Gesundheitssystem An Deutschlands Kliniken wird immer häufiger operiert

Die Operationszahlen in Deutschland steigen, obwohl die Bevölkerung nicht wächst. Jetzt zeigt eine Studie Ursachen und Gegenmaßnahmen auf. Kliniken und Krankenkassen beurteilen das Ergebnis allerdings sehr unterschiedlich.

Bandscheibenoperation: Ist jeder durchgeführte Eingriff medizinisch notwendig?
DPA

Bandscheibenoperation: Ist jeder durchgeführte Eingriff medizinisch notwendig?


Berlin - Die Zahl der Menschen, die sich einer Operation unterziehen, ist in Deutschland in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen - trotz nahezu konstanter Bevölkerungsgröße. Behandlungen an der Wirbelsäule, Schmerztherapien und Herzklappen-OPs zählen zu den Eingriffen, bei denen es besonders hohe Steigerungsraten gab. Das geht aus einer Studie hervor, die Hamburger und Berliner Forscher am Donnerstag vorgestellt haben.

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In den untersuchten Jahren 2007 bis 2012 stieg die Zahl der stationären Behandlungsfälle um 1,4 Millionen auf 18,6 Millionen. Das entsprach einem jährlichen Zuwachs um rund 314.000 Fälle. Insbesondere planbare Eingriffe wurden häufiger durchgeführt. Und die Zahl der Behandlungen nahm vor allem tagsüber an den Werktagen zu.

Die Politik hatte 2012 mehr über die steigenden Behandlungszahlen wissen wollen und Klinikträger und Krankenkassen mit der Ausschreibung der Studie beauftragt. Selbst Medizinvertreter wie die Deutsche Gesellschaft für Orthopädie kritisierten damals, dass es etwa seit 2005 mehr als doppelt so viele Wirbelsäulen-OPs gebe.

Gut vergütete Operationen werden bevorzugt

Der Spitzenverband der Krankenkassen und die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) bewerten die nun vorliegenden Studienergebnisse unterschiedlich.

Nach Meinung des Spitzenverbandes der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) bestätigt das Gutachten, dass Kliniken vor allem jene Operationen vornehmen, die sich finanziell lohnen. Mit steigenden Preisen erhöhten sich auch die Operationszahlen.

In ihrem Bericht stellten die Forscher zwar dar, dass die Kliniken auf Preisänderungen auch mit geänderten Fallzahlen reagieren, wie der SPIEGEL bereits berichtete. Es könne aber keine Aussage darüber getroffen werden, ob dies medizinisch begründet sei oder nicht

Die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) sieht die Vorwürfe, die Kliniken würden aus ökonomischen Gründen unnötig viel operieren, durch das Gutachten widerlegt. Ursache für den Leistungszuwachs seien vielmehr die zunehmende Zahl alter Menschen, die steigende Krankheitshäufigkeit und der medizinische Fortschritt, erklärte DKG-Präsident Alfred Dänzer.

International ist Deutschland nach Österreich mit an der Spitze bei den Behandlungen pro Einwohner in der OECD. In den Niederlanden habe es einen stärkeren Anstieg gegeben, aber auf niedrigerem Niveau.

Die Experten fordern in ihrem Gutachten unter anderem eine verbindliche ärztliche Zweitmeinung für bestimmte Diagnosen, eine Neuausrichtung der Krankenhausplanung und eine stärkere Kopplung der Vergütung an die Versorgungsqualität.

Eine Arbeitsgruppe von Bund und Ländern handelt derzeit eine Klinikreform aus. CDU-Gesundheitsexperte Jens Spahn: "Über die Möglichkeit zur Zweitmeinung und gezielten Preisabschlägen sollten wir dann gegensteuern." SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach sagte der "Welt", die Zweitmeinung solle von den Kassen gezahlt werden. Wenn überflüssige Operationen so vermieden werden, könnten Kosten gespart werden.

Zudem wird laut Spahn und Lauterbach erwogen, Kliniken mit zweifelhaften Ergebnissen bei bestimmten Operationen weniger Geld zu geben - und Zuschläge für Kliniken bei Grundversorgung zu zahlen, so dass der Druck sinkt, durch zusätzliche Eingriffe Geld zu verdienen.

