Faktencheck Was taugt die Grippeimpfung?

Jährlich sterben Tausende Menschen in Deutschland an der Grippe. Eine Impfung gegen Influenza ist die wichtigste Vorsorgemaßnahme. Wie gut schützt sie? Welcher Impfstoff eignet sich für wen? Hier sind die wichtigsten Antworten.

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Grippeimpfung: Bis sich der Impfschutz aufgebaut hat, vergehen circa zwei Wochen
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Grippeimpfung: Bis sich der Impfschutz aufgebaut hat, vergehen circa zwei Wochen


Die Grippewelle 2013/2014 begann spät, endete früh und führte zu weniger Infektionen als noch ein Jahr zuvor. Doch die kommende Grippesaison könnte heftig werden. Davor warnt das Robert Koch-Institut (RKI). Jährlich sterben in Deutschland Schätzungen zufolge etwa 5000 bis 10.000 Menschen an den Folgen einer Infektion mit Influenzaviren.

Die beste und effektivste Maßnahme, sich davor zu schützen, ist die Impfung. Der richtige Zeitpunkt: Oktober und November vor dem Start der Welle, denn es dauert etwa 10 bis 14 Tage, bis sich der volle Impfschutz aufgebaut hat. "Aber auch zu Beginn und während der Grippesaison kann es sinnvoll sein, die versäumte Impfung nachzuholen", sagt die Gesundheitswissenschaftlerin Birte Bödeker, die am RKI im Fachgebiet Impfprävention tätig ist.

Wer sollte die Impfung auf keinen Fall verpassen? Für wen ist das Nasenspray besser als die Spritze? Was machen Hühnereiweißallergiker? Ein Überblick.

Wer sollte sich impfen lassen und warum?

Die Ständige Impfkommission (Stiko) rät insbesondere Menschen ab 60 Jahren zur Impfung. Auch gesunde Schwangere ab dem zweiten Schwangerschaftsdrittel und chronisch kranke Schwangere bereits ab dem ersten Schwangerschaftsdrittel sowie Personen, die in Pflegeheimen oder Langzeitpflegeeinrichtungen leben, medizinisches Personal und Menschen jeden Alters mit chronischen Beschwerden wie etwa Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Typ-2-Diabetes sollten sich laut Stiko impfen lassen.

"Chronisch kranke Menschen erkranken aufgrund ihrer geschwächten körpereigenen Abwehr schwerer und sie leiden häufiger als Gesunde unter Komplikationen einer Grippe wie Lungenentzündungen, schwerer Bronchitis, Herzinfarkt, Schlaganfall", sagt Bödeker und warnt: "Schwangere haben bei einer Grippe ein erhöhtes Früh- und Fehlgeburtenrisiko." Außerdem schütze eine Impfung die Neugeborenen vor influenzabedingten Komplikationen während ihrer ersten Lebensmonate.

Welche Nebenwirkungen kann die Grippeimpfung haben?

"Sowohl der Lebend- als auch der Totimpfstoff sind gut verträglich und nebenwirkungsarm", sagt Bödeker. Es könne zu Lokalreaktionen wie Schwellungen und Rötungen sowie zu Muskelschmerzen und leichtem Fieber kommen. Beim Lebendimpfstoff sei eine verstopfte Nase die am häufigsten beobachtete Nebenwirkung. "Aber diese Beschwerden sind in der Regel innerhalb weniger Tagen wieder weg." Der Lebendimpfstoff ist in Deutschland nur für Kinder und Jugendliche zwischen 2 und 18 Jahren zugelassen.

Lebendimpfstoffe bestehen grundsätzlich aus geringen Mengen aktiver Erreger. Diese sind aber so abgeschwächt, dass sie sich zwar noch vermehren, aber die Krankheit nicht mehr auslösen können. Totimpfstoffe erhalten dagegen inaktivierte oder abgetötete Erreger oder Bestandteile davon.

Wie groß ist der Schutz durch die Impfung?

Eine Grippeimpfung schützt nicht in jedem Fall: Die Wirksamkeit beträgt beim gesunden Erwachsenen etwa 55 bis 70 Prozent und nimmt mit dem Alter ab, da das Abwehrsystem schwächer wird. Auch durch bestimmte Grunderkrankungen könne das Immunsystem weniger leistungsstark sein, sodass die Schutzwirkung der Impfung geringer ausfällt. "Außerdem variiert der Impfschutz von Saison zu Saison und hängt insbesondere davon ab, wie gut die grassierenden Grippeviren mit jenen im Impfstoff übereinstimmen", so Bödeker.

Eine aktuelle tierexperimentelle Studie deutet darauf hin, dass die Wirksamkeit der Impfung ebenso mit der Darmflora zusammenhängt. Möglicherweise setzt eine gute Wirkung der Grippeimpfung eine gesunde Darmflora voraus. "Inwiefern das aber auf den Menschen übertragbar ist, ist noch ungeklärt", sagt Bödeker. Trotz ihrer eingeschränkten Wirksamkeit sei die Grippeimpfung nach wie vor die wichtigste Vorsorgemaßnahme, betont die RKI-Expertin.

Ist für Kinder der Lebend- oder der Totimpfstoff besser?

Der Lebendimpfstoff wird als Nasenspray eingesetzt. "Kinder zwischen zwei und sechs Jahren sollten vorzugsweise mit dem Lebendimpfstoff geimpft werden, sofern die Grippeimpfung bei ihnen nötig ist", sagt Bödeker. Studien zeigten, dass bei dieser Altersgruppe das Nasenspray eine bessere Schutzwirkung hätte als der Totimpfstoff in der Spritze. "Und das bei einer einfacheren Verabreichung und etwa gleichem Nebenwirkungsprofil", so Bödeker. Für Kinder und Jugendliche zwischen 7 und 17 Jahren fehle dieser Beweis, der eine Empfehlung durch die Stiko nahelegen würde. Für den Lebendimpfstoff gebe es zudem Kontraindikationen: Wer etwa an schwerem Asthma leidet oder eine Immunerkrankung hat, sollte sich lieber spritzen lassen.

