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14. Juni 2012, 19:17 Uhr

Diagnose Depression

Jüngere Menschen sind verwundbarer geworden

Von Dennis Ballwieser

Dieser Befund verblüfft: In keiner Altersgruppe sind Depressionen in Deutschland so weit verbreitet wie unter den 18- bis 29-Jährigen - das hat eine groß angelegte Patientenbefragung des Robert Koch-Instituts ergeben. Nicht einmal die Hälfte der Kranken wird überhaupt behandelt.

Die ersten Ergebnisse des bisher größten Reports zur psychischen Gesundheit der Deutschen stimmen nachdenklich: Zwar gibt es keine Depressions-Epidemie. "Aber die Patienten sind heute jünger als früher, wenn sie das erste Mal die Diagnose Depression bekommen", sagt der Psychologe Hans-Ulrich Wittchen von der TU Dresden, dessen Team für die "Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland" (DEGS) mehr als 5000 Patienten zu ihrer Psyche befragt und untersucht hat. Und: Weniger als die Hälfte der Betroffenen wird behandelt.

In keiner anderen Altersgruppe der DEGS, die das Robert Koch-Institut am Donnerstag in Berlin vorgestellt hat, ist die Wahrscheinlichkeit, unter einer Depression zu leiden, so hoch wie bei den 18- bis 29-Jährigen. In der letzten vergleichbaren Erhebung, dem Bundes-Gesundheitssurvey 1998 (BGS98), sah das noch anders aus: Damals war der Anteil der Menschen mit depressiven Störungen jenseits des vierzigsten Lebensjahres höher als bei jungen Menschen.

"Insgesamt ist die Zahl der Depressiven stabil", sagt Wittchen. "Es gibt in jedem Fall keine dramatische Zunahme." Dennoch ist die Beobachtung, dass das Erkrankungsalter der Menschen sinkt, bedenklich: Bei vielen Patienten ist eine Depression kein einmaliges Ereignis - die Krankheit kann in Schüben wiederkommen.

"Jüngere Menschen sind offensichtlich verwundbarer geworden", sagt Wittchen und fordert: "Der Effekt, dass jüngere Menschen häufiger an psychischen Störungen erkranken, muss untersucht werden."

Die Depression ist auch eine Krankheit der schlechter verdienenden, weniger gut ausgebildeten Menschen: Je niedriger der sozioökonomische Status ist, desto wahrscheinlicher bekam ein Mensch in den zwölf Monaten vor der DEGS-Untersuchung die Diagnose Depression. Das war auch 1998 schon so. Für besser verdienende und gut ausgebildete Menschen gibt es mittlerweile aber einen weiteren Namen für die Depression: das Burnout-Syndrom. Dem aktuellen Bericht zufolge wird das Burnout-Syndrom bei sozioökonomisch bessergestellten Menschen häufiger diagnostiziert als bei Menschen mit weniger Geld und niedrigerer Bildung.

"Burnout ist keine psychische Störung, sondern eine Alltagsbezeichnung, die für Menschen verwendet wird, die vermutlich eine Depression haben", sagt DEGS-Psychologe Wittchen. "Der Name Burnout ermöglicht es Menschen, die bisher überhaupt nicht in der Statistik auftauchten und die auch nicht behandelt worden waren, einen Zugang zu einer Therapie ihrer Depression zu finden."

Steckt hinter dem Phänomen Burnout nicht mehr als die Angst der Patienten vor dem Stigma Depression? Die Wahrnehmung vieler Menschen sei, dass eine Depression nur denjenigen krank macht, der sowieso zu schwach für die Anforderungen der Welt ist. Ein Burnout dagegen, so die Theorie, ereilt harte Typen, die ausbrennen, weil sie über Jahre in 15-Stunden-Tagen Körper und Seele die höchstmögliche Leistung abverlangt haben. Viele Fachleute halten das jedoch für fragwürdig.

"Wir wollen durch weitere Analysen klären, ob man mit steigendem sozioökonomischen Status eher die Diagnose Burnout bekommt", sagte Ulfert Hapke vom Robert Koch-Institut beim DEGS-Symposium in Berlin. Etwa 50 Prozent derjenigen, die unter dem Begriff Burnout geführt würden, erfüllten die Kriterien einer Depression. Das deckt sich mit der Sicht von Wittchen, der nicht an einen Unterschied zwischen Depression und Burnout glaubt: "Aber wenn der Name Burnout dazu führt, dass diese depressiven Menschen behandelt werden können, dann bin ich damit einverstanden."

Ein Großteil sind schwere Depressionen

Wittchen betont, dass der Großteil der in der Gesundheitsstudie als depressiv erfassten Menschen unter schweren Formen der Depression leide. "Der Anteil der Patienten mit einer leichten sogenannten Major Depression ist gering." Warum das so wichtig ist, wird anhand einer anderen Zahl deutlich: Die Forscher fragten bei den an psychischen Krankheiten leidenden Patienten nach, wie viele von ihnen wegen psychischer Probleme wenigstens einmal Kontakt mit dem Gesundheitssystem hatten. Dabei zählte praktisch alles, vom Gespräch mit dem Hausarzt bis zur stationären Therapie. Das ernüchternde Ergebnis: Weniger als die Hälfte der Betroffenen hatte auch nur einmal Kontakt, nur selten wird die erste Episode einer Depression überhaupt erkannt.

Dass Patienten, die unter psychischen Krankheiten leiden, lange auf eine Therapie warten müssen, ist seit langem bekannt. Wartezeiten von einem halben Jahr für eine ambulante Psychotherapie sind vielerorts völlig normal. Spannend ist die Frage, welche Konsequenzen für die Versorgung aus den Ergebnissen der DGES gezogen werden. Alleine die Zahl der Therapeuten ist nicht ausschlaggebend dafür, wie schnell ein depressiver Patient behandelt wird, solange die Therapeuten sich aussuchen können, wen sie behandeln wollen. "Wir brauchen ein Versorgungsgesetz", sagt Wittchen. "Es muss behandelt werden, was vordringlich ist."

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