Wir machen uns mal frei Der entzauberte Hustentrank

Ein grippaler Infekt fesselt Kolumnist Jens Lubbadeh ans Bett. Doch er weiß die Rotz-und-Schnief-Zeit durchaus zu schätzen: Endlich gibt es wieder einen Schluck vom leckeren Lieblingshustensaft! Doch die Mixtur hat es in sich.


Es gibt nicht viel, was man tun kann, wenn Husten, Schnupfen und Heiserkeit zuschlagen. Nun gut, da ist die Woody-Allen-Box, die man endlich mal durchgucken könnte. Man könnte auch den "Ulysses" lesen. Oder da sind, falls das zu anstrengend ist, auch immer noch die ganzen "Drei Fragezeichen"-CDs. Aber jeder leidet anders. Es gibt Grippekranke, die sind zu gar nichts mehr im Stande und würden sich am liebsten in Hyperschlaf versetzen lassen, so wie die Astronauten in "Alien" oder "2001 - Odyssee im Weltraum".

Man legt sich in eine Box und verschläft die unproduktive und unangenehme Zeit einfach. Vorausgesetzt natürlich, dass man nicht etwa von einem durchgeknallten Supercomputer eingeschläfert wird oder ein Baby-Alien in seinem Bauch hat.

Immer ein Fläschchen Hyperschlaf-Hustensaft im Badezimmerschrank

Es gibt im allgemeinen aber nicht viel Positives, das die Leute einer Grippe abgewinnen können. Ein Highlight aber gibt es, wenn ich sterbenskrank bin: der Hustensaft, der so ähnlich wie Ouzo schmeckt. Das mag seltsam klingen, aber er ist so lecker, dass ich immer ein volles Fläschchen davon in meinem Badezimmerschrank bereithalte. Und immer, wenn ich es sehe, freue ich mich fast schon auf die nächste Grippe.

Dieser Saft macht die leidvollen Abende im Bett fast so schön wie einen Restaurantbesuch beim Griechen. Denn er ist nicht nur unverschämt lecker, sondern ein Becherchen davon versetzt einen auch umgehend in Hyperschlaf. Das kann noch nicht mal Ouzo. Jedenfalls nicht einer.

Wie der Zaubertrank das schafft? Zum einen mit 18 Prozent Alkohol, in dem jede Menge Paracetamol gelöst ist. Aber darin sind auch noch Dextromethorphan, Doxylamin und Ephedrin. Paracetamol ist klar - das ist ein Schmerzmittel und Fiebersenker. Aber Dextromethorphan? Doxylamin? Ephedrin?

Alkohol kombiniert mit allerlei Leckereien

Dextromethorphan ist ein Antitussivum, also ein Hustenblocker, sagt Wikipedia. Allerdings sagt es auch: "Dextromethorphan sollte nicht mit Alkohol kombiniert werden, da dies zu Wechselwirkungen wie Übelkeit führen kann." Hoppla. Ob das dann so gut aufgehoben ist in dem Ouzo-Verschnitt? Dextrometorphan ist auch ein Verwandter des Codeins und kann bei Überdosierung eine Drogenpsychose auslösen. Kommt daher der Hyperschlaf à la "2001"?

Doxylamin ist ein Antihistaminikum und Schlafmittel - und wirkt mit Alkohol noch stärker. Ephedrin hat eine unrühmliche Reputation als Droge und Aufputschmittel, das auch Sportler und Bodybuilder gern mal nehmen. "Es erweckt den subjektiven Eindruck, geistig oder körperlich mehr leisten zu können, was objektiv aber nicht nachgewiesen werden konnte." Aha, deswegen fühle ich mich dann auch nicht mehr elend und krank, wenn ich meine Ouzo-Medizin genommen habe. Nebenbei lässt Ephedrin auch noch die Schleimhäute abschwellen, was bei Grippe in der Regel erwünscht sein dürfte.

Diese Mischung stimmt mich nachdenklich. Der "Zaubertrank" dröhnt und betäubt und putscht zugleich auf. Ein Trank, der Absinth-Freund Vincent van Gogh gefallen hätte - aber ob das für den kranken Körper so gut ist? Eigentlich ein Wunder, dass er ohne Rezept zu haben ist. Lecker ist er trotzdem.

Quietschbuntes Vitaminregal in der Apotheke

Auf lecker sind mittlerweile auch viele andere Arzneien getrimmt, wie mir neulich in der Apotheke auffiel. Die Auslagen dort ähneln fast schon den Süßigkeitenregalen im Supermarkt. Vitaminpräparate gibt es in den Geschmacksvarianten Heißer Holunder und Cranberry. Und Hals-Lutschpastillen kommen wie Kaugummis daher in den Varianten "cool", "warm" und "dolo". Dolo kommt vom lateinischen Wort Dolor, was Schmerz heißt.