Was tun bei einer Hühnereiweißallergie?

Die normalen Impfstoffe gegen Influenza werden mithilfe von Hühnereiern produziert: In den Hühnerembryos werden die Viren vermehrt, für jede Impfdosis ist ein bebrütetes Hühnerei notwendig. Für Allergiker ab 18 Jahren gibt es einen verträglichen Impfstoff auf Zellkulturbasis. "Die Herstellung ist jedoch aufwendig und teuer", sagt Bödeker. Andererseits sind die Zellen für die Produktion tiefgefroren und lassen sich jederzeit auftauen und vermehren. Das hat den Vorteil, dass bei einem unerwartet hohen Impfstoffbedarf oder bei unvorhergesehenen Virusstämmen kurzfristig mehr Impfstoff produziert werden kann.

Enthält der Impfstoff die Quecksilberverbindung Thiomersal als Konservierungsstoff?

"Nein, es ist kein Thiomersal enthalten, sodass keine gesundheitsschädlichen Effekte zu befürchten sind", sagt Bödeker. Bei der Impfung gegen Influenza handele es sich um fertige Einzelspritzen, die keine Konservierung benötigten, weil der Impfstoff nicht erst aufgezogen werden müsse. "Das war bei Pandemrix, dem Impfstoff gegen die Schweinegrippe, anders."

Warum muss man sich jedes Jahr neu gegen Grippe impfen lassen?

Die echte Grippe wird durch Influenzaviren verursacht, Erreger, die extrem wandelbar sind. Jährlich werden andere Formen der Viren von Mensch zu Mensch weitergegeben - deshalb müssen jedes Jahr die Impfstoffe an die zirkulierenden Virusvarianten angepasst werden. In dieser Grippesaison setzt sich der Impfstoff aus zwei Subtypen des Grippe-A-Virus und zwei Subtypen des Grippe-B-Virus zusammen. Zudem schützt er auch gegen das Schweinegrippevirus H1N1. Der Schutz hält nur eine Saison an.

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insgesamt 129 Beiträge
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Seite 1
analyse 28.10.2014
1. Die Quelle hätte ich gern mal gewußt,aus der die Information
stammt,pro Dosis würde 1 Brutei benötigt ! Der Autor sollte das mal nachprüfen !
ruhepuls 28.10.2014
2. Interessante Daten...
Dumm nur, dass es nur Schätzungen sind. Das einzige Mal in den letzten Jahren, als man nicht schätzte, sondern zählte, kamen ganz andere Zahlen raus. Wen es interessiert, hier ist eine gute Zusammenfassung: http://www.swr.de/odysso/grippeschutzimpfung-teurer-schmu/-/id=1046894/nid=1046894/did=8613598/124wxf8/index.html
*HuHa* 28.10.2014
3. Opferzahl viel zu hoch?
Mich würde mal ernsthaft interessieren, ob es auch belastbare Quellen zu diesen ominösen mehreren Tausend Grippetoten gibt. Wenn man im Web recherchiert, bekommt man immer wieder diese großen Zahlen des Robert-Koch-Instituts - und dem gegenüber die sehr viel kleineren Zahlen von wirklich nachgewiesenen Grippetoten (siehe auch Wikipedia: Influenza). Es gibt plausible Quellen, die sagen, daß diese Riesenzahlen aus statistischem Voodoo berechnet werden - Stichwort "Übersterblichkeit". Hat jemand ernstzunehmende Quellen für die echte Opferzahl - egal ob Deutschland oder ganz Europa?
appenzella 28.10.2014
4. Wenn Viren sich zu vermehren beginnen...
Selten solch einen Schwachsinn gelesen. Viren sind Proteine und können sich nicht vermehren. Wenn ihr Erbgut in eine Zelle eingeschleust und ins Genom eingegaut wird, kann dieser DNS-Teilstrang repliziert werden. Das hat mit Vermehrung nichts zu tun, obwohl es dadurch immer mehr von diesen Proteinklonen gibt. Würde gerne wissen, wo und wie die Gesundheitswissenschaftlerin Birte Bödeker ihre akademischen Grundlagen erworben hat. Hoffentlich nicht zusammen mit dem Lügenbaron von von (und zu) Guttenberg, der gerade von Seehofer zu seinem Nachfolger aufgebaut wird. Söder ist out, ob ers wohl schon gemerkelt hat? Ja Grüezimo
Lob 28.10.2014
5. war da mal wieder die gesundheitslobby am werk?
na wenn ich das lese ist das reinste werbung fürs impfen. ...kaum nebenwirkungen ... sollte man machen ... fehlt nur noch die behauptung das man ein schmarotzer ist wenn man es nicht macht. die beste abwehr ist immer noch gesunde und gute ernährung, sport und wer möchte noch sauna. dann braucht man das nicht. wie viele andere impfungen auch. warum sind eigentlich die nebenwirkungen von impfungen nicht oder kaum erforscht und wenn sie es sind, publiziert? in einer form das jeder es versteht? impfreaktionen sind ja auch z.B fieber oder erhöhte temperatur. oder allergien die erst nach monaten oder jahren auftreten. diese reaktionen werden aber nicht mit impfen in verbindung gebracht. warum nicht? weil man es nicht wissen möchte! zum wohle der bevölkerung?!? oder zum wohle der pharmaindustrie?
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