Verkaufsstopp für Novartis: Deutschland geht der Grippeimpfstoff aus

Von Markus Grill

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Grippeimpfung: In Schleswig-Holstein, Hamburg und Bayern fehlt es an Impfstoffen

Die Firma Novartis darf ihren Grippeimpfstoff nicht mehr verkaufen, nun droht Deutschland ein dramatischer Engpass. Konkurrenzprodukte von Sanofi Pasteur und Ratiopharm sind nach Informationen von SPIEGEL ONLINE praktisch ausverkauft, viele Apotheken warten vergeblich auf Lieferung.

Hamburg - Nach dem Verkaufsstopp für Grippeimpfstoffe des Pharmakonzerns Novartis Chart zeigen steuert Deutschland auf einen dramatischen Mangel zu. Grund ist, dass Konkurrenten von Novartis nicht in der Lage sind, die Lücke zu füllen. Das Paul-Ehrlich-Institut hatte am Donnerstagnachmittag die Freigabe der Novartis-Impfstoffe Begripal und Fluad aus Sicherheitsbedenken zurückgenommen. Nun ist die Branche in heller Aufregung.

Besonders hart trifft es die Bayern: Die Krankenkassen dort haben sich auf einen Exklusiv-Vertrag mit Novartis Vaccines eingelassen und bei der Firma 1,9 Millionen Dosen des saisonalen Grippeimpfstoffs bestellt. Erst verzögerten sich die Lieferungen von Novartis immer wieder, gestern nun hatte das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) die Freigabe für zwei von drei Novartis-Impfstoffen zurückgezogen. Das Problem: Ersatz ist nicht in Sicht, denn Mitte Oktober sind die meisten Warenlager bereits leergeräumt.

"Wir haben in Bayern nur ungefähr 800.000 Dosen des Impfstoffs erhalten", sagt Thomas Metz, Sprecher des Bayerischen Apothekenverbandes, "und ich weiß nicht, wo wir den Rest nun herkriegen sollen." Bayern habe damit noch nicht mal für die Hälfte der Leute Impfstoff, die sich normalerweise gegen die saisonale Grippe impfen lassen wollen.

Das Paul-Ehrlich-Institut hatte am Donnerstagnachmittag die Freigabe der Novartis-Impfstoffe Begripal und Fluad aus Sicherheitsbedenken zurückgenommen, nachdem Ausflockungen festgestellt worden waren. Betroffen waren vier Chargen mit insgesamt etwa 750.000 Impfdosen. Verschärft wird die Situation dadurch, dass auch die Gesundheitsbehörden in Italien, Österreich und der Schweiz den Novartis-Impfstoff zurückgezogen haben. Es ist wahrscheinlich, dass andere Länder folgen. Die nun fehlenden Impfstoffe können aber kaum durch Impfstoffe anderer Firmen ersetzt werden, weil die Produktion mindestens zwei Monate dauert. Würde man jetzt mit der Nachproduktion beginnen, käme der Impfstoff für die Grippesaison zu spät.

"Die Impfstoff-Lager sind leergefegt"

Einer der größten Hersteller von Grippe-Impfstoffen, die Firma Sanofi Pasteur MSD, deckt in Deutschland etwa 25 Prozent der benötigten Impfdosen ab. "Wir bekommen täglich Anfragen vom Großhandel und von Apotheken", sagt Sanofi-Pasteur-Geschäftsführer Andreas Sander zu SPIEGEL ONLINE, "aber wir sind de facto ausverkauft." So einen Ausfall wie Novartis könne niemand auffangen. "Das wird in den nächsten Wochen auch nicht besser, sondern noch kritischer werden", prophezeit Sander.

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Betroffen ist außer Bayern und Schleswig-Holstein die Hansestadt Hamburg. Dort haben die Krankenkassen für 15 Prozent der Bevölkerung Grippe-Impfstoff geordert - ausschließlich bei Novartis. "Die Impfstoff-Lager sind nun leergefegt", sagt der Vorsitzende des Hamburger Apothekervereins Jörn Graue. "Die Situation wird immer kritischer, das ist für uns alle ziemlich grenzwertig."

In Hamburg sind bisher nur Impfdosen für weniger als vier Prozent der Bevölkerung angekommen, neue Impfdosen kämen "allenfalls noch tröpfchenweise", sagt Graue. Novartis habe in den vergangenen Wochen als Ersatz den Impfstoff Optaflu geliefert. Doch den lehnten Ärzte wegen Sicherheitsbedenken ab. "In Hamburg haben die Ärzte bisher alle Optaflu-Packungen wieder an die Apotheken zurückgeschickt", sagt Graue.

