Nach Rückruf: Behörden nehmen Angst vor Impfstoff-Engpässen

Grippeimpfung: Mehr als 14 Millionen Dosen stehen bisher zur Verfügung Zur Großansicht
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Grippeimpfung: Mehr als 14 Millionen Dosen stehen bisher zur Verfügung

Trotz der Rücknahme von rund 750.000 Dosen Grippeimpfstoff besteht laut Experten kein Grund zur Panik. Alle, die wollen, könnten sich impfen lassen, sagte Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr. Der Präsident der Ärztekammer hingegen rät, besonders gefährdete Menschen zu bevorzugen.

Hamburg - Rätselhafte Flocken haben mehrere Länder Europas ins Impfstoffchaos gestürzt: In Deutschland musste Novartis fünf Chargen seiner Grippeimpfstoffe mit rund 750.000 Impfstoffdosen vom Markt nehmen. Der Zeitpunkt kommt denkbar schlecht. Unter anderem das Robert Koch-Institut rät älteren Menschen, chronisch Kranken und anderen Risikogruppen, sich noch im Herbst mit einer Impfung vor der Grippe zu schützen. Dennoch gibt es laut Experten keinen Anlass zur Sorge um größere Engpässe.

Laut Informationen des SPIEGEL hat das zuständige Paul-Ehrlich-Institut (PEI) am Freitag 620.000 Dosen Grippe-Impfstoff anderer Hersteller freigegeben. Das Bundesgesundheitsministerium spricht von insgesamt 14,08 Millionen Dosen, die bisher zur Verfügung stehen. Letztes Jahr seien rund 15 Millionen Menschen geimpft worden: "Alle diejenigen, die auch wie im letzten Jahr sich wieder impfen lassen wollen, können sich darauf verlassen, dass der Impfstoff zur Verfügung steht", bemühte sich Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) in der ARD darum, die Bevölkerung zu beruhigen.

Der Präsident der Bundesärztekammer, Frank Ulrich Montgomery, hingegen sprach sich in der "Passauer Neuen Presse" dafür aus, besonders gefährdete Menschen mit einem angegriffenen Immunsystem, etwa Krebspatienten, vorrangig zu impfen. Allerdings betonte auch er, dass Panik völlig unangebracht sei. Auf den Impfstoffmangel müsse man wie bei der Schweinegrippe reagieren: "Man muss priorisieren."

Einige Chargen der Novartis-Produkte Begripal und Fluad waren vorsorglich zurückgenommen worden, weil sie möglicherweise allergische Reaktionen hervorrufen können. Anlass der Sorge waren Ausflockungen in Impfstoffen, die in Italien vertrieben wurden. Bei dem Schritt handelt es sich um eine reine Vorsichtsmaßnahme: In Deutschland wurden die Flöckchen bisher noch nicht beobachtet, berichtet das PEI in einer Mitteilung. Auch habe das Institut in der aktuelle Saison noch keine Meldungen über schwere Unverträglichkeiten des Impfstoffs erhalten, sagte PEI-Präsident Klaus Cichutek.

Debatte um Rabattverträge

Ärzte- und Apothekerverbände warnen weiterhin vor einem Impfstoff-Engpass. Laut der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) drohe dieser zumindest in Teilen Deutschlands. KBV-Vorstand Regina Feldmann machte dafür Exklusivverträge verantwortlich, mit denen sich manche Krankenkassen an bestimmte Hersteller binden, um Rabatte zu erhalten. So haben etwa die Krankenkassen in Bayern einen Exklusiv-Vertrag mit Novartis Vaccines geschlossen und bei der Firma 1,9 Millionen Dosen des saisonalen Grippeimpfstoffs bestellt. Montgomery sagte: "Rabatte aushandeln zu wollen, ist ja in Ordnung, doch sich allein an einen Hersteller zu binden, ist falsch."

Die pharmazeutische Industrie wies alle Schuld von sich. Ihr seien die Hände gebunden, stattdessen betrieben die Kassen mit ihren Ausschreibungen eine verfehlte Politik, teilte der Industrieverband BPI mit. Derzeit haben die Kassen die Wahl zwischen 16 zugelassenen Grippeimpfstoffen. Wo welcher Impfstoff eingesetzt wird, ist selbst Spitzenverbänden unklar. Weder sie noch das Bundesgesundheitsministerium verfügen nach eigenen Angaben über entsprechende Listen. Die Kassen in jeder Region entscheiden sich individuell für Impfmittel.

Das Wichtigste zur Grippeschutzimpfung
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Die nun fehlenden Impfstoffe können kaum durch Impfstoffe anderer Firmen ersetzt werden, weil die Produktion mindestens zwei Monate dauert. Würde man jetzt mit der Nachproduktion beginnen, käme der Impfstoff für die Grippesaison zu spät. Pharmafirmen, Krankenkassen und das PEI werden in den nächsten Tagen darüber beraten, wie sich ein Engpass bei Impfstoffen vermeiden lässt. "Wir haben das PEI gebeten, mit den Herstellern und Krankenkassen Gespräche über die Sicherstellung der Impfstoffversorgung zu führen", teilte das Gesundheitsministerium mit.

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irb/dapd

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Grippe: So schützt man sich

1. Häufig die Hände waschen. Wasser und normale Seife reichen aus, spezielle antibakterielle Seife ist nicht notwendig.

2. Die Hände vom Gesicht fernhalten. Hat man einen mit dem Virus belasteten Gegenstand angefasst, ist das Risiko groß, sich zu infizieren, wenn man sich an die Nase oder den Mund fasst.

3. Während der Grippewelle Abstand zu anderen Personen halten, engen Kontakt vermeiden. Dazu zählt auch, anderen die Hand zu geben, sich zu küssen oder zu umarmen.


Quellen: Robert Koch-Institut, Gesundheitsinformation.de

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