Mehr Daten, mehr Diagnosen Google will die Medizin revolutionieren

Krankheiten früher erkennen dank Algorithmen und künstlicher Intelligenz - so will Google die Medizin zur Datenwissenschaft machen. Aber hilft das auch den Patienten?

Getty Images/Blend Images RM

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Wenn Google sich entschließt, ein neues Feld zu erobern, ist meist viel Geld im Spiel: Rund 40 Kilometer nördlich des Konzernhauptquartiers steht an der Bucht von San Francisco ein fünfstöckiges Karree aus Stahl und grünem Glas. Ein neuer Forschungscampus, groß wie eine gut ausgestattete Uniklinik, mit zahllosen Labors hinter Sichtschutzglas und Sicherheitsschleusen. In der Lobby wächst Gras die Wände hoch. Von hier aus will Google die Medizin revolutionieren.

Verily heißt der Gesundheitsableger des Internetkonzerns. Startkapital - nur für den Anfang: rund eine Milliarde Dollar. Fast 1000 Wissenschaftler forschen hier inzwischen an neuen Biosensoren, Medizinrobotern, Medikamenten und an Krankheiten wie Diabetes, Krebs und Depressionen. "Unsere Mission ist, die Gesundheitsdaten der Welt nutzbar zu machen, damit wir gesünder leben können", sagt Jessica Mega, Chefmedizinerin des Google-Ablegers. Sie ist eine der führenden Kardiologinnen der USA, war Professorin an der Harvard Medical School.

Mehr Daten, mehr Diagnosen

Mega soll die zahlreichen Forschungsansätze zusammenführen, um die großen Pläne des Internetriesen von einer grundsätzlich anderen Gesundheitsversorgung zu realisieren: einer datenbasierten, "proaktiven Medizin", in der Maschinen fast rund um die Uhr mit biologischen Informationen gefüttert werden und kluge Software nach Anzeichen von Krankheit sucht.

Die Konzernstrategen sind überzeugt: Medizin sei am Ende vor allem eine Datenwissenschaft und deswegen reif dafür, durch neue digitale Instrumente revolutioniert zu werden - entwickelt von Google. "Wir wollen eine grundlegende Infrastruktur erschaffen, um dem Arzt einen zeitnahen und gleichzeitig kontinuierlichen Einblick in den Gesundheitszustand des Patienten zu ermöglichen", sagt Mega.

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Die Google-Chefmedizinerin stellt sich die neue datenbasierte Gesundheitswelt so vor: "Körpersensoren können zum Beispiel messen, dass ich seit einiger Zeit viel länger die Treppe hoch brauche und dass ich dabei eine Seite mehr belaste." Die Datenanalyse erkenne darin ein sich anbahnendes Knieproblem und warne den Patienten. "Wenn der Arzt darüber rechtzeitig informiert wird, könnte man das noch mit Physiotherapie in den Griff bekommen statt später mit einer Operation."

Mediziner allerdings warnen, dass zu viele Daten auch Probleme mit sich bringen. Denn umso mehr Informationen vorhanden sind, desto mehr mögliche Schlussfolgerungen und Verbindungen gibt es. Der Datenwust macht es Ärzten im Zweifel schwer - und kann zu Fehlern führen.

Auch Gerd Antes, Biometriker und Direktor des Deutschen Cochrane Zentrums am Universitätsklinikum Freiburg, meint: "Mehr Daten allein machen keine bessere Medizin." Er sieht große Gefahren durch sogenannte falsch positive Ergebnisse, bei denen die digitalen Sensoren und Algorithmen Alarm schlagen, obwohl gar kein gesundheitliches Problem vorliegt. "Die Forschung zeigt", sagt Antes, "dass mit mehr Daten auch das Potenzial für solche Fehldiagnosen dramatisch wachsen kann." Die Folge: Übertherapie. Der Patient wird gegen etwas behandelt, was er gar nicht hat.

Der Freiburger Experte bemängelt eine "geradezu religiös anmutende Verehrung technischer Möglichkeiten und großer Datenmengen". Eine vor allem an Daten orientierte Medizin könne zwar sinnvoll sein, "aber es fehlt bislang an überzeugenden Beispielen". Konzerne wie Google sollten ihre Wege offenlegen und diese als "experimentell" kennzeichnen.

