Diagnose Depression: Jüngere Menschen sind verwundbarer geworden

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Überforderter Schüler: Immer mehr junge Menschen leiden unter Depressionen

Dieser Befund verblüfft: In keiner Altersgruppe sind Depressionen in Deutschland so weit verbreitet wie unter den 18- bis 29-Jährigen - das hat eine groß angelegte Patientenbefragung des Robert Koch-Instituts ergeben. Nicht einmal die Hälfte der Kranken wird überhaupt behandelt.

Die ersten Ergebnisse des bisher größten Reports zur psychischen Gesundheit der Deutschen stimmen nachdenklich: Zwar gibt es keine Depressions-Epidemie. "Aber die Patienten sind heute jünger als früher, wenn sie das erste Mal die Diagnose Depression bekommen", sagt der Psychologe Hans-Ulrich Wittchen von der TU Dresden, dessen Team für die "Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland" (DEGS) mehr als 5000 Patienten zu ihrer Psyche befragt und untersucht hat. Und: Weniger als die Hälfte der Betroffenen wird behandelt.

In keiner anderen Altersgruppe der DEGS, die das Robert Koch-Institut am Donnerstag in Berlin vorgestellt hat, ist die Wahrscheinlichkeit, unter einer Depression zu leiden, so hoch wie bei den 18- bis 29-Jährigen. In der letzten vergleichbaren Erhebung, dem Bundes-Gesundheitssurvey 1998 (BGS98), sah das noch anders aus: Damals war der Anteil der Menschen mit depressiven Störungen jenseits des vierzigsten Lebensjahres höher als bei jungen Menschen.

"Insgesamt ist die Zahl der Depressiven stabil", sagt Wittchen. "Es gibt in jedem Fall keine dramatische Zunahme." Dennoch ist die Beobachtung, dass das Erkrankungsalter der Menschen sinkt, bedenklich: Bei vielen Patienten ist eine Depression kein einmaliges Ereignis - die Krankheit kann in Schüben wiederkommen.

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"Jüngere Menschen sind offensichtlich verwundbarer geworden", sagt Wittchen und fordert: "Der Effekt, dass jüngere Menschen häufiger an psychischen Störungen erkranken, muss untersucht werden."

Die Depression ist auch eine Krankheit der schlechter verdienenden, weniger gut ausgebildeten Menschen: Je niedriger der sozioökonomische Status ist, desto wahrscheinlicher bekam ein Mensch in den zwölf Monaten vor der DEGS-Untersuchung die Diagnose Depression. Das war auch 1998 schon so. Für besser verdienende und gut ausgebildete Menschen gibt es mittlerweile aber einen weiteren Namen für die Depression: das Burnout-Syndrom. Dem aktuellen Bericht zufolge wird das Burnout-Syndrom bei sozioökonomisch bessergestellten Menschen häufiger diagnostiziert als bei Menschen mit weniger Geld und niedrigerer Bildung.

"Burnout ist keine psychische Störung, sondern eine Alltagsbezeichnung, die für Menschen verwendet wird, die vermutlich eine Depression haben", sagt DEGS-Psychologe Wittchen. "Der Name Burnout ermöglicht es Menschen, die bisher überhaupt nicht in der Statistik auftauchten und die auch nicht behandelt worden waren, einen Zugang zu einer Therapie ihrer Depression zu finden."

Steckt hinter dem Phänomen Burnout nicht mehr als die Angst der Patienten vor dem Stigma Depression? Die Wahrnehmung vieler Menschen sei, dass eine Depression nur denjenigen krank macht, der sowieso zu schwach für die Anforderungen der Welt ist. Ein Burnout dagegen, so die Theorie, ereilt harte Typen, die ausbrennen, weil sie über Jahre in 15-Stunden-Tagen Körper und Seele die höchstmögliche Leistung abverlangt haben. Viele Fachleute halten das jedoch für fragwürdig.

"Wir wollen durch weitere Analysen klären, ob man mit steigendem sozioökonomischen Status eher die Diagnose Burnout bekommt", sagte Ulfert Hapke vom Robert Koch-Institut beim DEGS-Symposium in Berlin. Etwa 50 Prozent derjenigen, die unter dem Begriff Burnout geführt würden, erfüllten die Kriterien einer Depression. Das deckt sich mit der Sicht von Wittchen, der nicht an einen Unterschied zwischen Depression und Burnout glaubt: "Aber wenn der Name Burnout dazu führt, dass diese depressiven Menschen behandelt werden können, dann bin ich damit einverstanden."

