Gesundheitsmesse: Die Angst vor dem vergifteten Blut

Der Besuch einer Gesundheitsmesse beschert Kolumnist Frederik Jötten einen Höhenflug - er fühlt sich ziemlich fit. Doch dann befürchtet er, sich ausgerechnet dort eine Blutvergiftung geholt zu haben.

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Blutzuckermessung: Kann der Stich zu einer Blutvergiftung führen?

Es gibt bestimmt Gesünderes, als eine Gesundheitsmesse zu besuchen, besonders für einen krankheitssensiblen Menschen wie mich. Die Sonne scheint, man hätte so gut spazieren gehen könnten. Stattdessen fahre ich zum Kongresszentrum. Am Eingang bekomme ich einen Stempel auf die Hand, wie in der Disco, dann geht es mit der Rolltreppe in den ersten Stock. Im Foyer sind ein paar Stände aufgebaut, ich passiere den der Lokalzeitung, einen, an dem für Stevia als Süßungsmittel geworben wird, und die Auslegetische einer Selbsthilfegruppe.

Nebenan kann man sich über Augenlasern informieren lassen. Gegenüber blickt eine Hostess Anfang 20 gelangweilt in die Gegend. "Entschuldigung, wie komme ich denn in die Ausstellungshalle?", frage ich sie. "Das hier ist sie!" Sie lächelt honigsüß, mit jeder Menge Kajal und Puder im Gesicht. "Wirklich? Äh, okay, was haben Sie denn im Angebot?", frage ich. Sie blickt auf den Flyer, den sie in der Hand hält. "Faltenbehandlung mit Hyaluronsäure oder Botulinumtoxin, Faltenstraffung…" Gesundheitstage? Dieses Angebot finde ich ziemlich krank. "Danke, das brauche ich alles nicht - schönen Tag noch!"

Ich hatte erwartet, hier Dinge zu finden wie diesen Gurt, bei dem LED-Leuchten gegen Rückenschmerzen eingesetzt werden, oder dieses Kopfband, mit dem man seine Schlafqualität beurteilen können soll. Also profane Dinge, die meinen Alltag verbessern könnten. Aber nichts davon ist zu sehen.

Wie steht's um mein Gehör?

Nächster Stand: Hörgeräte. Ich bin schon fast vorbei, als mir einfällt: Moment, die vielen Disco- und Konzertbesuche! Vielleicht doch mal ein Hörtest. Anscheinend erschreckt, weil wirklich mal jemand vorbeikommt, wirft der Herr am Stand gleich seine Flyer auf den Boden. Während wir sie gemeinsam aufheben, frage ich, ob ich einen Hörtest machen könne. Eine Minute später habe ich einen Kopfhörer auf, für einen Schnelltest. Er drückt einen Knopf, 500 Hertz links, ich höre: NICHTS. Rechts: NICHTS. Ich sehe mich schon mit einem dieser Hörgeräte aus der Auslage nach Hause gehen. In meiner Verzweiflung freue ich mich sogar darüber, dass ich in der Auslage Modelle gesehen habe, die kleiner als Tennisbälle sind und durchsichtig.

Dann 1000 Hertz, ja, ein leiser Piepton, genauso jeweils bei 2000 und 4000 Hertz. Ich ziehe den Kopfhörer ab: "Heißt das, mein Gehör ist geschädigt und ich höre die tiefen Frequenzen schon nicht mehr?" Der junge Mann lächelt mich an. "Nein, machen Sie sich keine Sorgen", sagt er. "Die Hintergrundgeräusche sind hier so laut, es ist kaum möglich, diese Frequenz zu hören." Ich atme tief durch. "Gut, dann brauche ich also doch kein Hörgerät?" "Was wir auch im Angebot haben, ist Gehörschutz." Er zeigt mir Ohrstöpsel, die perfekt sitzen, weil sie flüssig ins Ohr gegossen werden und dann erhärten - 90 Euro. Da lobe ich mir meine Wachsohrstöpsel, 20 Stück für fünf Euro, und verabschiede mich schleunigst.