Einen Anti-Schmerz-Kaugummi hätte es übrigens fast schon mal gegeben: Ein Hamburger Schüler wollte die Idee für einen Aspirin-Kaugummi bei Jugend Forscht einreichen (am Ende machte er dann doch nur Dolo-Bonbons). Aber ein Süßigkeiten-Aspirin (oder eine Aspirin-Süßigkeit?) gibt es tatsächlich schon, natürlich im Pillenparadies Amerika: Jr. Tylenol Meltaways Aspirin, wahlweise mit Grape-Punch- oder Bubblegum-Geschmack.

Das Leben ist eine Krankheit, hundertprozentig tödlich

Die Grenzen zerfließen: Medikamente sollen immer leckerer werden und Lebensmittel immer gesünder. Ginge es nach der Pharma- und Lebensmittelindustrie, hielten wir das Leben tatsächlich für eine einzige Krankheit, die hundertprozentig tödlich endet. Dabei ist es eine wichtige und gute Erfahrung, auch mal krank zu sein. Man spürt seinen Körper und lernt ihn, lernt sich selbst dadurch besser kennen. Es ist gut, wenn der Körper uns von Zeit zu Zeit mal ausbremst. Wir tun es in unserer beschleunigten Gesellschaft selbst viel zu selten.

Vielleicht ist es daher der falsche Weg, sich in Hyperschlaf zu versetzen. Nachdem ich nun weiß, was für eine Mordsmischung er enthält, ist der Grippetrank für mich jedenfalls entzaubert. Es gibt ihn zwar auch in einer entschärften Version ohne Alkohol und Ephedrin, und vielleicht probiere ich den auch mal. Aber vielleicht auch nicht. Heiße Milch mit Honig ist ja auch lecker.

Grippaler Infekt oder echte Grippe?
Grippaler Infekt: Erkältung
Viele verschiedene Viren lösen Erkältungen aus. Die verlaufen meist harmlos, nach drei bis fünf Tagen sind die Symptome wie Husten, Kopf- und Gliederschmerzen, Heiserkeit und Halsschmerzen überstanden. Kurzzeitig kann die Temperatur erhöht sein (über 37,0 °C) oder sogar Fieber dazukommen (über 38,0 °C).

Auch wenn Viren die Erkältungen auslösen, können Bakterien dazukommen. Das ist allerdings selten. Bei viralen Infekten helfen Antibiotika nicht, kommt eine bakterielle Infektion dazu, hingegen schon. Ansonsten bleibt nur eine Behandlung der Symptome, um die Beschwerden zu lindern. Die Dauer der Erkältung verkürzt diese symptomatische Therapie aber nicht.
Echte Grippe: Influenza
Influenzaviren lösen die echte Grippe aus. Die Influenza beginnt schlagartig und dauert länger als die Erkältung. Die Symptome sind ähnlich, häufig aber stärker: Schlappheit, Kopf- und Gliederschmerzen, hohes Fieber bis hin zum Schüttelfrost.

Unerkannt kann die Grippe deutlich schlimmere Folgen als ein Virusinfekt haben. Vor allem bereits geschwächte Patienten (Kinder, chronisch Kranke) können an einer Infektion mit Influenzaviren sogar sterben. Anders als bei Erkältungen geben Ärzte bei der echten Grippe auch Medikamente, die gegen die Viren selbst helfen sollen. Gegen einen Teil der Influenzaviren gibt es jedes Jahr einen den saisonalen Erregern angepassten Impfstoff.

Mehr zur echten Grippe gibt es bei uns in der Sprechstunde: Virusgrippe.

