Kampf gegen Volkskrankheiten: Koalition will Deutschen mehr Gesundheit verordnen

Ob Übergewicht, Diabetes Typ 2 oder Depressionen: Die Koalition will Volkskrankheiten eindämmen - per Gesetz. Jetzt hat das Bundeskabinett den Entwurf für eine Ausweitung der Gesundheitsförderung beschlossen. Der Opposition geht er nicht weit genug. Turnen auf Rezept reiche nicht.

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Corbis

Übergewichtiger Mann beim Walken: Koalition fordert mehr Gesundheitsprävention

Zu viel Zucker und Fett, wenig Bewegung und jede Menge Stress: Tausenden Menschen kostet eine ungesunde Lebensweise jährlich das Leben. Ein Gesetz soll das jetzt ändern. Mit Hilfe der Krankenkassen und Ärzte will die Bundesregierung Volkskrankheiten wie Diabetes Typ 2, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Depressionen zurückdrängen. Am Mittwoch passierte der Gesetzentwurf für mehr Prävention das Bundeskabinett in Berlin.

Demnach sollen die Krankenkassen zu gezielten Programmen verpflichtet werden. Zudem soll es aber auch die Pflicht des Arztes sein, Versicherte auf einen riskanten Lebensstil hin zu untersuchen. Sowohl Arbeitnehmer als auch Betriebe sollen von den Kassen Boni erhalten, wenn die Gesundheitsförderung am Arbeitsplatz klappt.

Ziel sei es, das Wissen und die Motivation in der Bevölkerung zu gesundheitsbewusstem Verhalten "in allen Lebensphasen zu stärken und damit gesundheitliche Risiken zu reduzieren", heißt es aus Regierungskreisen. Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) erklärte in einer Mitteilung: "Viele Krankheiten können vermieden werden, wenn frühzeitig auf bekannte Risikofaktoren wie Übergewicht, Bewegungsmangel oder etwa auf psychische Belastungen Einfluss genommen wird." Gerade bei Kindern und Jugendlichen sei es wichtig, frühzeitig gegenzusteuern. "Es lohnt sich, hier mehr zu investieren, damit Kinder gesund aufwachsen", so Bahr.

Sechs Euro pro Versicherten

Dem Gesetzentwurf zufolge sollen Krankenkassen die für Prävention vorgesehenen Mittel auf sechs Euro für jeden Versicherten anheben. Davon sollen zwei Euro für die betriebliche Gesundheitsförderung ausgegeben werden, ein Euro soll in Präventionsmaßnahmen etwa in Schulen oder Vereinen fließen. Durch die Erhöhung der Mittel sollen auch Jugendliche mit Migrationshintergrund oder Menschen mit niedrigem Bildungsstand künftig besser mit Präventionsangeboten erreicht werden, heißt es in dem Entwurf.

Die schwarz-gelbe Koalition will die Kassen außerdem auf konkrete Gesundheitsziele verpflichten. Dazu zählen unter anderem die Senkung des Erkrankungsrisikos für Diabetes mellitus Typ 2, die Reduzierung des Tabakkonsums und die Senkung der Brustkrebssterblichkeit. Die Mehrausgaben für die Kassen werden im Gesetzentwurf auf jährlich bis zu 180 Millionen Euro ab 2014 geschätzt.

Um der Entstehung chronischer Erkrankungen schon im Kindesalter vorzubeugen, sollen Früherkennungsuntersuchungen auf das Alter zwischen sechs und zehn Jahren ausgedehnt werden. Bei der betrieblichen Gesundheitsvorsorge sollen Kassen und Unternehmen stärker zusammenarbeiten. Vor allem in kleinen und mittleren Unternehmen werde die Gesundheitsförderung bislang noch vernachlässigt, heißt es in dem Entwurf. Betriebe und Arbeitnehmer, die sich an Präventionsangeboten beteiligen, können künftig einen Bonus erhalten. Zudem können Kassen und Arbeitgeber Gruppentarife vereinbaren.

Ob der Entwurf Gesetz wird, ist unklar. Nachdem er das Bundeskabinett passiert hat, braucht er im Bundesrat auch Unterstützung von SPD und Grünen. Beide wollen ihn stark ändern. Turnen auf Rezept reiche nicht, sagte Hamburgs Gesundheitssenatorin Cornelia Prüfer-Storcks (SPD) der "Rheinischen Post". NRW-Fachministerin Barbara Steffens (Grüne) betonte, Prävention dürfe nicht nur von den Krankenkassen finanziert werden.

