Ein rätselhafter Patient Dickes Ding

Ein 41-jähriger Mann hat stark geschwollene Genitalien und Fieber. Diverse Blutwerte sind auffällig. Die Ärzte geben zu: Sie sind ratlos.

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Der Penis und die Hoden des Patienten sind geschwollen. An einigen Stellen blättert die Haut ab. Der 41-Jährige berichtet, dass die Beschwerden am Tag zuvor einsetzten. Seine Genitalien seien immer weiter angeschwollen. Die Ärzte messen 38,6 Grad Celsius Körpertemperatur, der Mann fiebert also.

Weitere Probleme hat der Patient, der in der Landwirtschaft arbeitet, nicht. Auf Nachfrage verneint er, unter Husten, Übelkeit, Bauchschmerzen, Durchfall oder Atembeschwerden zu leiden. Sein Herz schlägt normal, sein Blutdruck ist nicht erhöht, der Atem geht regelmäßig.

Die Mediziner im ersten Hospital der Jilin-Universität in Changchun erkundigen sich nach früheren Krankheiten. Das einzig Auffällige, das der Mann erwähnt: Er trinkt seit zehn Jahren regelmäßig Alkohol.

Leidet der 41-Jährige vielleicht unter einer sogenannten Hydrozele, bei der sich Flüssigkeit im Hoden sammelt? Durch einen Ultraschall gehen die Ärzte diesem Verdacht nach, doch er bestätigt sich nicht. Die Flüssigkeitsansammlungen liegen im unteren Hautbereich, nicht in tieferen Gewebeschichten wie bei einer Hydrozele.

Auffällige Blutwerte

Ein Bluttest zeigt unter anderem erhöhte Werte eines Leberenzyms, auch einige wichtige Elektrolyte wie etwa Calcium sind nicht im Normalbereich. In seinem Blut schwimmen zu wenige für die Gerinnung wichtige Blutplättchen. Auch die Zahl der roten Blutkörperchen ist leicht verringert. Zudem ist das Blut übersäuert.

Die Ärzte verabreichen dem Mann intravenös verschiedene Stoffe, um die Werte zu normalisieren. Zudem erhält er Wirkstoffe, die seine Leber unterstützen sollen. Weil sie sich sorgen, dass der Mann eine Infektion bekommen könnte, verabreichen sie ihm vorsorglich Antibiotika.

Doch was steckt hinter den Beschwerden? Im Fallbericht im Fachblatt "Urology Case Reports" geben die Ärzte um Kaimin Guo freimütig zu: Sie haben keine Ahnung.

Was der Patient zuerst nicht erwähnte

Des Rätsels Lösung bringt kein weiterer Ultraschall, kein CT, kein Labortest. Sondern ein Gespräch mit dem Erkrankten. Der Patient erzählt, dass er das sogenannte Herbizid Acetochlor versprüht hat, ohne Handschuhe zu tragen. Nach diesem Einsatz habe er Alkohol getrunken und zweimal uriniert. Er hatte dies nicht am ersten Tag erwähnt, weil er den Unkrautvernichter jedes Jahr einsetzt und dem Ereignis deshalb keine Bedeutung zumaß.

Doch die Ärzte erkennen darin die Ursache seiner Probleme: Er hat das Mittel offensichtlich über die Haut aufgenommen. Beim Urinieren gelangte es von seinen ungeschützten Händen auf seinen Penis, drang in die Haut ein und über kleine Gefäße in die Blutbahn, wo es dann rote Blutkörperchen und Blutplättchen schädigte und die Leberfunktion beeinträchtigte.

In den kommenden zwei Wochen wird der Mann weiter ärztlich betreut, er erholt sich schrittweise, die Schwellungen klingen langsam ab und seine Blutwerte gelangen wieder in den Normalbereich. Nach einem Monat vermerken die Ärzte bei einem Kontrolltermin keine Auffälligkeiten mehr.

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