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insgesamt 26 Beiträge
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Seite 1
Sleeper_in_Metropolis 03.07.2012
1.
Tja, bei Erkältung gibt's leider nur eines : Im Bett bleiben und das hundeelende Gefühl betäuben, entweder mit Schlaf oder Schmerzmitteln, meist mit einer Kombination von beidem. Da ist der im Artikel erwähnte Wunderhustensaft sicherlich nicht verkehrt. Verkehrt machen es nur die Yuppies und "Leistungsträger", die sich mit so einem Zeug betäuben und dann zur Arbeit gehen als wäre nichts gewesen. Nicht nur, das sie die Kollegen dadurch anstecken, sie ruinieren sich so auch langfristig die Gesundheit. Eine stattliche Sammlung von verschleppten Erkältungen kann sich irgendwann bitter rächen.
Lurchfreund 03.07.2012
2. Paracetamol und Alkohol,...
...eine interessante Kombination. Würde ich nicht nehmen. Hätte zuviel Angst, dass Paracetamol und Alkohol Metaboliten bilden, die mir die Leber zerlegen. Aber jeder wie er mag.
Dromedar 03.07.2012
3.
Zitat von sysopDPAEin grippaler Infekt fesselt Kolumnist Jens Lubbadeh ans Bett. Doch er weiß die Rotz-und-Schnief-Zeit durchaus zu schätzen: Endlich gibt es wieder einen Schluck vom leckeren Lieblingshustensaft! Doch die Mixtur hat es in sich. http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/0,1518,842232,00.html
Wie der Autor schon schreibt, enthält sowas wie WickMediNight genau die Kombinationen, vor denen Ärzte massiv warnen: Schlaf+Schmerzmittel, dazu Drogen und ordentlich Alkohol. Das Zeug ist übel gefährlich, man kann sich leicht eine Überdosis damit verabreichen (dazu reicht es sich ein paar Trinkbecher mehr davon zu genehmigen, Motto viel hilft ja viel, oder man nimmt halt über den Tag verteilt noch eine Paracetamol hier, dort ein Nasenspray und vielleicht noch Klosterfrau Mellissengeist) oder man nimmt vielleicht noch irgendein Medikament (z.B. gegen Heuschnupfen), ... . Allein dadurch kommen jeden Tag genug Leute in die Notaufnahme. Darüberhinaus ist das Suchtpotential enorm, vor allem aber auch die Gewöhnung, bei Allerwelts-Problemen wie Erkältung oder Kopfschmerzen auf Tabletten & Co zurückzugreifen. Die Suchtstationen sind mit etwa 25% medikamenten-Abhängigen voll, das Problem ist weit größer als z.B. Heroin, und bei den meisten fing das ganz harmlos an. Teufelszeug und völlig unnötig.
driftwood1973 03.07.2012
4. Was es nicht alles gibt....
Zitat von sysopDPAEin grippaler Infekt fesselt Kolumnist Jens Lubbadeh ans Bett. Doch er weiß die Rotz-und-Schnief-Zeit durchaus zu schätzen: Endlich gibt es wieder einen Schluck vom leckeren Lieblingshustensaft! Doch die Mixtur hat es in sich. http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/0,1518,842232,00.html
Ja ja, einige Apotheken sind dem Schlaraffenland für jeden Drogenafinen sehr nahe. Trotzdem hatten es auch da unsere Vorfahren ein wenig besser: Sie hatten noch die Wunderdroge Nummer eins, wenn es um husten und erkältung hemmende Arznei geht: Genau das Heroin.(entwickelt von Bayer und später auch Merck) Das war bis Anfang des ersten Weltkrieges in den meisten deutschen Apotheken Rezeptfrei erhältlich und wurde als Wundermittel angepriesen. Witzigerweise wurde das 100% reine Heroin auch Kindern mit Dosierhinweis verschrieben. Die Produktion des Heroin ging alleine in Deutschland Richtung 5 Milliarden Gramm pro Jahr. Bei der grossen Produktionsmenge sollte man doch annehmen, daß 50% der Deutschen damals Heroinsüchtig war. Aber dem war nicht so ..... Herointote kannte man damals nicht. Sicherlich ist diese Tatsache dem Konsumverhalten zurückzuführen. Damals kam keiner auf die kranke Idee, den Stoff in hohen Mengen sich intravenös oder anal einzuführen.
vincent1958 03.07.2012
5. Ach..
Zitat von DromedarWie der Autor schon schreibt, enthält sowas wie WickMediNight genau die Kombinationen, vor denen Ärzte massiv warnen: Schlaf+Schmerzmittel, dazu Drogen und ordentlich Alkohol. Das Zeug ist übel gefährlich, man kann sich leicht eine Überdosis damit verabreichen (dazu reicht es sich ein paar Trinkbecher mehr davon zu genehmigen, Motto viel hilft ja viel, oder man nimmt halt über den Tag verteilt noch eine Paracetamol hier, dort ein Nasenspray und vielleicht noch Klosterfrau Mellissengeist) oder man nimmt vielleicht noch irgendein Medikament (z.B. gegen Heuschnupfen), ... . Allein dadurch kommen jeden Tag genug Leute in die Notaufnahme. Darüberhinaus ist das Suchtpotential enorm, vor allem aber auch die Gewöhnung, bei Allerwelts-Problemen wie Erkältung oder Kopfschmerzen auf Tabletten & Co zurückzugreifen. Die Suchtstationen sind mit etwa 25% medikamenten-Abhängigen voll, das Problem ist weit größer als z.B. Heroin, und bei den meisten fing das ganz harmlos an. Teufelszeug und völlig unnötig.
....jetzt weiss ich auch,warum Oma 30 Jahre lang abends nach ihrem Gläschen Klosterfrau Melissengeist verlangt hat;.......aber das Rauchen hat der Arzt ihr verboten:-)
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