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18. Juni 2012, 15:03 Uhr

Geschlechtskrankheit

Zahl der Syphilis-Fälle nimmt zu

Die Zahl der Syphilis-Fälle ist 2011 im Vergleich zum Vorjahr deutlich gestiegen: Knapp 3700 Infektion wurden laut Robert Koch-Institut im vergangenen Jahr gemeldet - über die Ursachen können Experten nur spekulieren.

Die Zahl der in Deutschland gemeldeten Syphilis-Fälle ist im vergangenen Jahr deutlich gestiegen. 2011 wurden insgesamt 3698 Fälle gemeldet und damit fast 22 Prozent mehr als im Jahr davor, teilte das Robert Koch-Institut (RKI) am Montag in seinem aktuellen Epidemiologischen Bulletin mit. Die Experten bezeichneten den Trend darin als "besorgniserregend". Nach einer Periode stagnierender und zuletzt gesunkener Syphilis-Erkrankungen seien die Infektionen nun wieder auf das Niveau von 1986 geklettert.

Bei der Syphilis, die auch Lues genannt wird, handelt es sich um eine bakterielle Infektion. Der Erreger Treponema pallidum gelangt vor allem bei Sexualkontakten über die Schleimhäute in den Körper und löst zunächst meist schmerzlose Geschwüre an den Genitalien aus. Ohne Therapie kann es später zu Hautausschlag und Knötchenbildung kommen, im Spätstadium befallen die Bakterien auch die Verdauungsorgane, Knochen und Muskeln. Auch im Nervensystem können sich die Erreger einnisten und zu schweren neurologischen Ausfällen führen.

Laut RKI war Sex zwischen Männern die weitaus häufigste Infektionsquelle. Entsprechend erkrankten Männer insgesamt häufiger als Frauen. Bei ihnen stieg zudem die Zahl der Erkrankungen im Vergleich zu 2010 mit 23 Prozent stärker als bei den Frauen mit 13 Prozent. Der Anstieg ist den Experten zufolge auch bedenklich, weil durch eine Syphilis-Infektion das Risiko für eine Ansteckung mit dem HI-Virus steigt.

"Viele Menschen schämen sich für ihre Krankheit"

Auch in den ersten beiden Monaten dieses Jahres wurden laut RKI bereits höhere Syphilis-Zahlen gemeldet als in den Vergleichsmonaten des Vorjahres. Die Zahl der Diagnosen könnte daher 2012 erneut steigen.

Die meisten Neuerkrankungen wurden in den Stadtstaaten Berlin (18 Infektionen pro 100.000 Einwohner), Hamburg (13,3) und Bremen (7,9) registriert. Über dem Bundesdurchschnitt bei den Neuerkrankungen pro 100.000 Einwohner lagen zudem Nordrhein-Westfalen (5,5) und Hessen (4,6). Abgesehen von Berlin und Hamburg wurde die höchste Zahl von Neuerkrankungen in Großstädten wie Köln, Frankfurt am Main und München beobachtet.

"Warum die Zahl der gemeldeten Syphilis-Patienten zunimmt, wissen wir nicht genau", sagt Viviane Bremer, stellvertretende Fachgebietsleiterin HIV/Aids am RKI. "Spekulieren ließe sich, dass eine gewisse Sorglosigkeit bei Sexualkontakten die steigenden Infektionszahlen begründet." Möglicherweise seien die Betroffenen auch aufmerksamer geworden. Vor allem die Arbeit der Beratungsstellen der Gesundheitsämter für sexuell übertragbare Krankheiten hält Bremer für wichtig: "Viele Menschen schämen sich für ihre Krankheit, bei den Anlaufstellen können sie anonym bleiben", sagt die Autorin des Berichtes im Epidemiologischen Bulletin. "Außerdem haben einige Betroffene keine Krankenversicherung."

In den Beratungsstellen bekommen die Betroffenen vor allem Zugang zur Therapie - und die ist normalerweise denkbar einfach. "Im frühen Stadium der Erkrankung reichen Penicillin-Spritzen aus", erklärt Viviane Bremer. "Je später die Therapie beginnt, desto langwieriger wird sie."

hei/AFP

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