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Nach EU-Bewertung: Wissenschaftler schreiben Glyphosat-Protestbrief

Ein Landwirt spritzt Glyphosat aufs Feld (Archivbild): Auch in Deutschland großflächig eingesetzt Zur Großansicht
AP

Ein Landwirt spritzt Glyphosat aufs Feld (Archivbild): Auch in Deutschland großflächig eingesetzt

Ist Glyphosat doch krebserregend? Viele Forscher wollen sich mit der Entwarnung der EU-Behörde Efsa nicht abfinden. In einem offenen Brief kritisieren sie den EU-Bericht als "wissenschaftlich unakzeptabel".

Der Streit um das auch in Deutschland großflächig eingesetzte Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat geht in die nächste Runde. Die EU-Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa) hatte den Stoff kürzlich als "wahrscheinlich nicht krebserregend" eingestuft. Jetzt kritisieren knapp hundert internationale Forscher die Bewertung in einem offenen Brief, berichtet die "Süddeutsche Zeitung". Auch gegen das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) erhoben die Wissenschaftler schwere Vorwürfe.

Die Analyse der deutschen Behörde sowie die darauf aufbauende Bewertung der Efsa enthalte schwerwiegende Mängel, schrieben die Forscher dem Bericht zufolge. Sie sei in Teilen "wissenschaftlich unakzeptabel", und die Ergebnisse seien "durch die vorliegenden Daten nicht gedeckt". In dem Brief an EU-Gesundheitskommissar Vytenis Andriukaitis fordern die Wissenschaftler demnach die EU-Kommission auf, bei ihren Entscheidungen "die fehlerhafte Bewertung der Efsa nicht zu beachten".

Die Zulassung für Glyphosat läuft in der Europäischen Union nächsten Sommer aus, für die Hersteller geht es um Milliardenumsätze. Für eine neue Genehmigung müssen die Risiken des Unkrautvernichters neu bewertet werden. Ob das Mittel weiter eingesetzt werden kann, entscheidet die EU-Kommission. Dabei wird sie sich auf das Urteil des Efsa-Berichts stützen.

Weltweit am meisten verkauftes Pestizid

Die Risiken des weltweit am meisten verkauften Pestizids sind umstritten, seit die Krebsagentur der Weltgesundheitsorganisation (WHO) den Wirkstoff im Frühjahr als "wahrscheinlich krebserregend für Menschen" bewertet hat. Auch Umweltschützer halten den Stoff für hochgiftig und fordern seit Jahren ein Verbot von Glyphosat.

Koordinator des offenen Briefes der Wissenschaftler ist der "Süddeutschen Zeitung" zufolge der Krebsforscher Christopher Portier, Ex-Direktor des US National Toxicology Program, einer wichtigen Einrichtung der US-Regierung zur Chemikalien-Prüfung. Unter den 96 Unterzeichnern befinden sich demnach auch weitere anerkannte Wissenschaftler, die für renommierte Organisationen arbeiten, etwa das Krebsforschungszentrum Heidelberg, die Leibniz-Gesellschaft sowie Universitäten in den USA, Australien oder Japan.

Die Forscher aus 25 Ländern weisen aber ausdrücklich darauf hin, dass sie für sich selbst sprechen, nicht für ihre Institutionen. Der offene Brief soll am Dienstag in Brüssel übergeben werden.

Das BfR wies die Vorwürfe der 96 Forscher auf Anfrage der "Süddeutschen Zeitung" zurück. Die deutsche Behörde hat nach eigenen Angaben mehr als tausend Studien, Dokumente und Veröffentlichungen ausgewertet und sich auch der Monografie der Krebsagentur gewidmet. Trotzdem gehen die Meinungen der Experten in entscheidenden Punkten auseinander.

irb/AFP

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1.
ackergold 30.11.2015
Wer behauptet, Glyphosat sei definitv nicht giftig, der kann es ja problemlos essen. Ich persönlich möchte nicht, dass mir das Zeugs untergeschoben wird und das bitte ich zu respektieren.
2. warten Sie ab...
robin66 30.11.2015
bis CETA und TTIP abgeschlossen sind, dann wird Ihnen das Zeug nicht nur untergeschoben. Dann ist es auch egal, wie krebserregend es tatsächlich ist. Dann ist ein eventuelles Verbot schlicht ein Handelshindernis, Monsanto verklagt die EU auf beliebig viele Milliarden Schadenersatz, eine geheime Bande von drei gekauften Anwälten fällt das Urteil, Berufung gibt es nicht, Kündigung auch nicht. Sie und ich werden gezwungen, entweder das Zeug zu essen oder, wenn wir nicht vergiftet werden wollen, viel, viel Geld dafür zu bezahlen. Es "lebe" der Freihandel!
3. Man sollte sich in einigen Jahren einmal die ...
docmillerlulu 30.11.2015
... Lebensläufe der Beteiligten anschauen. Der werden viele Beraterverträge oder neue Positionen in der Privatwirtschaft haben. Mein persönlicher Tipp wären firmennahe Institute oder Stiftungen/Verbände. So krass wie die epidemische Studien verworfen haben, das ist schon arrogant. Die Studien wurden von Wissenschaftlern gemacht die deutlich mehr Kompetenz haben als diese Angestellten. Das nächste mal wird es einfacher werden, da werden der Ersteller kritische Studien von einem Hamburger Gericht wegen Verleumdung zur Zahlung von 40 Mio Schadensersatz verklagt. Es wird nicht mehr lange dauern dann werden die Konzerne offen die Politik machen. Wenn es dumm läuft wird dann auch noch falsch Wählen abgemahnt - wegen Geschäftsschädigung.
4. Selbstversuch wäre wohl angebracht...
Rollerfahrer 30.11.2015
Alle Wissenschaftler, die sich der Gefährdungsbehauptung entgegenstellen, hätten leich die Möglichkeit der dokumentierten persönlichen Aussetzung des Stoffes. Die angewandte Menge wäre dann auch ein gutes Zeichen der persönlichen Sicherheit der entsprechenden Forscher. Ich wäre ja dafür ein solches Verfahren zu etablieren!
5. Lobbyarbeit = 1, Ergebnis = 6
merlin 2 30.11.2015
Das kommt, wenn Behörden die Testergebnisse aus den Studien der Wirtschaft abschreiben. Das ist auch im Kern die Kritik der Wissenschaftler. Es ist schlicht zum K..., wie naiv die Behörden den Lobbyisten auf den Leim gegangen sind und es fortwährend tun. Die Antwort, bisher sind die Risiken nicht "konkret" bewiesen und deshalb kann man es bedenkenlos einsetzen, grenzt an Schwachsinn. Die Amis haben die A-Bombe damals auch als genial bezeichnet, bis die ersten Strahlenopfer identifiziert wurden. Gleiches Schema, man hat es erst nicht beweisen können. Nach dem Schema muß erst immer was richtig dumm gelaufen sein, bevor wir als Menschen lernen. Was für eine dumme Welt!
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