Grippewelle Wo Deutschland schnieft und schnupft

Fieber, Husten, Schüttelfrost: Die Grippewelle plagt Deutschland. Wo ist es besonders schlimm? Was bringt eine Impfung? Alle wichtigen Fakten zum Influenzavirus.

Influenzavirus: Der Erreger wechselt häufig die Strategie
REUTERS/ CDC

Influenzavirus: Der Erreger wechselt häufig die Strategie

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Die Büroplätze bleiben leer, auch in Kitas und Schulen steigt der Krankenstand: Deutschland ist mittendrin in der Influenza-Saison.

Seit der 2. Kalenderwoche 2016 herrscht die diesjährige Grippewelle, von Woche zu Woche nehmen die Erkrankungszahlen zu. Für die 7. Kalenderwoche wurden 3081 laborbestätigte Influenzafälle an das Robert Koch-Institut (RKI) in Berlin übermittelt, seit Oktober hat sich die Fallzahl auf 13.290 bestätigte Influenzafälle summiert.

Zwar gibt es bislang deutlich weniger Grippekranke als im vergangenen Jahr: Mit 6351 klinisch-labordiagnostisch bestätigten Erkrankungen lag die Zahl in der vorangehenden Saison weitaus höher. Allerdings ist die aktuelle Grippewelle jetzt schon stärker als die vor zwei Jahren. Die Symptome: hohes Fieber, Schüttelfrost, Kopf- und Gliederschmerzen sowie ein starkes Krankheitsgefühl.

Die Unterschiede zwischen einer Erkältung und der Grippe sehen Sie hier:

Für eine Großansicht bitte auf das Schaubild klicken.  Quellen: Robert Koch-Institut, "Internisten im Netz" und Gesundheitsinformation.de
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Quellen: Robert Koch-Institut, "Internisten im Netz" und Gesundheitsinformation.de

Die Epidemiologin Silke Buda vom Fachgebiet für respiratorisch übertragbare Erkrankungen des RKI beobachtet die Entwicklung aufmerksam: Jeden Tag überprüft sie die Diagramme mit den virologischen Daten des nationalen Referenzzentrums für Influenza, das die Zirkulation der Viren überwacht und die Erreger identifiziert und typisiert. Gleichzeitig schaut sie zu, wie sich die Deutschlandkarte durch die zunehmende Zahl von Atemwegserkrankungen immer weiter grün, gelb und rot verfärbt.

Wo breiten sich die Influenzaviren besonders stark aus?

Von Woche zu Woche nehmen die Infekte mit Influenzaviren zu, aber auch mit Rhino- und Adenoviren, die zwar keine echte Grippe, aber Schnupfen, Husten und Fieber auslösen können. Mit den Erregern breiten sich auch die farbigen Flecken über das Land aus: Deutschland schnupft, schnieft - und färbt sich rot.

Quelle: Robert Koch-Institut

Die Lieblingszeit der Grippe

Warum sich die Grippe im Winter so stark verbreitet, ist Wissenschaftlern noch unklar. "Das Wetter könnte ein Faktor sein", sagt Buda, "und vielleicht trocknet die Heizungsluft unsere Mund- und Nasenschleimhaut zu stark aus." Zudem hocken die Menschen dichter beieinander, halten sich mehr in geschlossenen Räumen auf. Ideale Bedingungen für ein Virus, das sich über Tröpfcheninfektion von Mensch zu Mensch verbreitet. Aber ob die Grippeerreger bei bestimmten Wetterlagen länger überleben oder dann über die Luft besser übertragbar sind, wissen auch die RKI-Forscher nicht. "Wir sind ja keine Meerschweinchen, die man nebeneinandersetzen könnte, um dann zu überprüfen, bei welcher Temperatur oder Luftfeuchtigkeit wir uns am ehesten infizieren."

Dass sich die Grippe ab Januar häuft, liegt aber nicht daran, dass unser Immunsystem nach einigen Wintermonaten schlapper ist: "Das ist Unfug", sagt Osamah Hamouda, Leiter der Abteilung Infektionsepidemiologie am RKI. Es werde weder durch zu viele Impfungen noch durch zu viele Erreger überlastet. Entscheidend sei die Frage, ob unser Immunsystem seinen Gegenspieler und dessen Strategie schon kenne, und wie viele infektiöse Menschen in unserer Umgebung seien. "Der Erreger muss in Fahrt kommen", sagt Hamouda. "Wenn die Grippewelle gerade anfängt, sind nur wenige infiziert und je weiter das fortschreitet, umso mehr werden krank und können wiederum andere anstecken." So steigt die Kurve in jeder Saison zum Jahresende an, um etwa im Januar, Februar den Infekthöchststand zu erreichen.

