Ein rätselhafter Patient: Wasser, überall Wasser
Eine junge Frau kommt ins Zürcher Stadtspital Triemli. Innerhalb weniger Tage hat sie deutlich zugenommen, schon seit Wochen plagen sie Probleme mit den Gelenken. Die Ärzte stellen fest: Der Körper der Patientin speichert Unmengen an Wasser. Warum?
Vor drei Wochen war sie noch gesund. Und plötzlich nahm sie zu: Zehn Kilogramm innerhalb von nur einer Woche. Nun hat sie auch Schwierigkeiten bei der Atmung. Schließlich begibt sich die 34-Jährige in das Zürcher Stadtspital Triemli. Die Ärzte sehen eine junge, abgeschlagene Patientin, bei der sich im gesamten Körper Flüssigkeit im Gewebe sammelt, in sogenannten Ödemen.
Als die ersten Symptome Wochen zuvor auftraten, hatte die Frau einen leichten Hautausschlag, berichten Benedikt Wiggli und seine Kollegen im Fachmagazin "The Lancet". Auf die Hautrötung an Armen und Beinen folgten geschwollene Knöchel, Knie und Hände. Schließlich waren nicht mehr nur die Beine geschwollen, sondern der gesamte Rumpf, die Arme und die Augenpartie.
Merkwürdige Blutwerte
Die Hautschwellungen können die Ärzte bei der Untersuchung mit dem Finger wegdrücken - lassen sie los, bleibt der Fingereindruck einen Moment in der Haut sichtbar. Das ist ein Hinweis darauf, dass sich tatsächlich Flüssigkeit im Gewebe sammelt. Im Röntgenbild fällt den Medizinern Flüssigkeit um die Lunge herum auf, die sich im Brustfellspalt sammelt. Hinweise auf ein Herzversagen gibt es nicht.
In der Laboruntersuchung des Blutes weichen verschiedene Werte von der Norm ab: Das Hämoglobin, das den Sauerstoff transportiert, ist auffallend niedrig, verschiedene Enzyme, die in der Leber hergestellt werden, sind dafür erhöht. Gleichzeitig fehlen bestimmte Eiweiße. Hinweise auf eine bakterielle Infektion gibt es ebenso wenig wie Anzeichen für einen Herzinfarkt. Bei der Suche nach der Ursache der Beschwerden soll eine Computertomografie (CT) helfen:
Bei der CT liegt die Patientin. Auf den Bildern erkennen die Schweizer Ärzte Flüssigkeit, die sich während der Untersuchung am Rücken gesammelt hat (Pfeile links im Bild) und dort die Lunge umgibt. Auch in der Bauchhöhle sammelt sich Flüssigkeit. Leber und Milz sind deutlich größer, als es normal wäre (Pfeile rechts im Bild). Zudem stellen die Mediziner einige vergrößerte Lymphknoten fest.
Vergeblicher Behandlungsversuch
Das Blut der Patientin wird auf verschiedene Krankheitserreger hin untersucht: Es gibt keine Hinweise für eine HIV-Infektion, auch nicht auf Hepatitisviren oder das Epstein-Barr-Virus. Dieser Erreger, der das Pfeiffersche Drüsenfieber hervorruft, lässt bei vielen Patienten Leber und Milz anschwellen - doch bei der Schweizer Patientin ist er nicht dafür verantwortlich. Die Ärzte überprüfen auch, ob eine Schilddrüsenunterfunktion oder eine Störung der Nebennierenrinde die Beschwerden auslöst - vergeblich.
Schließlich nehmen sie eine Biopsie aus dem Knochenmark der Patientin: Die Blutbildung der Frau ist gesteigert, jedoch ohne einen Hinweis auf eine Leukämie. Der Versuch, die Wasseransammlungen der Frau mit Hilfe eines harntreibenden Medikaments zu verringern, schlägt ebenfalls fehl.
Schließlich haben die Zürcher Ärzte einen Verdacht, was die Beschwerden ihrer Patientin auslösen könnte: Sie vermuten, dass eine Infektion mit dem Parvovirus B19 für Hautausschlag, Abgeschlagenheit, Ödeme und die folgenden Atembeschwerden verantwortlich sein könnte. Tatsächlich bringt eine gezielte Suche nach Antikörpern, die sich im Blut gegen das Virus gebildet haben, einen Treffer.
Das Parvovirus B19 ist vor allem als Erreger der Ringelröteln bei Kindern bekannt, einem meist harmlos verlaufenden Hautausschlag. Doch auch bei den Ringelröteln können Gelenkbeschwerden die Infektion begleiten. Infizieren sich Schwangere mit dem Virus, drohen Komplikationen bis zum Verlust des Kindes. Das Virus infiziert Zellen im Knochenmark, die der Körper zur Blutbildung benötigt. Im Alter von 15 Jahren sind bereits bis zur Hälfte aller Jugendlichen einmal mit Parvoviren infiziert gewesen, berichten die Schweizer Ärzte.
Stecken Erwachsene sich mit Parvoviren an, können Fieber und Muskelschmerzen auftreten. Etwa zwei Wochen später können Hautausschlag und Gelenkbeschwerden hinzukommen, wovon besonders Frauen betroffen sind. In seltenen Fällen können Symptome wie die der Schweizer Patientin hinzukommen.
Eine gezielt gegen die Parvoviren gerichtete Behandlung gibt es nicht. Geht die Infektion nicht von selbst zurück, kann eine Therapie mit sogenannten Immunglobulinen helfen. Warum die Zürcherin zusätzlich Ödeme bekam, sei selbst Fachleuten nicht vollständig klar, berichten Benedikt Wiggli und seine Kollegen. Sie vermuten, dass die Flüssigkeit durch eine Durchlässigkeit der Gefäßwände aus den kleinsten Blutgefäßen ins Gewebe gelangt. Die 34-Jährige erholte sich langsam von selbst, nach einer Woche konnten die Ärzte sie entlassen.
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- Samstag, 02.03.2013 – 11:24 Uhr
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- Dennis Ballwieser ist Arzt. In München machte er Narkose, in Hamburg schreibt er über Medizin. Er ist Redakteur im Ressort Gesundheit bei SPIEGEL ONLINE.

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