissen. Es wird so getan,als hätte man noch ein zweites Leben in der Tasche. Nach einer nächtlichen OP befand ich mich vor dem Schwesternzimmer zwecks Beobachtung. Ein paar Meter entfernt lag ein älterer Mann, kurzatmig leise röchelnd und unruhig. Eine Schwester in Ausbildung bettete ihn immer mal wieder um,damit er bequemer lag. Sie fragte die Oberschwester,ob der diensthabende Arzt kommen sollte,doch dieser war bereits Stunden zuvor beim Sterbenden. Da sei halt nichts mehr zu machen. Die Benachrichtigung Angehöriger erfolgte auch nicht,gleiche Begründung und, jetzt noch Verwandtschaft,das würde den Ablauf nur stören. Der Mann verstarb am morgen.Ohne Verwandte, Ärzte oder sonstige Begleitung zwischen Gästetoilette und Frühstück.Ohne warme Hand. Wollen wir so sterben? Wo ist der Respekt vor der Würde?Jeder von uns wird sich am Tag X nach Wärme sehnen,nach einem Gespräch, nach beruhigendem. Es wird uns definitiv alle treffen.
4. Gewissheit
feuercaro1 16.04.2013
Der Abschied ist manchen schwer. Umso wichtiger, bei ihnen zu sein. Ich selbst habe Angst vor dem Sterben - und ja, auch vor dem Tod, so er denn absolute Auslöschung bedeutet. Mögen meine Liebsten um mich sein und mir helfen.
5. Danke
claudia2209 17.04.2013
bereits zwei mal musste ich die Hilfe von Frau Anwar in Anspruch nehmen. Patienten sowie Angehörige werden liebevoll umsorgt, Wünsche respektiert und man weiß, dass man nicht alleine ist. Ich wurde in den Arm genommen und getröstet. Es ist zu spüren, dass man nicht nur Patient oder Angehörige Nr. X ist, sondern ein Mensch mit Schmerz und Angst. Nicht zu vergessen ihr Team, das selbst wenn zu später Stunde und noch lange nicht Feierabend, sich die Zeit für ein Gespräch nimmt oder bemüht ist, Tränen zu trocknen. Euch allen meinen aufrichtigen Dank.
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