Immunsystem Warum Grippe-Impfungen im Alter schlechter wirken

Menschen ab 60 müssen besonders vor der Grippe geschützt werden. Gleichzeitig reagiert ihr Immunsystem vergleichsweise träge auf die Impfung. Forscher haben jetzt die Erklärung dafür gefunden.

Illustration: Grippevirus umgeben von Antikörpern (weiß)
Getty Images/Science Photo Library

Illustration: Grippevirus umgeben von Antikörpern (weiß)


Das Immunsystem älterer Menschen reagiert langsamer und weniger vielseitig auf die Grippe-Impfung als das jüngerer Menschen. Dadurch sind Senioren weniger gut vor neuen Varianten des sich ständig wandelnden Grippevirus geschützt, berichten US-Forscher im Fachmagazin "Cell Host & Microbe".

Influenza-Viren verändern kontinuierlich winzige Strukturen auf ihrer Oberfläche, die dem Immunsystem eigentlich als Erkennungsmerkmal dienen. Antikörper docken gezielt an diese Strukturen an, sodass das Immunsystem die Viren erkennen und neutralisieren kann.

Wandelt sich ein Erreger ständig, entwickelt auch das Immunsystem eine gewisse Flexibilität. Die Gene bestimmter Immunzellen - der B-Zellen - verändern sich durch Mutationen so, dass sie verschiedene Antikörper-Varianten produzieren und gegen verschiedene Formen des Erregers gewappnet sind. Die Forscher untersuchten nun, wie sich dieser Prozess mit zunehmendem Alter verändert.

Immunsystem bleibt in der Vergangenheit hängen

Dafür verglichen sie, wie B-Zellen von jüngeren (22 bis 64 Jahre) und von älteren (71 bis 89 Jahre) Erwachsenen reagieren, wenn die Probanden mit unterschiedlichen Influenza-Viren geimpft wurden. Es zeigte sich, dass die B-Zellen der jüngeren Menschen fortwährend Veränderungen in den Antikörper-Genen ansammeln. Im höheren Alter ließ diese Fähigkeit nach.

Außerdem reagierten die Antikörper älterer Versuchsteilnehmer besonders stark auf historische Virusvarianten, die in der Kindheit der Probanden zirkulierten. Die Immunantwort auf neuere Virusvarianten fiel sehr viel schwächer aus. "Unsere Ergebnisse könnten genutzt werden, um bessere Impfstoffe herzustellen und den Schutz der älteren Bevölkerung zu verbessern", sagt Studienleiter Patrick Wilson von der University of Chicago (USA).

Eine Impfung bleibe dennoch der beste Schutz vor Influenza, betonen die Forscher. "Wir sagen nicht, dass Leute sich nicht impfen lassen sollen oder die gegenwärtigen Impfstoffe nutzlos für ältere Menschen sind", sagt Forscherin Carole Henry, ebenfalls von der University of Chicago. Ziel sei vielmehr, die Impfstoffe weiter zu verbessern.

Erste Varianten speziell für ältere Menschen seien bereits entwickelt. Die Immunantwort auf diese Impfstoffe müsste in einem nächsten Schritt untersucht werden. Solche Impfstoffe enthalten etwa Wirkverstärker.

Ältere können ihr Infektionsrisiko mit der Impfung halbieren

Die Ständige Impfkommission (Stiko) am Robert Koch-Institut empfiehlt die Grippeimpfung für alle Menschen ab einem Alter von 60 Jahren. Bei ihnen ist die Gefahr besonders groß, im Verlauf einer Grippe-Erkrankung gefährliche Komplikationen zu entwickeln.

Im vergangenen Winter dokumentierte das Robert Koch-Institut 1674 Todesfälle im Zusammenhang mit der Grippe. 87 Prozent der Betroffenen war mindestens 60 Jahre alt, 50 Prozent 80 Jahre und älter.

Auch wenn ihre Immunantwort schwächer ausfalle, könnten ältere Menschen mit einer Impfung ihr Erkrankungsrisiko halbieren, berichtet das RKI. Zudem verlaufe die Erkrankung bei Geimpften milder.

Die Grippewelle in Deutschland hat Mitte Januar begonnen, die Zahl der Erkrankungen steigt aktuell rasant an. Seit September 2018 sind dem Robert Koch-Institut zufolge 74 Menschen an den Folgen einer Grippeinfektion gestorben. 17 Prozent der Erkrankten, bei denen eine Infektion im Labor nachgewiesen wurde, mussten im Krankenhaus behandelt werden.

Bislang lässt sich nicht abschätzen, wie schwer die Grippewelle diese Saison ausfallen wird. Wer sich noch impfen lassen möchte, sollte dies schnell tun. Das Immunsystem braucht etwa zwei Wochen, bis es nach der Impfung den maximal möglichen Schutz aufgebaut hat.

irb/dpa

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