Von Markus Grill
Hamburg - Die Grippeimpf-Saison startet chaotisch: Länder haben mit Lieferengpässen in der Versorgung zu kämpfen; ein Verkaufsstopp von Hunderttausenden Impfdosen der Firma Novartis
wegen möglicher Sicherheitsrisiken sorgt für zusätzlichen Aufruhr. Jetzt steht dem Schweizer Pharmakonzern erneut Ärger ins Haus: Der italienische Gesundheitsminister Renato Balduzzi hat Novartis vorgeworfen, zu spät über die Probleme bei der Produktion des diesjährigen Grippeimpfstoffs informiert zu haben.
Demnach habe der Konzern bereits im Juli 2012 von möglichen Problemen bei den Impfstoffen gewusst. In einem Gespräch mit dem Minister hätten Vertreter des Konzerns eingeräumt, erst gar nicht und dann nur unvollständig über Kontrollen ihrer Produktion informiert zu haben, teilte das Ministerium am Donnerstagabend nach Angaben von tagesschau.de mit.
Wenn dies zutrifft, wäre es ein harter Vorwurf. Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE hat Novartis Vaccines erst im September die Krankenkassen in Deutschland informiert, dass es zu Lieferschwierigkeiten mit dem Grippeimpfstoff kommt - mithin zu spät, als dass andere Pharmafirmen die Produktion hätten ankurbeln können. Am 6. September schickte Novartis demnach eine erste E-Mail an die AOK, in der das Unternehmen "Verzögerungen von Begripal" einräumt und von "insgesamt sehr herausfordernden Umständen" spricht. Einen Tag später schickte Novartis eine neue E-Mail, in der es nun hieß: "Verfügbarkeit von Begripal aller Voraussicht nach Anfang November."
Novartis beantwortete weder die Frage von SPIEGEL ONLINE, ob die Vorwürfe des italienischen Gesundheitsministers zutreffend seien, noch ob das Unternehmen die deutschen Krankenkassen tatsächlich erst im September informiert hatte. Nur allgemein teilt der Konzern mit: "Novartis hat seine Kunden individuell über die für sie jeweils gültigen aktuellen Lieferdaten informiert." Zu Gesprächen mit den Krankenkassen könne das Pharmaunternehmen "keine Auskunft geben, da diese der Geheimhaltung unterliegen", teilt Novartis per E-Mail mit.
Scheibchenweise Informationen
Auch der Bayerische Apothekerverband kritisiert die Informationspolitik des Unternehmens. "Wir haben von Novartis nur scheibchenweise erfahren, dass sich die Auslieferung verzögert", sagt Sprecher Thomas Metz, "und wir haben auch keine genauen Gründe genannt bekommen, warum nicht geliefert wird." AOK-Sprecher Udo Barske appelliert an das "Management dieser Weltfirma, endlich Handlungsfähigkeit zeigen. Es darf sich nicht weiter der Verantwortung entziehen und weckducken."
Doch die Pharmaindustrie kontert - und macht die Krankenkassen für den drohenden Lieferengpass verantwortlich. Sie versuchten mit Ausschreibungen einige Cent zu sparen, doch dies gehe zu Lasten der Versicherten, sagte der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes der Pharmazeutischen Industrie, Henning Fahrenkamp, am Freitag in Berlin.
Pharmaunternehmen, die bei Ausschreibungen nicht zum Zuge kämen, müssten ihre Impfstoffproduktion drosseln. Den Kassen müsse klar sein, dass es bei der Herstellung immer wieder zu Problemen kommen könne. Darum seien Impfstoffe nicht für Ausschreibungen geeignet, sagte Fahrenkamp.
Die Produktion von Impfstoffen ist deutlich aufwendiger als von normalen Pillen, es gibt nur wenige Firmen, die über entsprechende Anlagen verfügen. Zu den größten Playern in diesem Geschäft gehört die Firma Sanofi Pasteur MDS. Deren Geschäftsführer Andreas Sander räumt gegenüber SPIEGEL ONLINE ein, dass seine Firma das Produktionsloch von Novartis teilweise schon hätte auffangen können - wenn man früh genug davon erfahren hätte. "Zwei bis drei Monate Vorlauf hätten wir mindestens gebraucht", sagt Sander, dann hätte seine Firma auch aus anderen Ländern Impfstoffe umleiten können. "Bei den Impfstoffen gilt immer: je früher, desto besser."
Statt aber die Kassen rechtzeitig über ihre Lieferschwierigkeiten zu informieren, hatte Novartis als Alternative seinen Impfstoff Optaflu angeboten. Dieser ist jedoch umstritten, weil er nicht nach dem klassischen Verfahren in Hühnereiern, sondern in speziell präparierten Tumorzellen von Hunden gezüchtet wird. In den USA in Optaflu nicht zugelassen.
Umstrittenes Verfahren
Nach Informationen des pharmakritischen Arzneitelegramms hatten einige Mitglieder des Beraterkomitees der US-Zulassungsbehörde FDA Bedenken wegen der potentiell krebsfördernden Wirkung der DNA aus diesen Tierzellen geäußert. Deutsche Behörden halten Optaflu hingegen für sicher. Das für die Zulassung zuständige Paul-Ehrlich-Institut (PEI) erklärt, Optaflu sei schon in 100.000 Fällen ohne Komplikationen eingesetzt worden.
In der Pharmabranche gilt das Produktionsverfahren als revolutionär, weil die Produktion mit Hilfe von tumorigenen Tierzellen deutlich günstiger ist als die herkömmliche Grippe-Impfstoffproduktion auf Basis von Hühnereiern. Ärzte stehen dem Verfahren aber skeptisch gegenüber. Nach Angaben des Vorsitzenden des Hamburger Apothekervereins, Jörn Graue, hätten die Ärzte der Hansestadt die entsprechenden Optaflu-Impfdosen "komplett verweigert" und wieder an die Apotheken zurückgeschickt.
Das PEI hatte am Donnerstag etwa 750.000 Dosen der Novartis-Grippeimpfstoffe Begripal und Fluad zurückgerufen, nachdem Ausflockungen entdeckt worden waren. Behördenchef Klaus Cichutek appelliert nun an die Ärzte, die noch zugelassenen Novartis-Impfdosen genau anzuschauen. "Man kann mit bloßem Auge sehen, ob Ausflockungen in dem Impfstoff enthalten sind."
Bei der Rücknahme des Novartis-Impfstoffes handle es sich aber um "eine reine Vorsichtsmaßnahme", betonte Cichutek. "Wir haben keine Hinweise, dass bei diesem Impfstoff bisher tatsächlich größere Nebenwirkungen aufgetreten sind."
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Follow @m_grillMit Material von dapd
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