Die Deutsche Stiftung Patientenschutz forderte mehr Begleitung und Linderung statt Operationen bei älteren und sterbenden Patienten.

wbr/dpa/AFP



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zensiertes Medien-Opfer 10.07.2014
1. Bevölkerungswachstum vs. Alter und dem Rest
Zitat von sysopDPADie Operationszahlen in Deutschland steigen, obwohl die Bevölkerung nicht wächst. Jetzt zeigt eine Studie Ursachen und Gegenmaßnahmen auf. Kliniken und Krankenkassen beurteilen das Ergebnis allerdings sehr unterschiedlich. http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/gesundheitssystem-an-deutschlands-kliniken-wird-immer-oefter-operiert-a-980370.html
Nein, die Bevölkerung wächst nicht, aber die Deutschen bekommen heute doppelt so lange Rente wie 1960 (Zitat Focus vom 10.07.2014). Aus dem eigenen Familienumfeld weiß ich, wie alte Leute eine unerschöpffliche Hoffnung in die weißen Götter und in die Wunder einer chirugischen Operation haben. Dazu kommt noch, dass die ganzen teuren auf Kredit gekauften medizinschen Geräte abbezahlt werden müssen. Und nicht vergessen, die Ärzte, die Apotheker, die Pharmabranche und die Krankenhausbetreiber und das Finanzamt wollen alle mitverdienen. Nur immer mehr ausgegebenes Geld erhöht das BIP und erlaubt es weiter billig Kredit aufnehmen zu können ohne Pleite zu gehen.
RosalieMarieMahlWieder 10.07.2014
2. 2 Zahlen
60 000 Euro im zweiten Jahr Assitenzarzt. Oberärzte, laut Kienbaum ,mittlerweile bei 75 000 Euro netto plus im Schnitt. Irgendwoher muss dieses Geld in unserer Planwirtschaft ja kommen. Neuester Trend: Ärzte wählen natürlich grün. Bisschen moralisch überlegen fühlen und vom starken Staat profitieren. Gewusst wie ,möchte man sagen
kumi-ori 10.07.2014
3. Folge des DRG-Systems
Nach all unseren Rechtsnormen müssen sich die Krankenhäuser heute wirtschaftlich selber tragen und dürfen ihre Behandlungen nur einheitlich nach dem DRG-System vergüten lassen. Mit diesen Beträgen kommt man aber nicht in Fällen so ohne Weiteres aus. Damit sich die Klinik z. B. einen Blinddarm (DRG-Vergütung: 838.- Euro) leisten kann, muss die Klinik mehrere Kaiserschnitte (DRG-Vergütung: 2505.-Euro) durchführen. Sonst kommt das Krankenhaus in die roten Zahlen und muss schließen. Verrückt? Finde ich auch. Aber wir haben ja schließlich diese Bundesregierung und damit dieses System gewählt.
salveRicciolo 10.07.2014
4. Ver-Rückt?
Zitat von kumi-oriNach all unseren Rechtsnormen müssen sich die Krankenhäuser heute wirtschaftlich selber tragen und dürfen ihre Behandlungen nur einheitlich nach dem DRG-System vergüten lassen. Mit diesen Beträgen kommt man aber nicht in Fällen so ohne Weiteres aus. Damit sich die Klinik z. B. einen Blinddarm (DRG-Vergütung: 838.- Euro) leisten kann, muss die Klinik mehrere Kaiserschnitte (DRG-Vergütung: 2505.-Euro) durchführen. Sonst kommt das Krankenhaus in die roten Zahlen und muss schließen. Verrückt? Finde ich auch. Aber wir haben ja schließlich diese Bundesregierung und damit dieses System gewählt.
ist vor allem, dass Menschen bluten müssen,dass die Kostentreiber im drittteuersten Gesundheitssystem der Welt, die Arzteinkommen, bedient werden. Diese von ihrer eigenen Geilheit so überzeugte ,profilneurotische Gruppe pervertiert ihren Berufsanspruch und verletzt Menschen ,um sich selbst abzusichern. Das ist per-ver-tiert oder eben ver-rückt
women_1900 10.07.2014
5. Anteil der sogenannten Prävention
möchte nicht wissen, wie krank Menschen nach all den "Vorsorgeuntersuchungen" erst werden. Ich habe damit keine gute Erfahrung, einmal ergab ein EKG eine Verengung der Herzkranzgefäße. Der Arzt faselte was von Stent setzen, wenns überhaupt noch möglich wäre. Bin dann erstmal in Urlaub, danach musste ich 3 Monate auf einen Termin bei einem Kardiologen warten. Da war mir irgendwie schon klar, daß nichts ist. Dann wurde beginnendes Asthma diagnostiziert, dann einmal eine unheilbare Blutkrankheit-jedes Mal ging ich zu einem anderm Arzt und dann wurde nichts mehr festgestellt. Lange Rede kurzer Sinn, ich meide Ärzte wenn irgend möglich und werde immer gesünder. Dagegen steht eine Bekannte, die mit 40 Jahren schon an beiden Beinen künstliche Kniegelenke hat und Frührente bezieht.
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