Das folgende Diagramm zeigt, wie viele Menschen in den vergangenen Jahren wegen einer Grippe zum Arzt mussten. Da die Epidemiologen diese Werte aus einer Stichprobe hochgerechnet haben, sind sie mit einer gewissen Unsicherheit verbunden. Die Säulen in der Grafik bewegen sich innerhalb dieses Unsicherheitsbereichs, den die Fachleute Konfidenzintervall nennen. Darin liegt nach ihrer Berechnung mit einer Wahrscheinlichkeit von 95 Prozent das wahre Ergebnis.

Und noch etwas lässt sich aus den Daten ablesen: "Man sieht eine Art zweijähriges Muster, dass sich die schwachen mit den starken Influenzawellen abwechseln", sagt Buda.

Wie gut wirkt die Impfung?

In dieser Saison passt der Impfstoff gut zu den aktuell zirkulierenden Virustypen: vor allem zu dem bisher am häufigsten nachgewiesenen H1N1-Virus, dem als Schweinegrippe bekannten Subtyp der Influenza A, der im Jahr 2009 die Pandemie auslöste und seitdem saisonal zirkuliert. Vor allem Menschen der mittleren Altersgruppen zwischen 15-59 Jahren sind betroffen, sie haben bei diesem Subtyp ein etwas höheres Risiko für eine schwere Infektion. Generell sind schwere Krankheitsverläufe in dieser Altersgruppe aber sehr selten. Laut Silke Buda haben ältere Erwachsene eher bei Zirkulation des H3N2-Virus ein erhöhtes Risiko. Dieser Subtyp war in der Saison 2014/2015 besonders häufig aufgetreten und hatte die vergangene schwere Grippewelle verursacht.

Die Epidemiologen beobachten aber momentan noch etwas anderes: "Seit der 5. Kalenderwoche steigt der Anteil an Influenza B unter allen Influenzanachweisen kontinuierlich an", sagt Buda. In der 7. Kalenderwoche waren es bereits mehr Influenza B- als Influenza-A-Viren. Das sei aber nicht ungewöhnlich für eine Grippewelle, so Buda. "Häufig zirkulieren zu Beginn vermehrt Influenza-A-Viren und im Verlauf der Grippewelle dann mehr Influenza B."

Wer ist besonders anfällig?

Ein Blick auf die Altersverteilung zeigt deutlich eine besonders influenzanfällige Altersgruppe: die 0- bis 4-Jährigen. Von 100.000 Kindern aus dieser Altersgruppe mussten in der Saison 2014/2015 etwa 11.000 Jungen und Mädchen zum Arzt, im Vergleich zu etwa 9000 Personen pro Woche in der Altersgruppe der 35- bis 59-Jährigen.

Allerdings ist die jüngste Altersgruppe mit etwa 3,4 Millionen auch die kleinste in der Alterseinteilung der AG Influenza des RKI. Wenn man die Arztbesuche nicht pro 100.000 Personen, sondern auf die Zahl der Menschen in der jeweiligen Altersgruppe in Deutschland hochrechnet, schätzen die Influenza-Experten, dass während der Dauer der sehr starken Grippewelle 2014/15 insgesamt 370.000 Kleinkinder und 2,7 Millionen 35- bis 59-Jährige wegen einer Grippe in einer Arztpraxis waren.

Auch Schulkinder und junge Erwachsene erkranken häufig an Influenza. "Kleinkinder und Schulkinder haben in Kitas und Schule einen sehr viel engeren Kontakt, stecken sich also auch viel leichter an", sagt Buda. Und: Besonders bei den unter 5-Jährigen ist das Immunsystem noch nicht gut trainiert, ihre Infektanfälligkeit ist sowieso insgesamt höher. "Kinder sind der Motor der Influenza", sagt Buda. Sie tragen die Infekte in den Rest der Bevölkerung.

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DPA

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Aus diesem Grund empfiehlt die US-amerikanische Gesundheitsbehörde CDC seit 2003, Kinder ab sechs Monaten gegen Influenza zu impfen. Und dabei geht es ihnen nicht nur um die Gesundheit der Kinder, sondern auch um die der Bevölkerung. So schätzen Forscher in mathematischen Modellrechnungen für Deutschland (zu den Abstracts der Studien über diesen und diesen Link), dass sich durch die Impfung von Kindern ab zwei Jahren in den folgenden zehn Jahren 23,9 Millionen Influenza-Infektionen verhindern ließen. Das würde bedeuten, dass sich einer von drei Erwachsenen erst gar nicht ansteckt.

Cornelius Remschmidt warnt aber vor voreiligen Schlüssen. "Das sind vereinfachte Modellierungsergebnisse, mit denen versucht wird, ein sehr komplex ablaufendes Infektionsgeschehen abzubilden", sagt der Epidemiologe aus der Fachgruppe Impfprävention. "Die Ergebnisse hängen immer davon ab, welche Daten man in die Berechnung einfüttert - beispielsweise Impfeffektivität und Impfquoten." Er gibt zu Bedenken, dass möglicherweise trotz Impfempfehlung ein geringerer Teil der Kinder geimpft werden würde, als in den Berechnungen angenommen wird, und dass beispielsweise die Wirkung der Influenzaimpfung von Jahr zu Jahr schwankt.

