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Irrtum aufgedeckt: Glück verlängert nicht das Leben

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Lächelnd im Laub: Glücklich zu sein ist schön - auch ohne lebensverlängernde Wirkung Zur Großansicht
Corbis

Lächelnd im Laub: Glücklich zu sein ist schön - auch ohne lebensverlängernde Wirkung

Es war zu schön, um wahr zu sein. Früheren Studien zufolge trägt Glück angeblich dazu bei, dass Menschen länger leben. Nun zeigt eine große Untersuchung: Man hat da wohl Ursache und Wirkung vertauscht.

Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Es gibt Studienergebnisse, die verführen zu einem entspannten Nicken, begleitet vom Gedanken: Hab ich doch schon längst gewusst - oder mindestens immer geahnt. In die Kategorie fällt auch die lange verbreitete These, dass Menschen länger leben, wenn sie glücklich sind. Unzufriedenheit, Stress und das Gefühl, sein Leben nicht selbst gestalten zu können, gelten demnach als lebensverkürzend.

Doch nun kassiert ein Forscherteam im Fachmagazin "The Lancet" diese Erkenntnis ein: Sie stimmt demnach zumindest für Frauen nicht. Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass in früheren Untersuchungen Ursache und Wirkung nicht vernünftig ausgemacht wurden. Sie kommen zum Ergebnis, dass der Zusammenhang vollständig dadurch erklärt werden kann, dass kranke Menschen und jene mit ungesunden Gewohnheiten häufiger unglücklich sind - und eben auch häufiger früh sterben.

"Krankheit macht Menschen unglücklich. Aber Unzufriedenheit allein macht Menschen nicht krank", sagt die Hauptautorin der Studie, Bette Liu von der University of New South Wales in Australien. Sie hätten in ihrer Studie mit mehr als 700.000 Frauen innerhalb von zehn Jahren keine direkte Auswirkung von Unzufriedenheit oder Stress auf die Sterblichkeit nachweisen können. 30.000 der Teilnehmerinnen starben in dieser Zeit.

Was war zuerst da: Unzufriedenheit oder ungesunder Lebensstil?

In der Studie zeigte sich allerdings, dass unglückliche Frauen häufiger rauchten und Alkohol tranken. Was da allerdings zuerst kam - die Unzufriedenheit oder der Griff zu Zigarette und Flasche -, kann diese Studie nicht beantworten.

Zudem trieben die unzufriedenen Frauen weniger Sport, schliefen schlechter und lebten seltener mit einem Partner zusammen. Aber vor allem anderen stuften sie ihre Gesundheit eher schlecht ein.

Liu und Kollegen schauten deshalb unter anderem nur die Gruppe jener Frauen an, die ihre Gesundheit zum Studienbeginn als gut einschätzten: Hier machte es für die Lebenserwartung keinen Unterschied, ob sie sich als glücklich oder unglücklich einstuften.

Unter den Frauen, die ihre Gesundheit als schlecht einschätzten, war der Zusammenhang sogar umgekehrt: Die Unglücklichen hatten eine bessere Lebenserwartung. Wie kann das sein? Die Forscher nehmen an, dass dies auf einer Verzerrung beruht. Wer unglücklich sei, neige wohl eher dazu, sich nicht gesund zu fühlen. Unter den unglücklichen Kranken vermuten sie daher eher relativ Gesunde - die dann natürlich eine höhere Lebenserwartung haben.

In einem begleitenden Kommentar im "Lancet" weisen Philipe de Souto Barreto und Yves Rolland von der Universität Toulouse darauf hin, dass sich der Zusammenhang von Glück und Sterblichkeit bei den Geschlechtern vermutlich unterscheide und der Effekt bei Männern wohl größer sei. Darauf deutet aus ihrer Sicht unter anderem eine größere japanische Studie hin.

Ganz widerlegt ist die schöne Idee also noch nicht, dass Glück das Leben, zumindest für Männer, verlängert. Und dass glücklich alt werden erstrebenswerter ist, als unglücklich zu altern, das steht sowieso auf einem anderen Blatt.

Zusammengefasst: Glück verlängert - zumindest bei britischen Frauen - nicht das Leben. Lassen Sie sich davon bitte nicht die Laune verderben!

