Deutschland Was die Grippeimpfung kann - und was nicht

Niesel, Kälte, Heizungsluft - eins ist sicher: Die Grippeviren kommen auch in diesem Jahr. Noch kann man sich impfen lassen. Wer sollte das tun und wie sicher schützt der Impfstoff?

Person beim Impfen
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Person beim Impfen


Australien hat die Grippesaison bereits hinter sich: Mehr als zweieinhalb Mal so viele Menschen wie im Vorjahreszeitraum sind erkrankt - gut 195.00 an der Zahl. Medienberichten zufolge waren die Symptome heftig, es gab Todesfälle nicht nur bei Älteren. Ein Politiker wurde mit den Worten zitiert, die Menschen hätten die Erkrankung unterschätzt. Was kann Deutschland daraus lernen?

Wie die Welle hierzulande ausfallen wird, lässt sich anhand der Erfahrungen in Australien nicht vorhersagen: "Wir leiten aus der Entwicklung im Ausland nur sehr wenig ab", sagt Ole Wichmann, Leiter des Fachgebiets Impfprävention am Robert Koch-Institut (RKI) in Berlin. Die Grippewelle könne von Land zu Land sehr unterschiedlich ausfallen, außerdem könnten unterschiedliche Virusvarianten zirkulieren. Hinzu komme, dass Grippeviren sehr wandelbar sind.

Das ist auch der Grund dafür, warum der Impfstoff jährlich angepasst werden muss. "Die Impfung ist der beste Schutz, den wir haben", sagt Wichmann. Obwohl die Effektivität "nicht optimal" sei. Denn längst nicht bei jedem Geimpften baut sich der gewünschte Schutz auf.

Impfung im Oktober und November

Ein Grund für die relativ niedrige Effektivität der Impfung: Die Empfehlung zur Zusammensetzung des Impfstoffs kommt mit einem Vorlauf von mehreren Monaten von der Weltgesundheitsorganisation (WHO), da die Herstellung von Millionen Impfdosen Zeit braucht. Das birgt das Risiko, dass die WHO-Empfehlung nicht optimal mit den später zirkulierenden Viren übereinstimmt.

Trotzdem kann die Impfung eine große Anzahl von Menschen schützen. Die Ständige Impfkommission (Stiko) empfiehlt sie für gefährdete Gruppen, zu denen Menschen ab 60 Jahren zählen, Bewohner von Alten- und Pflegeheimen, medizinisches Personal, Schwangere oder chronisch Kranke wie Diabetiker. "Nach unseren Analysen werden so im Durchschnitt mehr als eine halbe Million Fälle pro Jahr verhindert", sagte Wichmann.

Als optimaler Zeitraum für eine Impfung gelten die Monate Oktober und November - bevor die Grippewelle losrollt. Nach der Impfung dauert es bis zu zwei Wochen, bis sich der Impfschutz aufgebaut hat. In dieser Saison soll der hierzulande am meisten eingesetzte Dreifachimpfstoff vor zwei Virusvarianten vom Typ A sowie einer Virusvariante vom Typ B schützen. Daneben gibt es noch einen Vierfachimpfstoff, der einen weiteren B-Typen enthält. Der Schutz kann so etwas breiter ausfallen - vorausgesetzt, der zusätzliche Typ kursiert überhaupt.

Wer zahlt?

Bislang übernehmen die gesetzlichen Krankenkassen in der Regel die Kosten für den deutlich günstigeren Dreifachimpfstoff - außer, wenn der Arzt die Verschreibung des teureren Präparats begründet, etwa weil der Patient schwer krank ist. Hält der Arzt das nicht für nötig, könnten sich Patienten aber ein Privatrezept ausstellen lassen, wie ein Sprecher der AOK Nordost erläutert. Das heißt aber auch: Der Patient bezahlt selbst.

Mit der Frage, wie groß der Zusatznutzen des Vierfachimpfstoffs ist, beschäftigt sich die Stiko aktuell. "Die Bewertung ist im Gange", sagt Wichmann. Eine möglicherweise geänderte Empfehlung der Kommission hätte aber erst zur Grippesaison im kommenden Jahr Folgen, so der Experte. Für die Zukunft erscheinen auch andere Präparate vielversprechend: In den USA und Kanada sind laut Wichmann Hochdosis-Impfungen für Ältere auf dem Markt, deren Immunsystem nicht mehr so leicht anspringt.

Nur Erkältung - oder die echte Grippe?
    Viele sprechen von einer Grippe, wenn sie nur einen grippalen Infekt haben. Zwischen beiden gibt es aber einen großen Unterschied: Während ein grippaler Infekt in der Regel harmlos verläuft und von vielen verschiedenen Viren verursacht wird, stecken hinter einer echten Grippe nur Influenzaviren.
  • Ihre Symptome sind deutlich stärker, bei älteren, sehr jungen und immungeschwächten Menschen kann eine Infektion lebensgefährlich werden. "Auch wenn beide oft miteinander verwechselt werden, ist die Grippe eine ganz andere Nummer als ein grippaler Infekt", sagt der Virologe Stephan Ludwig von der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster.
"Wenn man eine richtige Grippe hat, dann weiß man das. Dann hat man nicht ein bisschen Schnupfen und Kopfdruck, dann hat man hohes Fieber und Schmerzen." Vor den Influenzaviren schützt die jährliche Grippeimpfung. Die harmlosen Erkältungen hingegen kann auch sie nicht abwehren.

Bislang bleiben die Impfquoten in Deutschland hinter internationalen Zielsetzungen zurück. Bei medizinischem Personal und Schwangeren seien die Werte noch niedriger als bei Senioren, erläutert Wichmann. Während medizinisches Personal durch den Kontakt mit Patienten einem erhöhten Ansteckungsrisiko ausgesetzt sei, fahre der Körper von Schwangeren das Immunsystem herunter; bei Hochschwangeren könne sich die Lunge zudem weniger gut entfalten. Sie hätten deshalb ein höheres Risiko für Komplikationen wie etwa Lungenentzündungen.

Wichtiger Schutz: Händewaschen

"Eine frühere Befragung zeigte, dass viele Schwangere die Gefahren der Grippe unterschätzen, während sie mögliche Folgen der Impfung überschätzen", sagt Wichmann. Für ein erhöhtes Risiko von Nebenwirkungen bei Schwangeren habe man jedoch "keine Anhaltspunkte". Eine Impfung wird allen Schwangeren ab dem zweiten Schwangerschaftsdrittel empfohlen.

Die wichtigste Möglichkeit, das eigene Erkrankungsrisiko zu reduzieren, ist noch einfacher als die Impfung: regelmäßiges Händewaschen. Dadurch reduziert sich neben der Infektionsgefahr mit Influenzaviren auch das Risiko, sich mit Erkältungs- und Durchfallerregern anzustecken.

hei/dpa

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