Ein Großteil sind schwere Depressionen

Wittchen betont, dass der Großteil der in der Gesundheitsstudie als depressiv erfassten Menschen unter schweren Formen der Depression leide. "Der Anteil der Patienten mit einer leichten sogenannten Major Depression ist gering." Warum das so wichtig ist, wird anhand einer anderen Zahl deutlich: Die Forscher fragten bei den an psychischen Krankheiten leidenden Patienten nach, wie viele von ihnen wegen psychischer Probleme wenigstens einmal Kontakt mit dem Gesundheitssystem hatten. Dabei zählte praktisch alles, vom Gespräch mit dem Hausarzt bis zur stationären Therapie. Das ernüchternde Ergebnis: Weniger als die Hälfte der Betroffenen hatte auch nur einmal Kontakt, nur selten wird die erste Episode einer Depression überhaupt erkannt.

Dass Patienten, die unter psychischen Krankheiten leiden, lange auf eine Therapie warten müssen, ist seit langem bekannt. Wartezeiten von einem halben Jahr für eine ambulante Psychotherapie sind vielerorts völlig normal. Spannend ist die Frage, welche Konsequenzen für die Versorgung aus den Ergebnissen der DGES gezogen werden. Alleine die Zahl der Therapeuten ist nicht ausschlaggebend dafür, wie schnell ein depressiver Patient behandelt wird, solange die Therapeuten sich aussuchen können, wen sie behandeln wollen. "Wir brauchen ein Versorgungsgesetz", sagt Wittchen. "Es muss behandelt werden, was vordringlich ist."

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insgesamt 198 Beiträge
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1. Mögliche Ursache
zufriedener_single 14.06.2012
Könnte es daran liegen, daß das Nicht-Aufarbeiten des Traumas WW2 heute genetisch in der zweiten und dritten Generation durchschlägt?
2. Photo-Untertitel
leonardo-contra-pisa 14.06.2012
Zitat von sysopCorbisDieser Befund verblüfft: In keiner Altersgruppe sind Depressionen in Deutschland so weit verbreitet wie unter den 18- bis 29-Jährigen - das hat eine groß angelegte Patientenbefragung des Robert Koch-Instituts ergeben. Nicht einmal die Hälfte der Kranken wird überhaupt behandelt. http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/0,1518,838843,00.html
Eins ist sicher: Der Mensch auf dem Photo ist kein Schüler, wie es der Untertitel glauben machen will. Was da an mathematischen Fragmenten an die Tafel gekritzelt wurde, ist so was von jenseits des Schulniveaus. Mag ja sein, dass es ein frustrierter, depressiver amerikanischer Student ist. Aber kein Schüler.
3. nur die hälfte behandelt
veleg 14.06.2012
Was mich an dem Artikel stört, ist dass gesagt wird, dass nur die hälfte der Erkrankten behandelt wird und dass während in meinem freundekreis schon 50% der Leute Pillen schlucken. Das ENDZIEL ist die komplette Bevölkerung unter Drogen zu setzen. Brave New World lässt grüßen!!
4. Interessante These, aber
Europa! 14.06.2012
Zitat von zufriedener_singleKönnte es daran liegen, daß das Nicht-Aufarbeiten des Traumas WW2 heute genetisch in der zweiten und dritten Generation durchschlägt?
Es gibt noch deutlichere Gründe für Depressionen: 1. Prekäre Arbeitsverhältnisse, Ausbeutung in unverbindlichen "Volontariaten" und "Praktika", die den jungen Menschen als sinnlos erscheinen müssen. 2. Antihumanistische Erziehung, die den jungen Leuten suggeriert, es gebe "sowieso zu viele Menschen" und sie hätten eigentlich kein Lebensrecht.
5. Jenseits der Psychischen Krankheit liegt die Wahrheit
harpy 14.06.2012
Ich war zwei mal in der Psychiatrischen Klinik und mehrfach zu diversen Tageskliniken und Therapien anderweitiger Art gedrängt worden. Nachdem man mir sonstwie bunte Pillen gegeben hatte, alle möglichen Diagnosen durchprobierte, wovon keine so richtig zur Wahrheit passte, mussten die altgedienten Mediziner zugeben, dass ich nicht krank, sondern dass die Umwelt krank ist in der ich lebe. Ich repräsentiere den Menschen in seiner Natur. Mein Verhalten, meine Ansichten, meine Ausdrucksweise mögen anders sein, Aber das macht sie nicht schlechter. Ein Mensch, der gelehrt wurde, wie man überlebt, ist gefährlich. Ein Mensch aber, der es sich selbst beibringt zu überleben, ist in den Augen der anderen (normalen) ein Monster? Nein, denn sonst hätte ich ja irgendwelche Leute auf dem Gewissen. Im Gegenteil. Ich habe die Fähigkeit, alle Leute in meinem Umfeld zu polarisieren, zu begeistern, mitzureißen. Ein Monster wie Hitler, bloß andersrum? Lachhaft. Ich habe mein inneres Bewusstsein gefunden. Jenseits der modern genannten Auffassung der westlichen Medizin gibt es schon heute groß angelegte Therapien, die den Alten Mysterien näher liegen als der neueren Auffassung der Wissenschaft der letzten 150 Jahre. Wir sind alle in der Lage unsere Träume zu leben. Aber die meisten Menschen haben Angst vor dem Erwachen aus dem Traum, den die Inquisition einst über Europa brachte. Die unsterbliche Seele ist unbestreitbar Bestandteil unserer wahren Existenz. Wenn es jemanden interessiert, mehr zu erfahren, kann ich euch folgenden Link auf youtube empfehlen. Der Mann ist drei mal so alt wie ich und im Gegensatz zu mir kann er das Ganze schön visualisieren. Dennoch hat er mir nichts Neues erzählt. Wer einmal lebt, dem glaubt man nicht. Aber wer mehrmals lebt, ist in der Lage, aus Fehlern zu lernen. Mein Wissen könnte ich gar nicht haben in meinem Alter, wenn ich nicht nicht schon mal so lange gelebt hätte, wie in dieser Inkarnation ;) http://www.youtube.com/watch?v=UiEpM-IF3RU&feature=g-hist
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Zum Autor
  • Dennis Ballwieser ist Arzt. In München machte er Narkose, in Hamburg schreibt er über Medizin. Er ist Redakteur im Ressort Gesundheit bei SPIEGEL ONLINE.