Fragebogenlektion: Ich muss ziemlich gesund sein!

Beim nächsten Stand kann man sich als Versuchskaninchen für neue Medikamente bewerben, nicht, dass ich das ernsthaft vorhätte. Aber es gibt Schokoriegel als Lockmittel, da greife ich zu und lasse mir auch gleich einen Fragebogen mitgeben. Und der gefällt mir: Ich habe weder Vorhofflimmern noch Verstopfung, weder Herpes noch unruhige Beine, weder trockene Augen noch jemals irgendeine Fraktur gehabt. Von 50 Krankheiten könnte ich nur Rückenschmerzen und Heuschnupfen ankreuzen. Ich muss ziemlich gesund sein!

Ich habe einen Höhenflug, denn auch mein Blutdruck ist top, wie mir am nächsten Stand bescheinigt wird. Bei der Blutzuckermessung werde ich schon mit den Worten begrüßt: "Sie sind doch kein Diabetiker, so schlank wie Sie sind!" Die Dame am Stand trägt eine aufwendig nach oben toupierte rote Lockenpracht und weiße Plastikhandschuhe. "Können Sie mir trotzdem den Blutzucker messen - zur Sicherheit?" "Gerne", sagt sie. "Bitte einen Finger." Ich strecke ihr meinen rechten Zeigefinger entgegen. Sie setzt ein Gerät auf, drückt eine Taste - und eine Spitze schnellt heraus. "Autsch!" Ein Tropfen Blut quillt aus meinem Finger. Die Dame hält einen Teststreifen auf das Blut, das Gerät zeigt einen Wert von 103 Milligramm Glucose pro Deziliter Blut an. "Ein normaler Wert, wenn Sie vor zwei Stunden etwas gegessen haben." Das habe ich tatsächlich, sie reicht mir ein kleines Stück Mull, um das Blut abzutupfen.

Das war es schon auf dem Jahrmarkt der Medizinprodukte. Weil es keine weiteren Mitmachattraktionen gibt, mache ich mich auf den Heimweg, wohlgelaunt. Doch am Abend schmerzt der Finger noch immer. Hatte die Blutzuckerfachfrau, die Spitze des Pieksgerätes überhaupt ausgewechselt? Außerdem hatte der Mull, mit dem ich das Blut abgetupft hatte, offen auf dem Tisch gelegen - und die Haut wurde weder vor noch nach dem Stich desinfiziert. Ich fürchte, das wird eine gefährliche Fingerinfektion. Und das alles nur, weil ich mir beweisen wollte, wie gesund ich bin!

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insgesamt 3 Beiträge
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1.
at@at 03.07.2013
Tja, wenn man diesen Gehörschutz für 90 Euro nicht kennt, dann bleibt man sicher bei seinen billigen Dingern aus der Apotheke. Aber für die 90 Euro bekommt man nicht nur gut sitzenden Gehörschutz, sondern auch welchen, den man sogar im Konzert und in der Disko tragen kann, weil der nämlich die Frequenzen ziemlich gleichmäßig absenkt - zudem gibt es Wechselfilter für mehr oder weniger Lautstärke. Zudem leicht zu reinigen und extrem haltbar, meinen habe ich nun schon über 10 Jahre und er ist noch immer so gut wie neu ;-) - von welchen Wachsstöpseln kann man das schon behaupten?
2. Oho, kleiner als Tennisbälle ?!
JochenKeibel 04.07.2013
Der Autor hätte besser einen Sehtest gemacht. Hörgeräte, die sogar kleiner als Tennisbälle sind, gab es wohl zu Adenauers Zeiten.
3. Gesunder Rücken
ops123 04.07.2013
Ein gesunder Rücken braucht Training! Wer soll das dem Autor abnehmen - der Apotheker oder der Arzt?
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