Nach Klinikmorden Gröhe fürchtet Kontrollwahn in Krankenhäusern

Bundesgesundheitsminister Gröhe warnt angesichts des Falls von Niels H. vor einem Kontrollwahn an deutschen Krankenhäusern. Der Ex-Pfleger hatte Dutzende Patienten getötet. Dabei sollen Hinweise auf die Taten vorgelegen haben.

Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU)
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Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU)


Der Fall schockiert und lässt zumindest große Zweifel am Kontrollsystem in deutschen Kliniken aufkommen: Der ehemalige Krankenpfleger Niels H. hat offenbar jahrelang systematisch Dutzende Patienten in Delmenhorst und möglicherweise auch in Oldenburg getötet - einigen spritzte er das Medikament Gilurytmal mit dem Wirkstoff Ajmalin.

Als dann der Blutdruck abfiel, Herzrhythmusstörungen oder gar Kammerflimmern einsetzte, wollte er Kollegen und Patienten mit seinen Reanimationsfähigkeiten beeindrucken. Viele Patienten haben das nicht überlebt. Wie viele genau, wird derzeit geprüft, zahlreiche Leichen wurden bereits exhumiert.

Mindestens 33 Opfer

Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe hat angesichts der mutmaßlichen Klinikmordserie in Niedersachsen nun vor einen Kontrollwahn an Krankenhäusern gewarnt. Pflegekräfte dürften nicht unter Generalverdacht gestellt werden, sagte der CDU-Politiker dem "Tagesspiegel".

"Es muss angemessene Kontrollen geben, aber keinen Kontrollwahn, der die Kollegialität der Vermutung opfert, jeder andere könnte ein Monster sein, das zu derart schrecklichen Verbrechen in der Lage ist."

Der bereits wegen Mordes verurteilte Ex-Pfleger ist nach Ansicht von Ermittlern für den Tod von noch weitaus mehr Menschen verantwortlich. Am Klinikum in Delmenhorst soll er mindestens 33 Patienten zu Tode gespritzt haben. Die Zahl der möglichen Opfer am Klinikum Oldenburg ist noch unklar.

Ermittlungen wegen Totschlags durch Unterlassen

Polizei und Staatsanwaltschaft sehen auch Verfehlungen bei den beiden Kliniken. Ihrer Überzeugung nach lagen damals Verantwortlichen frühzeitig Hinweise auf die Taten vor. Dennoch hatte Niels H. ohne Probleme vom Klinikum Oldenburg an das Klinikum Delmenhorst wechseln können - die Kliniken hätten ihren Ruf nicht riskieren wollen, hieß es.

Gegen acht Mitarbeiter laufen Ermittlungen wegen Totschlags durch Unterlassen. Niedersachsens Gesundheitsministerin Cornelia Rundt (SPD) sieht vor diesem Hintergrund Strukturproblemen in den Krankenhäusern.

Gröhe warnte dagegen davor, die Taten auf mangelnde Kontrolle infolge von Arbeitsdruck und schlechter Personalausstattung zurückzuführen. "Keine noch so gute Personalausstattung wird einen Mörder daran hindern, einen unbeaufsichtigten Moment für sich zu nutzen", sagte er der Zeitung. Er plädierte dafür, erst nach Abschluss der Ermittlungen über strengere Kontrollen nachzudenken.

joe/dpa



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