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Volkskrankheit Burnout: Wie Erschöpfung die Volkswirtschaft schwächt

Die Studie im Detail
Ziel
Das Robert Koch-Institut (RKI) soll die Gesundheit der Bevölkerung beobachten. Dazu gibt es sogenannte Gesundheitssurveys. Das sind große Studien, in denen eine repräsentative Stichprobe der gesamten deutschen Bevölkerung untersucht wird. 1998 fand der erste gesamtdeutsche Bundesgesundheitssurvey (BGS98) statt. Die Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland (DEGS) ist die Fortsetzung der Gesundheitssurveys.

Mit der DEGS sollen Trends in der Entwicklung der Gesundheit der gesamten Bevölkerung ermittelt werden. Außerdem sammeln die Forscher Daten über die gesundheitliche Entwicklung im Verlauf eines Lebens - gut die Hälfte der jetzt untersuchten Menschen war auch 1998 schon dabei.
Themen
Die Teilnehmer wurden zu Krankheiten, Verletzungen, Vergiftungen, der psychischen Gesundheit und Risikofaktoren befragt. Außerdem sollten sie Auskunft über ihre subjektive Gesundheit und ihre Lebensqualität geben. Die Forscher fragten, welche Leistungen des Gesundheitssystems sie in Anspruch nehmen. Der Lebensstil und die Umweltbedingungen wurden ebenso abgefragt wie der soziale Status.

Zusätzlich wurden die Studienteilnehmer körperlich untersucht, dabei ging es zum Beispiel um Gewicht, Blutdruck, Schilddrüsengröße und die Fitness. Außerdem analysierten die Wissenschaftler Blut- und Urinproben.
Stichprobe
Um für die gesamte in Deutschland lebende Bevölkerung repräsentative Aussagen treffen zu können, mussten die Forscher eine ausreichend große und zufällig ausgewählte Stichprobe von Menschen befragen. In Frage kamen alle in Deutschland lebenden und in den Einwohnermeldeämtern mit Hauptwohnsitz gemeldeten Erwachsenen.

In der Studie wurden Teilnehmer der BGS98 ebenso wie neu hinzugekommene Menschen befragt und untersucht. Insgesamt haben Erwachsene zwischen 18 und 89 Jahren teilgenommen, die in 180 Studienorten untersucht wurden.
Beteiligung
Insgesamt nahmen zwischen Herbst 2008 und Herbst 2011 8.152 Männer und Frauen an der DEGS teil. 7.238 von ihnen wurden untersucht und befragt, 914 Personen nur befragt. Knapp 4.000 der Studienteilnehmer waren bereits bei dem Bundesgesundheitssurvey 1998 untersucht worden.
Ergebnisse
Die im Juni 2012 vorgestellten Ergebnisse sind die ersten und wichtigsten Erkenntnisse aus den umfassenden Daten. Die ausführlichen Ergebnisse gibt es erst im Mai 2013. Dann werden auch sogenannte "Public Use Files" für Wissenschafter zur Verfügung gestellt, die anhand der anonymisierten Daten Forschungsfragen untersuchen können.
Daten
Die Daten sollen die Grundlage für die gesundheitspolitische Planung der nächsten Jahre sein. Außerdem können Forscher anhand der für sie zugänglichen, anonymisierten Daten wissenschaftliche Fragen untersuchen.

In der DEGS geht es nur um Erwachsene. Kinder untersucht das RKI in der KiGGS-Studie. Zusätzlich gibt es regelmäßige telefonische Gesundheitssurveys (Gesundheit in Deutschland aktuell, GEDA) in kürzeren Abständen.