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31. August 2018, 20:54 Uhr

Mehr Daten, mehr Diagnosen

Google will die Medizin revolutionieren

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Krankheiten früher erkennen dank Algorithmen und künstlicher Intelligenz - so will Google die Medizin zur Datenwissenschaft machen. Aber hilft das auch den Patienten?

Wenn Google sich entschließt, ein neues Feld zu erobern, ist meist viel Geld im Spiel: Rund 40 Kilometer nördlich des Konzernhauptquartiers steht an der Bucht von San Francisco ein fünfstöckiges Karree aus Stahl und grünem Glas. Ein neuer Forschungscampus, groß wie eine gut ausgestattete Uniklinik, mit zahllosen Labors hinter Sichtschutzglas und Sicherheitsschleusen. In der Lobby wächst Gras die Wände hoch. Von hier aus will Google die Medizin revolutionieren.

Verily heißt der Gesundheitsableger des Internetkonzerns. Startkapital - nur für den Anfang: rund eine Milliarde Dollar. Fast 1000 Wissenschaftler forschen hier inzwischen an neuen Biosensoren, Medizinrobotern, Medikamenten und an Krankheiten wie Diabetes, Krebs und Depressionen. "Unsere Mission ist, die Gesundheitsdaten der Welt nutzbar zu machen, damit wir gesünder leben können", sagt Jessica Mega, Chefmedizinerin des Google-Ablegers. Sie ist eine der führenden Kardiologinnen der USA, war Professorin an der Harvard Medical School.

Mehr Daten, mehr Diagnosen

Mega soll die zahlreichen Forschungsansätze zusammenführen, um die großen Pläne des Internetriesen von einer grundsätzlich anderen Gesundheitsversorgung zu realisieren: einer datenbasierten, "proaktiven Medizin", in der Maschinen fast rund um die Uhr mit biologischen Informationen gefüttert werden und kluge Software nach Anzeichen von Krankheit sucht.

Die Konzernstrategen sind überzeugt: Medizin sei am Ende vor allem eine Datenwissenschaft und deswegen reif dafür, durch neue digitale Instrumente revolutioniert zu werden - entwickelt von Google. "Wir wollen eine grundlegende Infrastruktur erschaffen, um dem Arzt einen zeitnahen und gleichzeitig kontinuierlichen Einblick in den Gesundheitszustand des Patienten zu ermöglichen", sagt Mega.

Die Google-Chefmedizinerin stellt sich die neue datenbasierte Gesundheitswelt so vor: "Körpersensoren können zum Beispiel messen, dass ich seit einiger Zeit viel länger die Treppe hoch brauche und dass ich dabei eine Seite mehr belaste." Die Datenanalyse erkenne darin ein sich anbahnendes Knieproblem und warne den Patienten. "Wenn der Arzt darüber rechtzeitig informiert wird, könnte man das noch mit Physiotherapie in den Griff bekommen statt später mit einer Operation."

Mediziner allerdings warnen, dass zu viele Daten auch Probleme mit sich bringen. Denn umso mehr Informationen vorhanden sind, desto mehr mögliche Schlussfolgerungen und Verbindungen gibt es. Der Datenwust macht es Ärzten im Zweifel schwer - und kann zu Fehlern führen.

Auch Gerd Antes, Biometriker und Direktor des Deutschen Cochrane Zentrums am Universitätsklinikum Freiburg, meint: "Mehr Daten allein machen keine bessere Medizin." Er sieht große Gefahren durch sogenannte falsch positive Ergebnisse, bei denen die digitalen Sensoren und Algorithmen Alarm schlagen, obwohl gar kein gesundheitliches Problem vorliegt. "Die Forschung zeigt", sagt Antes, "dass mit mehr Daten auch das Potenzial für solche Fehldiagnosen dramatisch wachsen kann." Die Folge: Übertherapie. Der Patient wird gegen etwas behandelt, was er gar nicht hat.

Der Freiburger Experte bemängelt eine "geradezu religiös anmutende Verehrung technischer Möglichkeiten und großer Datenmengen". Eine vor allem an Daten orientierte Medizin könne zwar sinnvoll sein, "aber es fehlt bislang an überzeugenden Beispielen". Konzerne wie Google sollten ihre Wege offenlegen und diese als "experimentell" kennzeichnen.

Doch Transparenz hat bei Verily nicht unbedingt oberste Priorität. Weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit will die Firma mit neuen digitalen Messinstrumenten und Algorithmen auch Genanalysen ermöglichen und für jeden Patienten einen digitalen Phänotyp erstellen, "geschaffen aus Dateninput von zahlreichen Sensoren, die verknüpft werden mit bestimmten Krankheitsbildern". Am Ende soll daraus eine neue medizinische Plattform entstehen, eine Art global zugängliche Gesundheitsanalyse-Maschine, die von Krankenhäusern, Pharmafirmen und Ärzten genutzt werden könnte.

Funktionieren wird diese Welt der digitalen Zukunftsmedizin jedoch nur, wenn sie mit Unmengen persönlicher Gesundheitsdaten gefüttert wird, mit DNA-Analysen, kompletten Krankenakten und immer größeren Informationsschätzen aus klinischen Studien und Forschungsprojekten.

Aber ist ausgerechnet Google das richtige Unternehmen, um nun auch noch Zugriff auf hochsensible Medizinformationen zu bekommen? Ausgerechnet jener Konzern, der bereits so viele unserer persönlichen Daten sammelt?

Was genau hinter den Kulissen mit den medizinischen Informationsströmen passiert, wozu die Informationen genutzt werden, ist für den Patienten nicht zu durchschauen. Genauso könnten auch Krankenkassen die neue Medizinplattform nutzen, um zu analysieren, welche Patienten sie gern und welche sie nicht mehr versichern wollen.

Wie (un-)sicher sind die Daten?

Hinzu kommt die Gefahr durch Hackerangriffe: Theresa Payton, ehemals Chief Information Officer des Weißen Hauses und nun Chefin der Cybersecurity-Firma Fortalice, prognostiziert, dass Gesundheitsdaten und medizinische Informationen immer mehr zum Ziel von Hackern werden.

Im Video: Medizin der Zukunft - Zwischen Handwerk und Hightech


Die meisten Deutschen sind dennoch offenbar der Meinung, dass es sich lohnen könnte, auch sensible Gesundheitsdaten zu verwenden, wenn damit bessere Therapieerfolge erzielt werden können. 71 Prozent würden einer Umfrage aus dem Jahr 2016 im Auftrag der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers zufolge ihre Daten zur Verfügung stellen. Gleichzeitig aber sorgten sich zwei Drittel der Befragten, dass ihre Gesundheitsdaten missbraucht werden könnten.

Jessica Mega plädiert dafür, der Datenmedizin zumindest eine Chance zu geben: "Es gibt so viele bislang ungenutzte biologische und medizinische Informationen, die uns Ärzten helfen könnten, Patienten besser zu behandeln."

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