Auch die Firma Ratiopharm, die mehr als 1,2 Million Impfdosen in Deutschland ausgeliefert hat, ist nicht mehr lieferfähig. "Wir haben quasi nichts mehr", sagt Ratiopharm-Chef Sven Dethlefs. "Wir müssen unseren Impfstoff schon ein Jahr im Voraus bestellen und können nicht einfach nachbestellen." Dethlefs kritisiert die Praxis der Krankenkassen, sich in einem Bundesland von einem einzigen Lieferanten abhängig zu machen. "Damit bekommen die Kassen zwar einen günstigen Preis, gehen aber gleichzeitig ein großes Risiko ein, wenn ihr Lieferant ausfällt."

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Die für die Impfungen zuständigen Behörden empfehlen vor allem Menschen über 60 Jahren, Schwangeren, medizinischem Personal und chronisch Kranken, sich gegen die saisonale Grippe impfen zu lassen. Das Robert Koch-Institut (RKI) geht davon aus, dass im Winter 2008/2009 rund 19.000 Menschen in Deutschland an der saisonalen Influenza gestorben waren. Im Winter 2009/2010 hatte das harmlose Schweinegrippevirus die saisonale Grippe fast vollständig verdrängt.

Am Freitag haben Pharmafirmen, Krankenkassen und das PEI angekündigt, dass man kommende Woche darüber beraten werde, wie sich ein Engpass bei Grippeimpfstoffen vermeiden lässt. "Wir haben das PEI gebeten, mit den Herstellern und Krankenkassen Gespräche über die Sicherstellung der Impfstoffversorgung zu führen", sagte ein Sprecher des Bundesgesundheitsministeriums. Einen konkreten Termin dafür gebe es aber noch nicht.

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Mit Material von dapd

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insgesamt 207 Beiträge
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1. optional
thomas.b 26.10.2012
Nanu. Es gibt doch sicher einen Vertrag mit Novartis, wo drin steht, dass sie Lieferung sicherstellen bzw. garantieren müssen...
2. Wen wunderts?
schaluppe 26.10.2012
Wieder ein Schritt in Richtung Bananenrepublik...
3.
flaschenöffner 26.10.2012
Dramatischer Engpass? Davon würde ich schreiben, wenn plötzlich Trinkwasserknappheit herrschte - aber angesichts von so etwas völlig Unnötigem wie Grippeimpfstoffen von Dramatik zu sprechen... Mein Bäcker hatte heute Morgen übrigens auch einen dramatischen Engpass: es lag nur noch eine Bild-Zeitung zum Verkauf aus. Eine einzige nur!
4. Oh mein Gott,
Peter.Lublewski 26.10.2012
wir werden alle sterben - oder sollte die Panikmache dieses Mal tatsächlich etwas origineller ausfallen?
5.
KurtFolkert 26.10.2012
Ich bin noch nie gegen Grippe geimpft worden. Soll ich jetzt trotzdem in Panik geraten?
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Grippe: So schützt man sich

1. Häufig die Hände waschen. Wasser und normale Seife reichen aus, spezielle antibakterielle Seife ist nicht notwendig.

2. Die Hände vom Gesicht fernhalten. Hat man einen mit dem Virus belasteten Gegenstand angefasst, ist das Risiko groß, sich zu infizieren, wenn man sich an die Nase oder den Mund fasst.

3. Während der Grippewelle Abstand zu anderen Personen halten, engen Kontakt vermeiden. Dazu zählt auch, anderen die Hand zu geben, sich zu küssen oder zu umarmen.


Quellen: Robert Koch-Institut, Gesundheitsinformation.de

Grippe: So schützt man andere

1. Beim Niesen Nase und Mund bedecken, am besten in ein Papiertaschentuch oder den Ärmel niesen und husten, auf keinen Fall in die Hand!

2. Benutzte Taschentücher umgehend entsorgen, so dass sie andere Menschen möglichst nicht berühren können. Am besten Einwegtücher benutzen.

3. Häufig die Hände waschen, vor allem, nachdem man ein Taschentuch angefasst hat.

4. Enge Kontakte zu anderen Menschen möglichst vermeiden und mindestens zwei Meter Abstand halten. Dies gilt vor allem beim Kontakt mit Schwangeren, chronisch Kranken, Kindern und älteren Menschen.

5. In der akuten Erkrankungsphase möglichst zu Hause bleiben und regelmäßig lüften, damit der Körper frische Luft erhält und sich die Zahl der virusbelasteten feinen Tröpfchen in der Luft reduziert.


Quellen: Robert Koch-Institut, Gesundheitsinformation.de

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