Maria Klein-Schmeink, Sprecherin für Prävention und Patientenrechte (Grüne) kritisierte den Entwurf ebenfalls:"Die Bundesregierung tut nichts, um die Gesundheitsförderung und Prävention bei sozial Benachteiligten zu verbessern", heißt es in einer Erklärung. Die Bundesregierung ignoriere die ungleich verteilten Gesundheitschancen komplett. "Wir fordern schon lange eine Einbeziehung aller Sozialversicherungsträger und auch der privaten Krankenversicherung sowie einen ressortübergreifenden Ansatz", so Klein-Schmeink.

cib/dpa/AFP

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insgesamt 60 Beiträge
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1. Spaß, oder?
Unterthan 20.03.2013
Das ist jetzt ein Späßchen, oder? Ein Artikel, der für den 1. April gedacht war und durch ein redaktionelles Versehen jetzt schon veröffentlicht wurde?
2. Gesundheit lässt sich nicht verordnen
Oberamtsrat 20.03.2013
Zitat von sysopDem Gesetzentwurf zufolge sollen Krankenkassen die für Prävention vorgesehenen Mittel auf sechs Euro für jeden Versicherten anheben. Gesetzentwurf: Regierung will Deutschen mehr Gesundheit verordnen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/gesetzentwurf-regierung-will-deutschen-mehr-gesundheit-verordnen-a-889947.html)
Gesundheit lässt sich nicht verordnen. Jeder ist für seine Gesundheit in erster Linie selbst verantwortlich. Anstatt hier nochmals Geld aus dem Fenster zu verwefen sollten sich die Krankenkassen auf ihre eigentliche Aufgabe konzentrieren.
3. Gesundheit schön und gut ...
macinfo 20.03.2013
fehlt nur noch Menschen gesetzlich dazu zu verpflichten, sportlich aktiv zu werden. Die Frage die sich mir aufdrängt: Warum ist es der politischen Elite ein so großes Anliegen für bessere Gesundheit in der Bevölkerung zu sorgen, Altruismus? – Wohl kaum. Ich wage zu behaupten die Antworten zu kennen! a) Krankenkassenbeträge dürfen nicht weiter ansteigen (ist ja soweit nur recht und billig) b) der aber wohl wichtigere Punkt: die Arbeitskraft der Bevölkerung darf nicht nachlassen! Warum werden eigentlich Arbeiten, die nachweislich die Gesundheit beeinträchtigen nicht verboten, Wechselschichten, etc. pp. – Profitstreben? Immer mehr Menschen erkranken an Allergien, der Stress in Beruf und Alltag, bestimmte Schadstoffkonzentrationen in der Luft der Ballungszentren – alles zunehmend. Auf diesen Gebieten wird bestenfalls halbherzig aufgeklärt, bzw. Veränderungen angestrebt. – Profitdenken? Also, immer schön rein ins Auto, rauf aufs Gaspedal, Abends ins Fitness-Studio, auf dem Rad strampeln zur Musik aus iPod und Co, und am nächsten Morgen pünktlich in der Arbeit erscheinen, dann wird das schon!
4. Krank
frauwawa 20.03.2013
Schon jetzt bekommt ein an Depression erkrankter Mensch erst nach Monaten therapeutische Hilfe, da es zu wenige zugelassene Therapeuten gibt. Den Arbeitgeber mit Bonus für gesunde Angestellte zu belohnen, bedeutet doch in erster Linie dass bei Neueinstellungen noch mehr selektiert wird. Solange die Arbeitskraft und nicht der Mensch im Mittelpunkt unseres Denkens steht, machen mich solche Pläne einfach nur krank!!!
5. Altersarmut und Gebrechen im Wohlfahrtsstaat
rolandjulius 20.03.2013
ein trüber Ausblick für die meisten unserer Bürger. Das soll jetzt mit sechs Euro pro Kopf geändert werden. So ein Schwachsinn. Wer glaubt denn wirklich, dass es einem Feudalen juckt, wenn es einem Plebs dreckig geht? Die Geld Oligarchie ist in der gesamten Weltgeschichte über Leichen gegangen,und sehr gut dabei gefahren. Denn solange Sie für die reichen Politiker wählen, werden diese reicher und Sie verrotten.Macht nur so weiter,denn nur die dümmsten Kälber, wählen ihre Schlächter selber!
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