Wer sollte sich impfen lassen?

Denn das Virus ist ein geschickter Gegner. Es verändert sich von Jahr zu Jahr, so dass wir, selbst wenn wir daran erkranken, keine lebenslange Immunität entwickeln. So kann es durchaus passieren, dass wir in zwei aufeinanderfolgenden Jahren mit Fieber und Schniefnase im Bett liegen.

Die Ständige Impfkommission (Stiko) empfiehlt die jährliche Impfung vor allem für Menschen über 60 Jahren, sowie Menschen mit einer chronischen Krankheit oder Personen, die einer besonderen Gefährdung ausgesetzt sind. Denn ein höheres Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf haben besonders Personen mit einer bestehenden Grunderkrankung jeden Alters, aber auch die Allerjüngsten und ältere Menschen.

Und auch wenn sie selbst nicht zu einer Risikogruppe gehört, ist Silke Buda auch dieses Jahr gewappnet, und hat sich im Rahmen der Betriebsärztlichen Gesundheitsvorsorge des RKI gegen Influenza impfen lassen.

Serie Infektionskrankheiten
In loser Reihenfolge stellen wir sieben wichtige Infektionskrankheiten vor. Darunter drei der häufigsten Durchfallerkrankungen (ausgelöst durch Salmonellen, Noroviren und Rotaviren), außerdem die Grippe, die Masern, die durch Zecken übertragene Frühsommermeningitis (FSME) und eine eher unbekannte Infektion mit einem ungewöhnlichen Übertragungsweg: die Hantaviruserkrankung, die von Rötelmäusen übertragen wird.

Zur Autorin
  • Tinka und Frank Dietz
    Kristin Hüttmann ist Diplom-Biologin und arbeitet als freie Wissenschaftsjournalistin in Hamburg. Zu ihren Schwerpunkten zählen Themen aus Medizin, Biologie, Biotechnologie, Gentechnik, Stammzell- und Pharmaforschung.

Grafik-Animation: Manuel Reitz

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insgesamt 75 Beiträge
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Seite 1
ente12345 01.03.2016
1. Ohne Taschenrechner...
...wird man aus so manchen genannten Zahlen kaum schlau. Einige Krankenzahlen sind pro Jahr bzw. Saison angegeben, in der nächsten Zeile dann wieder pro Woche, so dass sich der Leser nur schwer ein Bild machen kann. Bsp.: "Von 100.000 Kindern aus dieser Altersgruppe mussten in der Saison 2014/2015 etwa 11.000 Jungen und Mädchen zum Arzt, im Vergleich zu etwa 9000 Personen pro Woche in der Altersgruppe der 35- bis 59-Jährigen." Warum nicht einfach alles in % pro Saison angeben?
bayernmuenchen 01.03.2016
2. Alle
die sich nicht impfen lassen und andere damit bewusst anstecken sind traurige Egoisten.
palef 01.03.2016
3. ..da sind sie wieder...
...die Statistik-Fanatiker des SPON...leider wieder mit einer Aussage, die sich jeder selbst zusammenbasteln kann...endlich verständlich:-))
lakonie 01.03.2016
4. Vitamin D Spiegel
Da kann Osama Hamouda noch so oft sagen, dass die Immunabwehr zum Ende des Winters noch genauso stark ist wie im Herbst. Schwachsinn! Zum Ende des Winters ist der Vitamin-D-Spiegel im Keller. Vitamin D ist unglaublich wichtig für die Immunabwehr. Die meisten Leute haben eh schon einen zu niedrigen Vitamin-D-Spiegel, weil sie den ganzen Tag drinnen hocken. Vitamin D wird durch Sonnenstrahlung über die Haut gebildet, aber nur dann wenn die UVB-Strahlung relativ steil (wie im Sommer) auf die Erde auftrifft oder wenn man oben in den Bergen ist, wo die Luft dünner ist und somit die Strahlung höher. Das ist Fakt! Wenn dann auch noch Antioxidantien (Vitamine & Co) fehlen (lange Lagerzeiten, Verluste übers Kochen, generell zu wenig Obst und Gemüse) und die Darmflora durch Industriefrass, zuviel Zucker und/oder Antibiotika (auch im Mittagessen: Hühnchen aus der Massenhaltung: Lecker!) die Darmflora geschädigt hat, dann kriegen die Leute Grippe und leider auch andere fiese Krankheiten. Aber das ist nicht populär und damit lässt sich nicht viel Geld verdienen.
ItchyDE 01.03.2016
5.
Leere Kitas und Büros? Bei 3000 Fällen pro Woche? Das heißt soviel, dass von 10.000 Einwohnern im Durchschnitt gerade mal einer mit Influenza im Bett liegt. Selbst wenn man davon ausgeht, dass die "Dunkelziffer" weitaus höher liegt. Am durchschnittlichen Krankenstand in der deutschen Wirtschaft von etwa 3-5% dürfte die Influenza einen nur sehr, sehr geringen Anteil haben.
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