Langzeitstudie Briten werden seltener dement

Wer heute alt wird, erkrankt seltener an Demenz als noch vor 20 Jahren. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Studie zumindest für England. Ist die Demenz trotz alternder Gesellschaft doch kein so großes Problem?

Gefangen in einer vergangenen Welt: Mit dem Alter droht Demenz
Corbis

Gefangen in einer vergangenen Welt: Mit dem Alter droht Demenz


Hat er einmal angefangen, lässt sich der Gedächtnisverlust kaum bremsen. Stück für Stück reisen die Betroffenen in ihrer Erinnerung zurück. Erst vergessen sie, wo sie ihren Schlüssel abgelegt haben. Dann, wo sie sich gerade befinden. Und schließlich, ob sie Kinder haben. Demenz ist ein Gespenst des Alters. Und mit der alternden Gesellschaft auch eines der Bevölkerung.

Mittlerweile mehren sich allerdings die Hinweise darauf, dass die heutigen Rentner rüstiger sind als noch vor ein paar Jahren - und die Zukunft damit möglicherweise auch etwas rosiger. Dafür spricht auch eine aktuelle Studie im Medizinjournal "The Lancet". Demnach waren 2011 im Schnitt deutlich weniger Briten dement als noch 20 Jahre zuvor.

Für ihre Studie imitierten die Forscher um Fiona Metthews von der Cambridge University im Jahr 2011 eine Untersuchung, die 1991 schon einmal fast genau so stattgefunden hatte. Mit Hilfe von Interviewern erfassten sie den gesundheitlichen und vor allem geistigen Zustand der Bewohner drei Regionen Englands (Cambridgeshire, Newcastle und Nottingham). Dabei untersuchten sie in jedem Gebiet mindestens 2500 Personen, die nach dem Zufallsprinzip ausgewählt wurden und mindestens 65 Jahre alt waren.

Modernes Forschen mit veralteten Methoden

Zwar hat sich innerhalb der letzten 20 Jahre viel in dem Forschungsbereich getan, beispielsweise bei den bildgebenden Verfahren. Um aber dennoch vergleichbare Aussagen treffen zu können, stützten die Forscher ihre Demenz-Diagnosen auch 2011 auf die mittlerweile veralteten Verfahren und Diagnosekriterien von 1991.

Bei der Auswertung zeigten sich deutliche Unterschiede zwischen der Gruppe von 1991 und der von 2011: Während Ende des vergangenen Jahrhunderts noch 8,3 Prozent der mindestens 65-jährigen Briten von einer Demenz betroffen waren, litten 20 Jahre später nur noch 6,5 Prozent der Gruppe unter dem Gedächtnisschwund.

Auf den ersten Blick mag der Unterschied gering wirken, die absoluten Zahlen allerdings machen die Dimensionen deutlich. Rechnet man die Demenz-Häufigkeit von 1991 auf die Bevölkerung von 2011 hoch, müssten in Großbritannien heutzutage 884.000 Menschen dement sein. Nach dem aktuellem Wert hingegen sind mit 670.000 Menschen deutlich weniger betroffen - ein Unterschied von mehr als 200.000.

Dieser Trend verblüffte die Forscher - eine Erklärung dafür kann die Studie allerdings nicht liefern. Stattdessen beschreiben die Autoren eine Reihe möglicher Einflussfaktoren: Eine bessere Bildung etwa könne einer späteren Demenz entgegenwirken. Die steigende Verbreitung von Übergewicht in der Bevölkerung hingegen würde eher für eine Zunahme der Demenzfälle sprechen, so die Wissenschaftler.

Noch lange keine Entwarnung

Zudem hat die Studie - neben den veralteten Diagnosewerkzeugen - noch einen weiteren Haken: Im Gegensatz zu 1991 hatten die Forscher 2011 große Probleme, genügend Teilnehmer zu finden. Nur knapp jeder Zweite der zufällig ausgewählten Senioren erklärte sich zu einer Teilnahme bereit. Theoretisch wäre es möglich, dass die Forscher damit viele Problemfälle einfach nicht erfasst haben.

Dem räumen die Wissenschaftler allerdings nur eine geringe Wahrscheinlichkeit ein: "Um auf dasselbe Niveau wie 1991 zu kommen, müsste mindestens jeder zweite Nichtteilnehmer im Alter über 80 dement sein", schreiben sie. Wahrscheinlicher sei, dass das gestiegene Bewusstsein für Datenschutz die Suche nach Studienteilnehmern erschwere.

Zudem deckt sich ihr Ergebnis mit weiteren, aktuellen Studien. Erst vor wenigen Tagen war eine dänische Studie zu einem ähnlich hoffnungsvollen Ergebnis gekommen: Neunzigjährige sind heute demnach geistig fitter als noch vor kurzer Zeit. Eine Entwarnung bedeutet das aber noch lange nicht: "Die Erkenntnis, dass die Verbreitung von Demenz in der älteren Bevölkerungsgruppe sinkt, ist wichtig und begrüßenswert", bewertet "Lancet"-Chefredakteur Richard Horton das Ergebnis laut einer Mitteilung. "Es sollte aber kein Signal für die Regierung sein, ihre Investitionen in die Versorgung von Dementen und in die Forschung zu kürzen."

Demenz bleibe eine große Herausforderung für die Betroffenen, ihre Familien, das Gesundheitssystem und den Fiskus. "Wir müssen besser verstehen, warum die Verbreitung von Demenz zurückgegangen ist - und was das für die Prävention und die Versorgung bedeutet", sagt Horton.

irb

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insgesamt 33 Beiträge
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lotusmond 16.07.2013
1. weniger BSE weniger Demenz
Ob die geringere Demenzwahrscheinlichkeit bei Menschen auf die kaum noch messbare BSE Inzidenz bei Rindern zurück zu führen ist?
egon_kallinski 16.07.2013
2. Die Briten...
... haben eine lange Tradition mit leicht schrägen Typen auszukommen. Das hilft sicher.
bettyboop2013 16.07.2013
3.
Ob Demenz doch kein so großes Problem ist? Lassen Sie mich nachdenken ... Wie war Ihre Frage nochmal?
dadanchali 16.07.2013
4. nee
Zitat von sysopCorbisWer heute alt wird, erkrankt seltener an Demenz als noch vor 20 Jahren. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Studie zumindest für England. Ist die Demenz trotz alternder Gesellschaft doch kein so großes Problem? http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/grossbritannien-weniger-demente-als-noch-vor-20-jahren-a-911331.html
Vielleicht weil der Unterschied von der Demenz zum Durchschnitt der Bevölkerung geringer ausfällt :)).
yogibimbi 16.07.2013
5. ich würde fast wetten...
...dass das mit mehr Sport zu tun hat.
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