Grippe: Emirate erkennen Epidemien im Internet

Nahezu in Echtzeit will das Gesundheitsministerium in Abu Dhabi vor Seuchen warnen. Helfen sollen Twitter und Google. Hierzulande sind die Behörden skeptisch, ob das sinnvoll ist. Das Robert-Koch-Institut setzt lieber auf sein neues GrippeWeb.

Frau mit Mundschutz (Bild von 2009): Internetdaten sollen Epidemien vorhersagen Zur Großansicht
AFP

Frau mit Mundschutz (Bild von 2009): Internetdaten sollen Epidemien vorhersagen

Abu Dhabi/Hamburg - Schnupfen, Husten, Fieber: Suchbegriffe wie diese sind es, die dem Gesundheitsministerium in den Vereinigten Arabischen Emiraten ab sofort eine verbesserte Früherkennung von möglichen Epidemien liefern sollen. Wie die "Ärzte Zeitung" berichtet, werden der Kurznachrichtendienst Twitter und das von Google entwickelte Analysetool Flu trends (Grippe-Trends) als Frühwarnsysteme genutzt.

Amtliche Angaben von Behörden, die auf Laborauswertungen beruhen, erfolgen meist bis zu 14 Tage später als die Tendenzen, die sich online feststellen lassen. "Gut vorbereitet zu sein, hilft nicht nur Kosten zu sparen, sondern auch beim Umgang mit dem Ausbruch, so es denn einen gibt", sagte Präventionsexpertin Nada al-Marzouqi gegenüber der "Ärzte Zeitung".

Das Tool Flu trends von Google analysiert, wie häufig spezifische krankheitsbezogene Stichworte gesucht werden. Ein Algorithmus ermittelt anhand dessen und der zugehörigen Region einen Trend, wie viele Menschen derzeit an Grippe erkrankt sind. Ähnlich funktioniert auch die Analyse durch Twitter. Hier werden die kurzen Botschaften nach Stichworthäufigkeiten untersucht und ausgewertet. Der Vorteil bei Twitter: Die Trends können noch schneller ermittelt werden, da immer mehr Nutzer Botschaften direkt von ihrem Mobiltelefon absenden.

Dass sich Flu trends tatsächlich eignet, die Häufigkeit von Grippeerkrankungen zu schätzen, zeigte sich 2009 während des Ausbruchs der Schweinegrippe. Die Internetexperten verglichen ihre Ergebnisse mit denen der US-amerikanischen Seuchenkontrollbehörde CDC, beide kamen zu gleichen Aussagen. Die Ergebnisse sind in der Fachzeitschrift "Nature" veröffentlicht, die CDC hat inzwischen einen Link zu Flu trends auf ihre Homepage gesetzt.

Eine Online-Suchanfrage ist eben kein Erreger-Nachweis

"Dennoch wird das Tool von Epidemiologen höchstens angeschaut, nicht aber für eigene Früherkennungs-Berechnungen genutzt", sagt Udo Buchholz vom Robert-Koch-Institut in Berlin. Auch im obersten deutschen Institut zur Krankheitsüberwachung ist man zurückhaltend, Twitter und Flu trends werden nicht einbezogen. "Die Zahlen, die sich aus den Online-Analysen ergeben, sind zu unspezifisch", sagt Buchholz. So würden Anfragen bei Google nur die Menschen abbilden, die Zugang zum Internet haben und dieses auch nutzen. Zudem werden Online-Portale zu stark durch die aktuelle Berichterstattung in den Medien beeinflusst. Als Beispiel nennt der Wissenschaftler die zunächst mysteriösen Todesfälle von Hunderten Schwänen auf der Insel Rügen vor sechs Jahren. Die Angst vor einer Übertragung der Vogelgrippe war groß, kein Mensch hat sich letztlich infiziert. "Eine Online-Suchanfrage ist eben kein Erreger-Nachweis." Welches Virus für die Erkrankung verantwortlich ist, welche Alters- und Risikogruppen besonders betroffen sind, können Auswertungen aus Suchanfragen leider nicht beantworten.

Das RKI setzt daher auf eine Mischung: Zu den Ergebnissen virologischer Untersuchungen und Daten zur Anzahl von Arztbesuchen aufgrund von Atemwegserkrankungen, die Mediziner der Arbeitsgemeinschaft Influenza (AGI) übermitteln, kommt das Projekt GrippeWeb. Es ist das erste Online-Portal in Deutschland, das die Aktivitäten akuter Grippeerkranken aus der Bevölkerung selbst erhebt.

Mit GrippeWeb will man eine Informationslücke schließen und die Faktenlage verbessern: Nicht jeder Mensch, der an Grippe oder einer akuten Atemswegerkrankung leidet, geht schließlich zum Arzt. Wer aber bei GrippeWeb registriert ist, meldet jede Woche anonym, ob er an Husten, Schnupfen, Halsschmerzen oder Fieber leidet. Auch wenn keine Erkrankung vorliegt, wird die Information verarbeitet.

Aktuell haben sich 2700 Deutsche bei GrippeWeb registriert, was dem Projekt für erste Analysen bereits ausreicht, gern dürften es aber noch mehr werden, sagt Buchholz. Die jährliche Influenzawelle habe allerdings auch noch nicht begonnen.

nik

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