Doch Transparenz hat bei Verily nicht unbedingt oberste Priorität. Weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit will die Firma mit neuen digitalen Messinstrumenten und Algorithmen auch Genanalysen ermöglichen und für jeden Patienten einen digitalen Phänotyp erstellen, "geschaffen aus Dateninput von zahlreichen Sensoren, die verknüpft werden mit bestimmten Krankheitsbildern". Am Ende soll daraus eine neue medizinische Plattform entstehen, eine Art global zugängliche Gesundheitsanalyse-Maschine, die von Krankenhäusern, Pharmafirmen und Ärzten genutzt werden könnte.

Funktionieren wird diese Welt der digitalen Zukunftsmedizin jedoch nur, wenn sie mit Unmengen persönlicher Gesundheitsdaten gefüttert wird, mit DNA-Analysen, kompletten Krankenakten und immer größeren Informationsschätzen aus klinischen Studien und Forschungsprojekten.

Aber ist ausgerechnet Google das richtige Unternehmen, um nun auch noch Zugriff auf hochsensible Medizinformationen zu bekommen? Ausgerechnet jener Konzern, der bereits so viele unserer persönlichen Daten sammelt?

Was genau hinter den Kulissen mit den medizinischen Informationsströmen passiert, wozu die Informationen genutzt werden, ist für den Patienten nicht zu durchschauen. Genauso könnten auch Krankenkassen die neue Medizinplattform nutzen, um zu analysieren, welche Patienten sie gern und welche sie nicht mehr versichern wollen.

Wie (un-)sicher sind die Daten?

Hinzu kommt die Gefahr durch Hackerangriffe: Theresa Payton, ehemals Chief Information Officer des Weißen Hauses und nun Chefin der Cybersecurity-Firma Fortalice, prognostiziert, dass Gesundheitsdaten und medizinische Informationen immer mehr zum Ziel von Hackern werden.

Im Video: Medizin der Zukunft - Zwischen Handwerk und Hightech

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Die meisten Deutschen sind dennoch offenbar der Meinung, dass es sich lohnen könnte, auch sensible Gesundheitsdaten zu verwenden, wenn damit bessere Therapieerfolge erzielt werden können. 71 Prozent würden einer Umfrage aus dem Jahr 2016 im Auftrag der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers zufolge ihre Daten zur Verfügung stellen. Gleichzeitig aber sorgten sich zwei Drittel der Befragten, dass ihre Gesundheitsdaten missbraucht werden könnten.

Jessica Mega plädiert dafür, der Datenmedizin zumindest eine Chance zu geben: "Es gibt so viele bislang ungenutzte biologische und medizinische Informationen, die uns Ärzten helfen könnten, Patienten besser zu behandeln."



