Unbemerkter Fremdkörper Frau hatte Kontaktlinse 28 Jahre im Auge

Der Horror vieler Kontaktlinsenträger hat eine 42-Jährige aus Großbritannien komplett kalt gelassen. Schließlich wusste sie 28 Jahre lang nicht, dass eine Linse in ihrem Auge verschwunden war.

Die Kernspinaufnahmen zeigen, dass sich über dem linken Auge (Pfeile) ein weißer Fleck befindet, den die Ärzte zunächst für etwas anderes als eine Kontaktlinse hielten.
BMJ Case Reports

Die Kernspinaufnahmen zeigen, dass sich über dem linken Auge (Pfeile) ein weißer Fleck befindet, den die Ärzte zunächst für etwas anderes als eine Kontaktlinse hielten.


Das Problem bei verrutschten Kontaktlinsen ist ja nicht nur, dass es sich unangenehm anfühlt und die Augen tränen. Ein Problem ist auch dieses Unbehagen, dass man die Linse eventuell nicht wiederfindet. Dass sich das glibschige Ding - im wahrsten Sinne des Wortes - auf Nimmerwiedersehen verabschiedet und hinter das Auge rutscht. Das passiert in den seltensten Fällen.

Einer Frau aus Großbritannien ist genau das passiert. Allerdings ahnte sie 28 Jahre lang nichts davon.

Als sich die Frau das erste Mal Sorgen um ihr Auge macht, ist ihr linkes Augenlid leicht angeschwollen und hängt herab. Einen kleinen Unterschied zwischen dem linken und rechten Augenlid hatte die 42-Jährige "schon immer" - sie hält das für eine individuelle und unproblematische Abweichung von der Norm. Aber jetzt tastet sie eine erbsengroße Verhärtung unter der Haut des linken Oberlides. Diese wächst über Tage und Wochen und beginnt zu schmerzen.

Hohlraum im Augenlid

Nach sechs Monaten sucht die Frau endlich einen Arzt auf und zeigt ihm ihr leicht geschwollenes Auge mit dem schmerzhaften Knoten. Der Allgemeinmediziner schickt die Patientin weiter zur Augenklinik der University of Dundee.

Das linke Augenlid hängt etwas weiter herab als das rechte
BMJ Case Reports

Das linke Augenlid hängt etwas weiter herab als das rechte

Die Ärzte dort erkennen den Unterschied zwischen den beiden Augen sofort. Weitere Auffälligkeiten gibt es allerdings nicht, das Auge ist nicht gerötet und auch ihre Sehstärke ist auf beiden Seiten normal.

Weil der Knoten langsam zu wachsen scheint, fertigen die Radiologen in der Klinik Kernspinbilder vom Kopf der Patientin an. Auf den Aufnahmen wird ein sehr weißer Fleck sichtbar, den die Ärzte als Zyste interpretieren. Dabei handelt es sich um einen Hohlraum, der im Fall der Frau offenbar mit proteinhaltigem Material gefüllt ist.

Die Kernspinaufnahmen zeigen, dass sich über dem linken Auge (Pfeile) ein weißer Fleck befindet, den die Ärzte zunächst für etwas anderes als eine Kontaktlinse halten
BMJ Case Reports

Die Kernspinaufnahmen zeigen, dass sich über dem linken Auge (Pfeile) ein weißer Fleck befindet, den die Ärzte zunächst für etwas anderes als eine Kontaktlinse halten

Ein vermeintlich harmloses Spiel war schuld

Weil die Zyste schmerzt, wächst und unklar ist, um was für ein Gewebe es sich handelt, entscheiden sich die Ärzte gemeinsam mit der Patientin für eine Operation, wie sie im Fachmagazin "BMJ Case Reports" berichten. Bei dem Eingriff stoßen die Operateure auf eine im Oberlid eingekapselte Zyste, das umliegende Gewebe ist nicht entzündet oder geschädigt.

Als sie den Knoten abtragen wollen, reißt die Zyste allerdings - und legt eine harte Kontaktlinse frei. Die Ärzte präparieren die Linse frei, sie ist nahezu unbeschädigt. Erst beim Herausziehen mit einer Pinzette brechen kleine Stücke ab und sie reißt ein.

Die entfernte, eingetrübte Linse. Alter: vermutlich 28 Jahre
BMJ Case Reports

Die entfernte, eingetrübte Linse. Alter: vermutlich 28 Jahre

Nach dem Eingriff berichten die Ärzte der Patientin von ihrem Fund. Erst nach einem Gespräch mit ihrer Mutter kann sie das Rätsel lösen: Vor 28 Jahren, erinnert sich die Mutter, hatte ihre Tochter einen kleinen Augenunfall. Das damals 14-jährige Mädchen spielte Badminton und ein Federball traf es heftig am Auge. Die harte Kontaktlinse, die es damals trug, war durch den Aufprall rausgerutscht - so hatten es Eltern und Tochter damals vermutet. Weil das Auge des Mädchens stark geschwollen war und wehtat, hatte es nicht bemerkt, dass die Kontaktlinse offenbar unter dem Augenlid verschwunden war.

Es kommt immer wieder vor, dass Fremdkörper sehr lange Zeit unbemerkt im Körper verweilen und erst nach Jahren oder Jahrzehnten Probleme bereiten. So lief ein Dreijähriger acht Monate lang - unter anderem - mit einer Unterlegscheibe in seiner Speiseröhre herum, die er beim Spielen verschluckt hatte. Eine junge Mutter trug vier Jahre lang Tücher in ihrem Körper, die Ärzte bei einem Kaiserschnitt in ihrem Bauch vergessen hatten. Und ein 47-jähriger Mann aus Großbritannien wurde erst 40 Jahre, nachdem er eine Playmobil-Pylone inhaliert hatte, davon befreit.

Warum die Linse nach jahrelanger unbemerkter Verkapselung plötzlich Beschwerden bereitet hat und das Augenlid anschwollen ist, können die Ärzte nicht erklären. Die Patientin erholt sich nach dem kleinen Eingriff gut. Kontaktlinsen trägt sie seit dem Badmintonunfall ohnehin nicht mehr.

hei

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