Die Studie im Überblick
Das waren die Teilnehmer
Die Daten stammen von der "Million Women Study", die Teilnehmerinnen wurden beim Mammografie-Screening in England und Schottland rekrutiert und waren zu Beginn der Untersuchung zwischen 50 und 69 Jahre alt. Für die konkrete Studie wurden Daten von knapp 720.000 Frauen ausgewertet. Rund 31.500 von ihnen starben innerhalb der knapp zehn Jahre umfassenden Studiendauer.
So lief die Studie ab
Die Teilnehmerinnen füllten einen Fragebogen aus, auf dem sie unter anderem beantworteten, wie oft sie glücklich sind. Mögliche Antworten: "die meiste Zeit", "häufig", "manchmal" oder "selten/nie". Ihre Gesundheit sollten sie ebenfalls einschätzen - entweder als "hervorragend", "gut", "ordentlich" oder "schlecht". Zusätzlich wurde einiges abgefragt, was auf die Zufriedenheit schließen lässt, etwa wie oft sich die Frauen gestresst oder entspannt fühlten.
39 Prozent der Frauen sagten, sie seien die meiste Zeit glücklich, 44 Prozent häufig, 16 Prozent manchmal, 1 Prozent selten oder nie. Die letzten zwei Gruppen wurden als "unglücklich" zusammengefasst.
Das sind die Ergebnisse
Die Frauen, die ihre Gesundheit beim Studienbeginn als schlecht einstuften, waren deutlich häufiger unglücklich. Sobald die Forscher alle anderen erhobenen Faktoren einbezogen, ergab sich überhaupt kein Zusammenhang zwischen Glück und Sterblichkeit. Die anderen Faktoren waren:
- Alter,
- Einschätzung der eigenen Gesundheit,
Behandlungen gegen Bluthochdruck, Diabetes, Asthma, Arthritis, Depression, Angststörungen,
- soziodemografische Faktoren wie Schulbildung,
- Rauchen,
- Alkoholkonsum,
- Body-Mass-Index,
- Schlafdauer,
- Teilnahme an religiösen oder anderen Gruppen.
Das fällt auf
- Ganz klar: Da nur Frauen an der Studie teilnahmen, lässt sich das Ergebnis nicht einfach auf Männer übertragen - zumal Wissenschaftler in früheren Studien zum Ergebnis kamen, dass bei Männern ein größerer Zusammenhang zwischen Glück und Gesundheit besteht als bei Frauen.
- Frühere Studien sind zu einem anderen Ergebnis gekommen als diese neue Untersuchung, die jedoch aufgrund ihrer großen Teilnehmerzahl eine hohe Aussagekraft hat.
Wer hat's bezahlt?
Die Studie wurde vom UK Medical Research Council und Cancer Research UK finanziert.
Zur Autorin
  • Nina Weber ist Biochemikerin und Krimiautorin mit einem Faible für kuriose Studien. Sie ist Redakteurin im Ressort Gesundheit bei SPIEGEL ONLINE.

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insgesamt 34 Beiträge
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1.
dwg 10.12.2015
Schön, daß es so etwas auch noch gibt. Statistik Studien, bei denen Ursache und Wirkung, Kreuzkorrelationen und andere Fährnisse methodisch (!) auseinander gehalten werden.
2.
suelzer 10.12.2015
Armut macht unglücklich und folglich krank. Armut bereitet nicht enden wollende Sorgen, die machen krank und unglücklich. Das alles verkürzt das Leben. Es ist ein Trugschluss, dass Menschen, nur weil sie arm sind, auch zwangsläufig ungesund leben, also rauchen, Drogen nehmen oder trinken. Ich habe eine Menge hochqualifizierter überbezahlter Kollegen*innen. Die ernähren sich vielleicht abwechslungsreicher, weil sie sich von Müsli über Biokalb bis Biokaviar alles leisten, aber gesünder leben sie nicht. Eher im Gegenteil: Stress, Intrigen, aufputschende Drogen, vor allem ist so mancher ein elender durchgeknallter Kokser, Alkohol zu jeder Gelegenheit, Spielsucht, Sexsucht und vieles mehr. Trotzdem leben die länger, sind seltener krank, weil sie eben KEINE existentiellen Ängste und Sorgen haben, denn sie sind wohlhabend. Arme Menschen können sich solchen Dreck wie Kokain auch gar nicht leisten.
3. nur eine
freiheitimherzen 10.12.2015
"Die Forscher nehmen an, dass dies auf einer Verzerrung beruht." Nur eine? Bei der Beschreibung ist nicht auszuschließen, daß es sich hier um mehrere Verzerrungen beim Versuchsaufbau handelt. Da scheint schon die Fragestellung anfällig für Verwirrung zu sein: Was ist zuerst da, die Unzufriedenheit oder das ungesunde Verhalten? Ist schon peinlich wie Statistik bei solchen Fragenstellungen mißbraucht wird - und niemand wundert sich über reichlich dilletantische Versuche bzw. Umfragen. Leider ist mir entfallen, wer gesagt haben soll: "Kein guter Philosoph, der nicht auch ein guter Mathematiker ist". Zumindest beim systematischen Aufarbeiten eines Themas wäre das sicherlich hilfreich. Viele Grüße
4.
D_v_T 10.12.2015
Ursache und Wirkung werden doch offenbar in so vielen, gerade soziologischen Studien vertauscht. Ich verstehe nicht warum da die Studienleiter nicht stärker darauf achten. Aber diese sind natürlich auch darauf angewiesen hin und wieder mal ein Ergebnis präsentieren zu können.
5. Glücklich und ungesund vs. unglücklich aber gesund
la_penna 10.12.2015
Ich finde die Schlußfolgerung "Glück verlängert nicht das Leben" irreführend. Die "Einschätzung der eigenen Gesundheit" muss verzerrt sein. Ein unglücklicher Mensch wird sich sehr wahrscheinlich nicht gut fühlen. Andersherum kann ein ein glücklicher Mensch sich gesund fühlen, ist es aber nicht. Der medizinisch bestätigte Vergleichswert fehlt hier. Um sagen zu können "Glück verlängert nicht das Leben" hätte man medizinisch erwiesen gesunde glückliche Menschen und medizinisch erwiesen gesunde aber unglückliche Menschen vergleichen müssen. Das Ergebnis ahnen wir auch! Die (noch)gesunden Unglücklichen werden krank und ihre Lebenszeit könnte sich verkürzen. Während die gesunden Glücklichen ihre Lebenserwartung halten, wenn nicht gar verlängern, da sie weniger krankheitsanfällig sind als unglückliche Menschen. Das funktioniert bestimmt auch bei Männern so!
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