insgesamt 16 Beiträge
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Seite 1
opinio... 31.08.2018
1. klingt verlockend,
aber eine richtige Diagnose zu stellen erfordert bei vielen Erkrankungen dann doch mehr als logische Verknüpfung von Daten. Bei einer Vielzahl von Krankheiten, unterstützt Google schon jetzt wenigstens die Eigendiagnose und spart oft den Doktor. Leider sind es auch wieder die englischen/amerikanischen Seiten, die besonders hilfreich sind. Woran mag das wohl liegen? Sicher nicht am langsamen Netz in D!
grailmaster 31.08.2018
2. Google's Konkurrent viel spannender
Andere Startups sind da schon viel weiter; bringen zu den Datenanalysen auch Datensicherheit, so z.B. Shivom. Die Zukunft ist schon lange da.
Strangelove 31.08.2018
3.
Zitat von opinio...aber eine richtige Diagnose zu stellen erfordert bei vielen Erkrankungen dann doch mehr als logische Verknüpfung von Daten. Bei einer Vielzahl von Krankheiten, unterstützt Google schon jetzt wenigstens die Eigendiagnose und spart oft den Doktor. Leider sind es auch wieder die englischen/amerikanischen Seiten, die besonders hilfreich sind. Woran mag das wohl liegen? Sicher nicht am langsamen Netz in D!
Das Internet ist bei evtl. ernsthaften Erkrankungen oft nur scheinbar hilfreich. Es kann auch unnötige Ängste hervorrufen und die Erkrankten dann im schlimmsten Fall in die Depression treiben und ein Meiden des Artzbesuchs hervorrufen. Und meine Erfahrung ist mit deutschsprachigen Webseiten eher positiv als mit englischsprachigen die oft reißerischer sind. Hauptproblem mit Dr. google sind aber viele Seiten die unwissenschaftlich sind und viel Unsinn verbreiten und eben auch unnötige Angst. Hauptproblem des reinen Logikansatzes ist dass Menschen keine Maschinen sind und man erst mal verstehen muss wie das einzelne Individuum tickt. Dafür würde ich mich aber nie rund um die Uhr überwachen lassen. Da müsste ja jede Nahrungsaufnahme (am besten noch was man isst) und -ausscheidung getrackt werden, incl. meinem Liebesleben etc. um wirklich zu wissen was los ist und warum das Herz schneller schlägt. Nein danke, da verzichte ich auf ein paar vielleicht mal mögliche Lebensjahre und versuche selber wahrzunehmen wenn was nicht stimmt. Bislang klappte das auch ganz gut auch wenn man manchmal die Ärzte erst überzeugen muss dass etwas wirklich nicht stimmt.
doitwithsed 01.09.2018
4.
Zitat von grailmasterAndere Startups sind da schon viel weiter; bringen zu den Datenanalysen auch Datensicherheit, so z.B. Shivom. Die Zukunft ist schon lange da.
Nicht das beste setzt sich am Markt durch, sondern das mit der größten Marktmacht. Bestenfalls werden diese StartUps von den Großen einverleibt, in der Regel aber von der puren Marktmacht eines Schwergewichts wie Google erdrückt und marginalisiert.
holtadipolta 01.09.2018
5. big data
Zitat von StrangeloveDas Internet ist bei evtl. ernsthaften Erkrankungen oft nur scheinbar hilfreich. Es kann auch unnötige Ängste hervorrufen und die Erkrankten dann im schlimmsten Fall in die Depression treiben und ein Meiden des Artzbesuchs hervorrufen. Und meine Erfahrung ist mit deutschsprachigen Webseiten eher positiv als mit englischsprachigen die oft reißerischer sind. Hauptproblem mit Dr. google sind aber viele Seiten die unwissenschaftlich sind und viel Unsinn verbreiten und eben auch unnötige Angst. Hauptproblem des reinen Logikansatzes ist dass Menschen keine Maschinen sind und man erst mal verstehen muss wie das einzelne Individuum tickt. Dafür würde ich mich aber nie rund um die Uhr überwachen lassen. Da müsste ja jede Nahrungsaufnahme (am besten noch was man isst) und -ausscheidung getrackt werden, incl. meinem Liebesleben etc. um wirklich zu wissen was los ist und warum das Herz schneller schlägt. Nein danke, da verzichte ich auf ein paar vielleicht mal mögliche Lebensjahre und versuche selber wahrzunehmen wenn was nicht stimmt. Bislang klappte das auch ganz gut auch wenn man manchmal die Ärzte erst überzeugen muss dass etwas wirklich nicht stimmt.
Ich gebe Ihnen recht: Im Internet steht sehr viel Mist und es ist beim Stellen einer Diagnose nicht wirklich hilfreich. Kann es auch garnicht, da zu einer Diagnose nicht nur die einzelnen Symptome gehören, sondern auch deren Bewertung und Häufigkeit - außerdem eine körperliche Untersuchung und oft weitere Diagnostik wie z.B. Bildbebung. Und das Problem der unzuverlässigen Quellen haben sie schon genannt. Ich finde den Ansatz von "big data" ziemlich naiv. Das Beispiel mit dem frühzeitigen Erkennen von Arthrose überzeugt nicht wirklich. Die eigentlichen Herausforderungen in der Medizin sind ganz andere wie z.B. Krebserkrankungen, Demenz, HIV. Ob z.B. bei der Früherkennung von Malignomen oder bei der Therapie von Demenz oder Querschnitslähmung big data helfen kann, wage ich zu bezweifeln.
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